Rathaus Geretsried: Ein Gebäude mit bewegter Geschichte

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Wahrzeichen mit weiß-gelbem Anstrich und blau-weißen Fensterläden: Das Rathaus am Karl-Lederer-Platz ist eines der ältesten Gebäude in Geretsried. © Sabine Hermsdorf-Hiss

Das Rathaus in Geretsried ist heute 86 Jahre alt. Es diente einst als Verwaltungsgebäude der DAG. Derzeit wird das Gebäude umfassend umgebaut.

Geretsried – Postamt, Anwaltskanzlei, eine Zahnarztpraxis und die Polizeistation: All das befand sich einmal im Gebäude der heutigen Stadtverwaltung. 86 Jahre ist es alt – und damit ist das Rathaus eines der ältesten Häuser in Geretsried. Heute werfen wir einen Blick auf seine bewegte Geschichte aus über acht Jahrzehnten.

Rathaus Geretsried
Sitz der DAG-Verwaltung: Während des Krieges war das Gebäude mit einem Tarnanstrich versehen. © Stadtarchiv Geretsried

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Erbaut wurde das Gebäude 1939, und zwar nach den Plänen von Architekt Paul Wenz, Namensgeber des Wenzbergs in Icking und SA-Truppenführer. Diese Entdeckung hatte Friedrich Schumacher, Mitglied im Arbeitskreis Historisches Geretsried (AHG), vor etwa zehn Jahren in einem Berliner Archiv gemacht. Das Haus beherbergte die Verwaltung der Dynamit Aktiengesellschaft (DAG), die ab 1938 im Wolfratshauser Forst ein Rüstungswerk baute. Diesem Zweck diente das Gebäude bis Kriegsende 1945. Nach der kampflosen Übergabe des Werkes an die US-Armee quartieren sich dort amerikanische Soldaten ein. Sie blieben bis zum Frühjahr 1946.

Heimatvertriebene ziehen 1946 ein

Im Juli 1946 erreichte der zweite Transport von Heimatvertriebenen das Lager Buchberg. Die 137 Personen aus Tachau im Egerland wurden in dem ehemaligen, noch mit Tarnanstrich versehenen Verwaltungsgebäude – im Volksbund fortan „Steinhaus“ genannt – untergebracht. Das Holzbarackenlager auf der anderen Seite der B11 war zu diesem Zeitpunkt überfüllt.

„In der Anfangszeit mussten sich mehrere Familien einen Raum teilen“, berichtet der Arbeitskreis Historisches Geretsried. Die ursprünglich von den mittlerweile stillgelegten oder demontierten Heizkraftwerken gespeiste Zentralheizungsanlage war außer Betrieb. Deshalb wurden in den Zimmern Öfen aufgestellt und deren Kaminrohre durch Fenster und Wanddurchbrüche ins Freie geführt. „Wer seinen Ofen heizen wollte, musste draußen Holz sammeln“, erinnert sich der heute 80-jährige Karl Nejedly, „dafür brauchte man extra einen Holzsammelschein.“ Seine Familie war um 1950 in zwei kleinen Zimmern im Erdgeschoss untergebracht.

Rathausumbau 2024
Hell und modern: Das Bauamt zog 2024 vom Erdgeschoss in die oberste Etage um. © Sabine Hermsdorf-Hiss

Trotz der vielen Bewohner begann bereits Ende 1946 im Steinhaus das öffentliche Leben. Im heutigen Trauungszimmer feierten die Vertriebenen die ersten katholischen Gottesdienste. Einmal pro Woche wurde im selben Raum Fleisch verkauft. Auf dem Dachboden fanden der erste Silvesterball sowie andere Tanz- und Theaterveranstaltungen statt. Der Lehrer Karl Kugler sen. hielt dort seine Singstunden ab, sein Sohn Karl bastelte im Keller mit einer Jugendgruppe die ersten Segelflugmodelle.

Erster Caritas-Kindergarten 1947 eröffnet

Im heutigen kleinen Sitzungssaal war ab 1947 der erste Caritas-Kindergarten untergebracht, und im nördlichen Garagenanbau (heute Ratsstuben) etablierten sich im Herbst 1948 das Obst- und Gemüsegeschäft Franz Tobisch und das Lebensmittelgeschäft Felix Schwab. Mit der Gemeindegründung am 1. April 1950 wurde das Steinhaus als Rathaus von Geretsried gewählt, aber erst am 10. Juli des selben Jahres konnte die neue Verwaltung mit der Gemeindekanzlei den ersten Raum beziehen. Die völlige Belegung durch die Verwaltung dauerte noch mehrere Jahre. In dieser Zeit beherbergte das Gebäude vorübergehend die Polizeistation, das Postamt, eine Zahnarztpraxis, die Verwaltung der Landesanstalt für Aufbaufinanzierung, ein Architekturbüro und anderes. Bis in die 1960er-Jahre lebten im Rathaus noch Heimatvertriebene.

