„Dieser Wald ist den Leuten nicht egal“: Abschied vom Chef des Ebersberger Forstes

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„Das ist nicht mein Wald“, sagt Heinz Utschig, als Betriebsleiter 20 Jahre lang Herr über den Ebersberger Forst. Wer ihn kennt, will widersprechen. Nun geht er in Ruhestand. Das Bild zeigt ihn in der Waldbadewanne nahe St. Hubertus. © Stefan Rossmann

Seit 20 Jahren ist Heinz Utschig der Herr über den Ebersberger Forst. In dieser Zeit hat er dieses grüne Herz des Landkreises nicht nur forstwirtschaftlich geprägt, sondern vielen Menschen erst richtig nahegebracht. Nun, mit 66, geht er bald in Ruhestand. Höchste Zeit für einen Spaziergang.

Landkreis – Das Fichtengestrüpp drängt sich so dicht an Heinz Utschig heran, dass es fast seinen braunen Filzhut streift. Die orangefarbene Waldarbeiterjacke leuchtet durchs dämmrige Unterholz wie ein auflodernder Schwelbrand. Dann, ein paar Schritte den Pfad entlang, öffnet sich der Wald, das verschattete Dickicht weicht turmhohen Fichtenstämmen. „Hier geht man rein wie in einen Dom“, sagt Utschig. Das Sonnenlicht fällt zwischen struppige Nadelkronen wie durch Kirchenfenster herein. „Das ist nicht mein Wald“, sagt der 66-Jährige. „Er gehört dem Freistaat Bayern.“ Stimmt, aber nur halb.

Infotage, Nistkastenbau, Waldumbau: Seit 20 Jahren im Einsatz für den Forst

Heinz Utschig spaziert durch den Ebersberger Forst wie durch sein zweites Wohnzimmer. Dabei ist es sein zweites Arbeitszimmer: Seit 20 Jahren ist Utschig Betriebsleiter im Staatlichen Forstbetrieb Wasserburg, und damit hier der Hausherr. Es wäre wohl vermessen, zu behaupten, dass er diesen Ort kennt wie kein Zweiter; dafür durchstreifen zu viele Jäger, Förster, Waldarbeiter das Revier, von denen viele ähnlich lange dabei und öfter vor Ort sind als ihr Chef. „Ich red’ ja nur“, sagt dieser. Dabei schmunzelt er sein typisches Utschig-Schmunzeln aus dem Henriquatre-Bart hervor, bis die Lachfältchen seine Augen fast zu verschlucken scheinen.

Geredet hat Heinz Utschig wie wohl keiner seiner Vorgänger. Seit 20 Jahren denkt der gelernte Forstwirt und studierte Forstwissenschaftler nicht nur die großen Linien, entlang derer sich der Ebersberger Forst entwickeln soll. Er erklärt diese Linien auch unermüdlich bei Infotagen, Rundgängen, Presseterminen. Die Menschen rund um den Ebersberger Forst identifizieren sich mit ihrem Riesenwald, sei es in der hitzigen Windrad-Debatte, auf Wanderung, Fahrradtour oder beim Wildschweine beobachten. Dem gelte es Rechnung zu tragen: „Dieser Wald ist den Leuten nicht egal, das macht ihn so besonders. Sie wollen wissen, was hier passiert.“ Und sie helfen ehrenamtlich mit, bestes Beispiel sind die vielen Helfer beim Nistkastenbau und Fledermausschutz.

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Ebersberger Forst ist ein Wirtschaftswald

Heinz Utschig ist unter dem graubraungrünen Gewölbe seiner Fichtenkathedrale stehen geblieben. Statt sakraler Stille rasselt in der Nähe ein Harvester durchs Unterholz, begleitet vom Splittern und Krachen der Holzstämme, die das schwere Gerät wie Pusteblumen aus dem Wald pflückt. „Wir müssen unser Geld täglich selbst verdienen“, sagt der Forsten-Chef. Dann schaut er einen dicken Fichtenstamm empor, schmunzelt ein Utschig-Schmunzeln und sagt: „In zehn Jahren erwirtschaftet hier mein Nachfolger die Kohle für den Laden.“ Holzverkauf, Wildfleischvermarktung und bald Windkraft-Standortverpachtung: Der Ebersberger Forst ist kein Urwald, sondern ein Wirtschaftswald, auch das erklärt der Wasserburger seit 20 Jahren. Wenn der Freistaat Windenergieflächen allerorten wolle, dürfe er sich als Großgrundbesitzer über die Staatsforsten nicht drücken, findet er.

