Über lange Monate wollte Donald Trump den Eindruck erwecken, er halte den Schlüssel zu einem eventuellen Ende des Ukraine-Krieges in der Hand. Spätestens am Sonntag nach seinen Gesprächen mit Wolodymyr Selenskyj in Mar-a-Lago ist hingegen klar, dass dieser Schlüssel längst im Besitz von Wladimir Putin ist. Allein der russische Präsident wird entscheiden, wie es weitergeht in den Verhandlungen zu einer Beendigung seines Krieges gegen die Ukraine.
Im Video: Als Trump über "Hilfe" Putins spricht, kann sich Selenskyj nur schwer beherrschen
Trump-Selenskyj-Gipfel in Mar-a-Lago: Keine Machtmittel gegen Putin
Der angebliche „Dealmaker“ Trump, der nach dem Mar-a-Lago-Gipfel tapfer behauptet, die Streitfragen seien „zu 95 Prozent geklärt“, hat keinerlei Machtmittel, um Putin zu irgendeiner Form von Zustimmung oder gar zu einem direkten Gespräch mit Selenskyj zu bringen.
Da mag Trump das Treffen, dem Telefonate mit Putin vorausgingen und folgten, noch so vollmundig als „exzellent“ bezeichnen, dennoch gab es keinen Durchbruch. Das wurde auch dadurch unterstrichen, dass Selenskyj nach dem Gespräch das Ausmaß der Einigungen mit 90 Prozent bezifferte – exakt der gleiche Wert, den er auch vor dem Gespräch genannt hatte.
Friedensverhandlungen Ukraine: Gebietsabtretungen und Nato-Mitgliedschaft
Und: Was nützt die von Trump versicherte 95-Prozent-Einigung, wenn exakt in den fehlenden 5 Prozent die eigentlichen Streitthemen liegen, von Gebietsabtretungen (Stichwort Donbas) über die Frage einer Nato-Mitgliedschaft der Ukraine bis zum Atomkraftwerk Saporischschja.
Kiew hatte vorgeschlagen, das Kraftwerk von einem US-ukrainischen Joint Venture betreiben zu lassen, wobei jeweils 50 Prozent des erzeugten Stroms an die Ukraine und an die USA gehen sollen. Das dürfte für Trump verlockender klingen als für Putin.
Alle diese Probleme sind ungelöst. Nebenbei hat Trump erneut signalisiert, bei wem seine Sympathien liegen. Mitte August empfing er bekanntlich den andernorts als Kriegsverbrecher zur Verhaftung ausgeschriebenen Putin im Bundesstaat Alaska mit rotem Teppich, freundlichem Beifall, Handschlag und Tätscheln der Schulter wie der rechten Hand, bevor er den Besucher zu einer gemeinsamen Fahrt in die Präsidentenlimousine einlud.
Für Selenskyj hingegen war am Samstag bei seiner Landung am Palm Beach International Airport kein Teppich ausgerollt worden, es gab keine Empfangszeremonie und keinen Vertreter der US-Regierung am Flughafen. Lediglich die neue ukrainische Botschafterin in Washington, Olha Stefanischyna, begleitet von einem Militär und einem Zivilisten, empfing ihren Präsidenten.
Diplomatische Spannungen: Trumps Verhältnis zu Selenskyj und Putin
Am Sonntag bei der Ankunft in Mar-a-Lago begrüßte Trump den Gast immerhin mit einem geschäftsmäßigen Handschlag, aber ohne jede weitere Nähe oder Herzlichkeit. Immerhin: Hatte Trump noch im Februar Selenskyj aus dem Weißen Haus werfen lassen, lobte er ihn diesmal. „Dieser Gentleman hat sehr hart gearbeitet und ist sehr mutig, und seine Leute sind sehr mutig“, sagte Trump, und das klang gönnerhaft.
Eher lebensfremd und naiv klang es, als Trump unter Berufung auf sein vorangegangenes Gespräch mit Putin in der Abschluss-Pressekonferenz versicherte, der Russe habe sich „sehr freundlich“ geäußert und wolle die Ukraine „erfolgreich sehen“ – da musste der neben ihm stehende Selenskyj schlicht grinsen.
Russland hält derweil an seiner wahren Linie fest, laut der ein Waffenstillstand ohne Zugeständnisse an russische Forderungen nicht tragfähig sei. Gespräche über Friedensideen würden am besten funktionieren, wenn die Ukraine „mutige Entscheidungen“ über territoriale Fragen treffe – der klare Hinweis darauf, dass Moskau weiterhin auf territoriale Zugeständnisse drängt.
Selenskyj wiederum schließt derartige Zugeständnisse seit Längerem nicht mehr aus, betonte aber auch in Florida, dass derartige Entscheidungen in einem Referendum von der gesamten Bevölkerung, einschließlich der im Ausland lebenden Ukrainer, gefällt werden müssten.
Rolle der EU: Friedrich Merz und Emmanuel Macron in Ukraine-Gesprächen involviert
Allerdings gibt es aus der Sicht von Kiew auch einen positiven Aspekt: Selenskyjs Position wird dadurch gestärkt, dass Trump die Europäer inzwischen offenkundig ernst nimmt. Im Anschluss an ihr Gespräch telefonierten Trump und Selenskyj gut 80 Minuten mit Bundeskanzler Friedrich Merz, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, dem polnischen Präsidenten Karol Nawrocki, dem britischen Premier Keir Starmer, EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und weiteren europäischen Vertretern.
„Er hat nichts, bis ich es absegne“, hatte Trump kurz vor dem Treffen in seinem Anwesen in Florida mit Blick auf Selenskyj gesagt. „Wir werden also sehen, was er hat.“
Das trifft zwar angesichts der Machtpotenziale zu. Aber genauso richtig ist, dass der nach einem Kriegsende gierende und darum auf einen möglichst raschen Frieden drängelnde Trump wenig in Händen hat, solange Putin ein Angebot der Ukraine nicht absegnet. „Er hat nichts, bevor ich es nicht absegne“, das mag mit Blick auf Trump auch Putin denken.
Der Beitrag stammt von The European. Von unserem Autor Ansgar Graw erschien unlängst das Buch: „Die Ära Trump. Chancen und Risiken für Amerika und die Welt“