Hakenkreuz herausgestemmt

Viele Bürgerinnen und Bürger gehen täglich durch den Haupteingang des Rathauses – vermutlich in Gedanken. Die wenigsten werfen einen Blick nach oben. Aber: Über dem Eingang prangt ein auffälliges, rundes Sandsteinrelief. Laut Hobbyhistoriker Friedrich Schumacher zeigt es das Himmelszelt, davor die Alpen, Berge, Wald und in der Mitte unten zwei Flöße auf der Isar. Oben in der Mitte fehlt etwas: ein Hakenkreuz. „Das wurde nach dem Krieg ausgestemmt“, sagt Schumacher. Wann das passiert ist, sei nicht bekannt. Auf dem Mittelstein im Türbogen ist ein Waldarbeiter zu erkennen. Über der rechten Schulter trägt er einen Baumstamm, in der linken Hand hat er eine Axt. „Von Zeitzeugen war zu erfahren, dass an der Rückwand der Eingangshalle noch nach dem Krieg eine Hitler-Plakette zu sehen war“, so Schumacher. Als dort 1946 katholische Gottesdienste gefeiert wurden, verdeckte man die Hitler-Darstellung mit einem Tuch. „Wann diese Plakette entfernt wurde, ist ebenfalls unbekannt.“ Dass das Gebäude eine wechselvolle Geschichte hat, sollte jedem bewusst sein, der das Rathaus betritt, meint der ehemalige Rektor der Karl-Lederer-Hauptschule. Das Relief oberhalb der Eingangstür ist eine Erinnerung daran.

Einer der gemütlichsten Räume des Hauses ist nach wie vor der kleine Sitzungssaal im Parterre, gleich links neben dem Haupteingang. Die Wände sind mit Holz verkleidet, ein Kachelofen aus den 1940er-Jahren strahlt Behaglichkeit aus. Früher befand sich dort das Büro des Bürgermeisters. Karl Lederer und sein Nachfolger Heinz Schneider saßen dort am Tisch.

Prägnanter Anstrich kommt 1957

Unter Lederer erhielt das Rathaus im Jahr 1957 auch seinen charakteristischen gelb-blauen Anstrich. Obwohl die Verzierungen rund um die Fenster nicht allen Stadträten gefielen, wurden sie vor einigen Jahren nachgestrichen. Auf einer alten Außenansicht ist das Rathaus noch von einer erhöhten Steinmauer umgeben – 1968 wurde sie abgerissen. Um das Jahr 1969 wurde von der Gemeinde (seit 1960 war sie Eigentümerin) das Gebäude neu gestrichen. Die Eckpfeiler wurden wieder hell und die Fensterläden und die Mauer entfernt.

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Ab 1974 regierten die jeweiligen Bürgermeister vom ersten Stock aus. Der große Sitzungssaal wurde ebenfalls 1974 eingeweiht. Sechs Jahre später wurde das Heimatmuseum im Dachgeschoss eröffnet und kurze Zeit später die Gaststätte Ratsstuben angebaut.

Seit Jahren wird das Haus saniert

Im Jahr 2020 begann der große Umbau des Rathauses, der immer noch nicht abgeschlossen ist. Mittlerweile verfügt das Gebäude über einen Aufzug und ist direkt an die zentrale Tiefgarage angebunden. Die Rathausflure wurden saniert und Brandschutztüren eingebaut. Im ausgebauten Dachgeschoss – das Museum zog 2013 um – befindet sich nun das Bauamt. Derzeit ist das Einwohnermeldeamt in Containern ausgelagert. Im Herbst soll der in die Jahre gekommene Sozialraum im Keller aufgehübscht werden.

Seit 25 Jahren auf der Denkmalliste

All diese Baumaßnahmen geschehen unter dem wachsamen Auge der Denkmalschutzbehörde: Im Jahr 2000 wurde das Rathaus, ein „zweigeschossiger, putzgegliederter Zweiflügelbau in barockisierenden Heimatstilformen“ als Baudenkmal in die bayerische Denkmalliste eingetragen. Neben dem Rathaus stuften die Denkmalschützer auch den ehemaligen Kunstbunker am Isardamm und jüngst die profanierte Versöhnungskirche am Chamalièresplatz als baugeschichtlich wertvoll ein.

Serie

Zwei Geburtstage feiert Geretsried in diesem Jahr: 75 Jahre Gemeindegründung und 55 Jahre Stadterhebung. Dieses Jubiläum nimmt unsere Zeitung zum Anlass, historische und aktuelle Geschehnisse aus über sieben Jahrzehnten im Rahmen einer Serie zu beleuchten. Die einzelnen Folgen erscheinen in loser Reihenfolge.