Den Wald erlebbar machen: Heinz Utschig am „Wabenstein“, den Besucher liebevoll mit Fundstücken dekorieren.
Den Wald erlebbar machen: Heinz Utschig am „Wabenstein“, den Besucher liebevoll mit Fundstücken dekorieren. © Stefan Rossmann

Die Forstwirtschaft unterteilt Baumbestände in Altersklassen zu je 20 Jahren, die sich zu Jahrhunderten summieren können. Daran gemessen, hat Heinz Utschig gerade einmal Altersklasse I als Forsten-Chef erreicht, bevor er Ende September in Ruhestand geht. Sein Nachfolger: Joachim Keßler, zurzeit Forsten-Chef in Ruhpolding, der bereits einmal als Utschigs Stellvertreter bei den Wasserburger Forstbetrieben war. Heinz Utschig wird dann endlich Zeit haben. Für den Tennisclub Reitmering, den er leitet. Für seine Frau Romana, mit der er seit 1984 verheiratet ist und eine erwachsene Tochter hat. Das Paar wird öfter mal in Urlaub fahren. Im Burgenland durch die Weinberge spechten, an der slowenischen Adria herumkrebsen, den einen oder anderen Städtetrip dazwischen schieben. „Alles so machen, wie es meine Frau will.“ Utschig-Schmunzeln.

Mitten im Wald: Berührungspunkte für Menschen schaffen

Architekten bauen Häuser, Autoren schreiben Bücher, Förster denken in Zeiträumen, die Menschenleben übersteigen. Da ist es schwieriger, sich ein Denkmal zu setzen. Den Borkenkäfer auf Abstand halten und den Waldumbau vom Nadel- zum Mischwald vorantreiben: Das ist Utschigs Karrierebilanz vieler kleiner Teile, die über Generationen zum großen Bild wachsen. Vielleicht zu einem anderen, als das, an dem er gerade puzzelt. „In der Natur gibt es keine linearen Prozesse“, sagt er. Und fertig wird so ein Forst nie. Aber: „Der Klimawandel hat die forstlichen Zeiträume verkürzt.“ Hitze, Unwetter, Schädlinge zwingen die Forstleute zum zügigen Handeln.

Dieser Wald ist den Leuten nicht egal, das macht ihn so besonders.

Die Harvesterketten haben den feuchten Erdboden des Lindach-Geräumts umgepflügt, in den Furchen glänzt das Regenwasser. Am Rand ragt ein gut mannshoher Stein auf, aus rostrotem schwedischen Granit, mit sechseckig ausgefrästen Vertiefungen wie Honigwaben. Hier, wo früher einmal weitere Kunstskulpturen standen, schlängelt sich unweit von Forsthaus Hubertus ein Spazierweg mit Holzbadewanne, Waldfenster, Picknickplatz und Wabenstein durch den Wald. „Wir machen mehr als Bäume umschneiden“, sagt Utschig. An der Sauschütt, der Beobachtungskanzel oder hier auf dem Waldbadepfad: Ihm geht es darum, Berührungspunkte für die Menschen zu schaffen, denen dieser Wald so wichtig ist. Und die Menschen geben zurück: In den Wabenstein, geschaffen vom Moosacher Künstler Hubert Maier, haben Passanten Steine, Tannenzapfen, Federn oder Zweige hineingelegt, wie in einen Setzkasten.

Heinz Utschigs Blick ist aber weitergewandert. Der 66-Jährige hat einen Bergahorn-Schössling entdeckt, kaum einen Meter hoch. Klimarobust, insektenfreundlich, Holzlieferant: Ein Zukunftsbaum. Wären die Staatsforsten nicht so hinterher, die Wildpopulation zu bejagen, könnte so ein Bäumchen gar nicht wachsen, argumentiert er. Auch etwas, das er oft erklären muss und das trotzdem nicht alle so sehen. Das kann er ab, lässt er durchblicken, als er gedankenversunken an dem Schössling zupft: „Wenn ich so etwas sehe, geht es mir gut.“

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