Bei "Maischberger" inszeniert sich Cem Özdemir als Grüner im Schafspelz

Cem Özdemir hat es gut. Er sei aktuell "der freieste Politiker Deutschlands", attestiert "Politico"-Chef Gordon Repinski dem Spitzenkandidaten der Grünen in Baden-Württemberg. Bis zur Landtagswahl am 8. März 2026 darf Özdemir die Parteiräson in den Stuttgarter Wind schreiben und so viel Distanz wie nur möglich zu den Bundes-Grünen aufbauen. Damit die Wähler im Ländle verstehen: Wer Özdemir wählt, bekommt ein weiteres Mal Winfried Kretschmann als Landesvater. Nur eben in jünger und weniger katholisch.

Gut 630 Autokilometer liegen zwischen Stuttgart und Berlin. Nach Özdemirs Solotalk bei "Maischberger" fühlt sich diese Entfernung aber sehr viel größer an. Hier das römische Reich, unten links das "gallische Dorf", wie Özdemir es formuliert. Seine Rolle in diesem Rebellen-Dorado? "Miraculix", schlägt er selbst vor.

Bitter für die Ländle-Grünen mit Özdemir: nur Platz drei im Ranking

Vermutlich, weil der ehemalige Landwirtschaftsminister im Kabinett Scholz Zauberkräfte bräuchte, um die Begeisterung der Baden-Württemberger für eine weitere Runde Grün-Schwarz zu reaktivieren. Bei der Landtagswahl 2021 holten die Grünen mit Kretschmann als Galionsfigur satte 32,6 Prozent der Stimmen, man träumte damals bereits von einer grünen Volkspartei. Doch derzeit liegen die Grünen in der Wählergunst mit 20 Prozent in den Umfragen nur auf dem dritten Platz: hinter der CDU mit 29 Prozent und – besonders bitter - inzwischen auch knapp hinter der AfD mit 21 Prozent.

Für Özdemir ist es fast ein Gewinn, dass die Bundes-Grünen aktuell auf den Oppositionsbänken sitzen und Schwarz-Rot ausreichend Lärm und Schlagzeilen produzieren, sodass die Grünen eher unter dem medialen Radar segeln. Bei "Maischberger" tut Cem Özdemir trotzdem so, als kenne er die bucklige Berliner Wahlverwandtschaft kaum.

Özdemir bei "Maischberger": "Wir sind etwas anders"

"Ich bin baden-württembergischer Grüner", betont der ehemalige Bundesminister Özdemir, "wir sind schon lange etwas anders". Als grüner Spitzenpolitiker in Stuttgart darf man sich beispielsweise als Klimaretter bezeichnen und trotzdem einen Dienstwagen mit Stern vorne fahren. In Berlin kurvte Özdemir hingegen 2021 auf dem Bio-Bike zur Amtsernennung im Schloss Bellevue.

Darf es noch ein bisschen mehr Schafspelz sein? Während die Bundes-Grünen es für einen Fehler halten, vom europäischen Verbrenner-Aus bis 2035 abzuweichen, will sich Özdemir von Sandra Maischberger hier partout auf keine Zahl festlegen lassen: "Ich kann die Jahreszahl nicht nennen", bescheidet er ihr und all den Schaffern bei Porsche und Mercedes. 

Seine Botschaft an die Wähler im Auto-Ländle: "Lasst uns flexibel sein im Weg, aber klar im Ziel." Soll heißen: Prinzipiell glauben wir an die Elektromobilität. Aber wenn sie später kommt: auch okay.

Selbstkritik: An den Grünen "gibt es viel zu kritisieren"

Dass seine Partei Bundeskanzler Friedrich Merz nach der "Stadtbild"-Debatte Rassismus vorwarf, will Özdemir so auch nicht stehen lassen, als Schwabe mit türkischen Wurzeln verstehe er schließlich "ein bisschen was von Rassismus". Was natürlich nicht als Vorwurf gegenüber den Wählern interpretiert werden darf: "Wir sind in Baden-Württemberg weltoffen, wir akzeptieren Schwäbisch, Badisch, Hohenlohisch, Kurpfälzisch, sogar Hochdeutsch." Und selbst wetterwendisch spricht Özdemir fließend.

Wann kommt das Verbrenner-Aus? Cem Özdemir will Sandra Maischberger hier keine Jahreszahl nennen
Wann kommt das Verbrenner-Aus? Cem Özdemir will Sandra Maischberger hier keine Jahreszahl nennen ARD

Ohne sich gleich so radikal aus dem Fenster zu hängen wie der Ex-Grüne Boris Palmer, wagt sich Cem Özdemir zumindest an den Fensterrahmen: "Ich kritisiere meine Partei gerne, und da gibt es viel zu kritisieren", sagt er. Denn manchmal denke er schon: "Warum machen wir uns das Leben so schwer?"

Sich verbeugen vor Berlin? Nicht mit Kretschmann

Ja, warum eigentlich? Winfried Kretschmann, seit 2011 grüner Ministerpräsident in Baden-Württemberg, hat es geschafft, Ökonomie und Ökologie so zu verbinden, dass sich die beiden Prinzipien nicht widersprechen, sondern ergänzen. In Baden-Württemberg schätzte man ihn ebenso für seine pragmatisch-grüne Realpolitik wie für seine verlässlich bruddlige Art.

Bei Kretschmann wusste man eben stets, woran man war. Mehrfach wurde der Ex-Lehrer für seine persönliche Integrität und Glaubwürdigkeit ausgezeichnet. Sich verbiegen? Oder gar verbeugen vor den Kollegen in Berlin? Hatte der Landesfürst im Süden nie nötig.

Von all dem ist Cem Özdemir weiter entfernt, als ihm offenbar selbst bewusst ist. Als Sandra Maischberger von ihm wissen will, was ihn von Winfried Kretschmann unterscheidet, fallen ihm auf die Schnelle nur zwei Dinge ein: die Frisur und das Alter. Ob das die Wähler am 8. März 2026 auch so sehen, darf bezweifelt werden.