Einer der zentralen Punkte auf der Agenda der wohl künftigen Koalition zwischen CDU, CSU und SPD: der Bürokratieabbau. Ein hehres Ziel – aber wer in Deutschland jemals versucht hat, ein Formular korrekt auszufüllen, weiß: Die größte Hürde ist nicht das Kleingedruckte, sondern das Großgewortete.
In der deutschen Verwaltung herrscht eine Sprache, die so kompliziert ist, dass man manchmal das Gefühl hat, sie sei von einem Wort-Sadisten erfunden worden. Oder wie es Sprachwissenschaftlerin Christine Möhrs im Interview mit „Deutschlandfunk Kultur“ zusammenfasst: „Für lange Wörter und auch Sätze sind wir Deutschen bekannt.“ Leider nicht nur bei Scrabble.
Wörter wie aus einem Paralleluniversum
Ein Blick in die Welt der Beamtendeutsch-Schöpfungen zeigt, wie sehr sich die deutschen Amtsstuben vom Alltagsverstand entfernt haben:
- „Abstandseinhaltungserfassungsvorrichtung“ – was nach einem besonders raffinierten Gerät klingt, meint einfach nur Markierungen auf der Autobahn, die zeigen, wie viel Abstand man zum Vordermann halten soll.
- „Restmüllbeseitigungsbehälterentleerung“ –ist lediglich das, was die Müllabfuhr macht.
- „Raumübergreifendes Großgrün“ – ein Begriff, bei dem man an ein botanisches Monster denkt. Tatsächlich handelt es sich hier schlechtweg um einen Baum.
- „Personenvereinzelungsanlage“ – gemeint ist nicht etwa ein Gerät aus einem Splatter-Horrorfilm, sondern ein ganz normales Drehkreuz.
Und wer glaubt, das sei alles nur selten genutzte Kuriosität, der möge sich mit der
„Mittelfristenergieversorgungssicherungsmaßnahmenverordnung“
vertraut machen – eine Regelung zu Energiesparmaßnahmen in Gebäuden, deren Aussprache vermutlich länger dauert als deren Umsetzung. Eigentümer von Häusern, in welchen Anlagen zur Wärmeerzeugung durch Erdgas genutzt wurden, waren laut der Verordnung beispielsweise dazu verpflichtet, eine Heizungsprüfung durchzuführen und die Heizungsanlage des Gebäudes optimieren zu lassen.
Die „EnSimiMaV“ , wie sie abgekürzt wurde, ist seit Ende 2024 allerdings wieder außer Kraft – zum Glück eines jeden, der fürs Lesen der Verordnung nicht erst ein Sprachstudium absolvieren will.
Wenn Sprache zur Barriere wird
„Die Bürokratie ist mittlerweile zu einem Hemmnis für unsere Gesellschaft geworden", warnt Edwin Bölke, stellvertretender Vorsitzender des Gesundheitspolitischen Arbeitskreises der NRW-CDU in der „Rheinischen Post". „Sie zeigt, dass der Staat seinen Bürgern nicht vertraut.“
Dass dieses Misstrauen vor allem in der Sprache sichtbar wird, weiß auch Michaela Blaha. Sie hat IDEMA mitgegründet – ein Unternehmen, das sich schon seit den frühen 2000er-Jahren bemüht, Amtsdeutsch verständlicher zu machen. Gefragt ist ihre Beratung immer noch: „Es ist eigentlich ein Skandal!“, so Blaha im Gespräch mit „Deutschlandfunk Kultur". „Man kann es auch ruhig mit solchen drastischen Worten sagen. Wieso finanziere ich was, was ich aber nicht verstehen kann? Wieso muss ich da immer anrufen? Und dann wird mir teilweise gesagt: ‚Ja, jetzt lesen Sie den Brief erst mal und dann können Sie mich noch mal anrufen.‘ Ich habe den gelesen, fünfmal. Habe es trotzdem nicht verstanden. Das ist ein Skandal. Deutschland ist in der Hinsicht ein Entwicklungsland.“
Auch Ute Helfferich vom Projekt „Verbraucher stärken im Quartier“ erlebt täglich, wie Behördenbriefe Menschen überfordern: „Viele verstehen einfach nicht, was man von ihnen will. Das führt sogar dazu, dass Fristen versäumt werden – obwohl niemand etwas dafür kann.“
Bürokratieabbau – nur auf dem Papier?
Dass die Sprache allein nicht das Problem ist, betont Sprachwissenschaftlerin Möhrs: „Deutschland ist im Ländervergleich der König der Bürokratie – bei Corona hatten wir zum Beispiel die detailliertesten Verordnungen.“ Will heißen: Auch die verständlichste Sprache hilft wenig, wenn der Inhalt sich durch fünf Anhänge und 37 Ausnahmeregelungen windet.
Vielleicht wäre ein sinnvoller erster Schritt der neuen Regierung gar nicht ein weiteres Gesetz zur Vereinfachung der Verwaltungssprache, sondern schlicht ein bisschen Vertrauen in die Intelligenz der Bevölkerung – und der Mut, einen Baum einfach wieder „Baum" zu nennen.