Das Münchener Start-up Stabl macht aus alten Akkus leistungsstarke Gewerbe-Stromspeicher. Das kann für die Autoindustrie eine Alternative zum Recycling werden.
München – Die Energiewende hat bei vielen kein gutes Image: teuer, unüberlegt, bürokratisch. Doch statt in das Lamento einzustimmen, haben etliche bayerische Firmen erkannt, dass die Umstellung der Energieversorgung auch eine große Chance ist. Junge Start-ups und alte Hasen der Branche machen Energie sauberer, günstiger und smarter. Wir stellen die Wendegewinner in loser Folge vor. Heute: Stabl.
Batteriespeicher aus alten Akkus für Elektroautos: Eine Marktlücke?
Die schwankende Stromerzeugung aus Wind und Sonne braucht Batteriespeicher, um sie vernünftig zu nutzen. Doch noch ist die Herstellung relativ teuer, das Recycling aufwendig. Das Münchner Start-up Stabl hat eine Lösung für beide Probleme gefunden.
„Stark vereinfacht nehmen wir die Akkus von E-Autos, packen sie einen Schrank und verschalten sie zu einer großen Batterie“, erklärt Julian Schneider, Chefentwickler bei Stabl. Das ist eine Marktlücke: „Die Autobauer haben extrem hohe Ansprüche an die Akkus: Wenn die Batterien zu lange gelagert werden oder auch nur ein Kratzer an der Oberfläche ist, werden sie nicht mehr verwendet“, so der 31-jährige Ingenieur. „Normalerweise kämen sie dann ins Recycling, aber da bekommt man nur den Bruchteil des Werts heraus.“ Die Lösung: „Für unsere Speicher können wir die Batterien auch bei 60 Prozent Kapazität oder weniger nutzen, bevor sie recycelt werden.“ Das verlängert die Lebensdauer und kann die Speicher deutlich rentabler machen.
An und für sich ist die Idee nicht neu, Stabl bringt sie aber den entscheidenden Schritt weiter: „Die meisten Speicher mit mehreren Batterien haben nur einen Wechselrichter, der den Strom ins Netz bringt. Wir haben ein Wechselrichtermodul pro Batterie“. Der Wechselrichter macht aus dem Gleichstrom in der Batterie Wechselstrom für das Netz – und umgekehrt. Die Batterien sind dann in Reihe geschalten und das schwächste Glied bestimmt die ganze Kette: „Hat eine Batterie nur 80 Prozent Kapazität, haben alle anderen auch nur noch 80 Prozent. Fällt eine Batterie aus, ist das ganze System lahmgelegt. Wie in Ihrer Fernbedienung zu Hause“, erklärt Schneider.
Acht Jahre alte Batterien aus einem Kia erfüllt die Speicherkapazitäten
Stabl aber ordnet jeder Batterie ein eigenes Wechselrichtermodul zu: „Unser System kann schwache Batterien umfahren. Für die versprochene Speicherkapazität muss also nur die Summe der Speicher stimmen, nicht jeder einzelne.“ Daraus leitet sich auch der Firmenname ab: Stabl wird wie das englische „stable“ ausgesprochen, und das heißt „stabil“. Durch die intelligente Schaltung haben also auch stark verbrauchte Akkus eine zweite Chance. „Wir garantieren den Kunden die Leistung des Gesamtspeichers und bestücken ihn entsprechend mit Batterien.“ Ob diese jahrealt oder fabrikneu sind, spielt keine Rolle.
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Die Entwickler von Stabl legen Wert auf Daten: „Wir wissen zu jeder Sekunde alles über jede einzelne Batteriezelle“, so Schneider. „Wir wissen immer genau, welche Batterie wir tauschen müssen oder ob eine sich ungewöhnlich verhält.“
Zudem sorgen die Wechselrichter auch für überdurchschnittliche Effizienz: „Wenn wir 100 Kilowattstunden Strom in den Speicher schicken, kommen 94 wieder raus. Andere Systeme schaffen zwischen 70 und 90.“ Diese Messung wurde mit acht Jahre alten Kia-Akkus gemacht.
Geschäftsmodell hat Wachstumspotenzial
Die Effizienz entsteht durch die smarte Schaltung der einzelnen Batterien. Das bringt auch Sicherheitsvorteile: „Ein normaler Speicher dieser Größe arbeitet auch im ausgeschalteten Zustand mit 400 Volt Gleichspannung. Das muss ein spezieller Techniker bedienen, weil der Kontakt sofort tödlich wäre“, erklärt Julian Schneider. Im Stabl-Speicher herrschen aber nur 50 Volt Gleichspannung. „Die Wartung kann ein normaler Elektriker machen.“
Als Start-up lebt Stabl mit seinen rund 40 Mitarbeitern noch größtenteils von Investoren, darunter die dänische Firma Nordic Alpha Partners und der Venture Capital Fonds der TU München. Aber die Zeichen stehen auf Wachstum: „Wir haben bis jetzt vor allem kleinere Indoor-Systeme verkauft“, sagt Schneider. Das sind jeweils drei Stahlspinde voll Batterien, insgesamt liefern sie 67 Kilowatt Leistung. Aktuell sind 14 Projekte in Betrieb oder der Errichtungsphase, das entspricht einer Speicherkapazität von 10.000 Kilowattstunden. Dieses Geschäft gilt für die junge Firma aber bereits als Auslaufmodell: „Wir glauben, dass die meiste Nachfrage bei großen Outdoor-Speichern bestehen wird, die man einfach auf den Firmenhof stellt.“
Speicher neben Solar- oder Windparks stellen und von höheren Strompreisen profitieren
Dabei handelt es sich um 20-Fuß-Standardschiffscontainer, die mit den Batteriesystemen bestückt werden. Die erste Bestellung ist erst kürzlich eingegangen: Zum Ende des Jahres sollen vier Container ausgeliefert werden. Jeder davon hat eine sportliche Leistung von 1000 Kilowatt, die sie rund zweieinhalb Stunden lang abliefern können. Das ist – ganz grob – die Leistung von 500 Wasserkochern. Die Leistung könne aber individuell bestückt werden. Insgesamt sind aktuell mehr als 20.000 Kilowattstunden Speicherkapazität geplant.
„Bisher haben wir vor allem Kunden bedient, die etwas für die Energiewende tun wollen, landwirtschaftliche und mittelständische Betriebe zum Beispiel“, so Schneider. Mit den neuen Großspeichern erschließt sich auch ein erweiterter Kundenkreis: „Man kann Speicher mit unserer Technologie neben einen Solar- oder Windpark stellen. Die Betreiber können ihren Strom dadurch zu Zeiten mit höheren Strompreisen verkaufen und wir brauchen weniger Netzausbau und Back-up-Kraftwerke – das spart auch volkswirtschaftlich Geld.“
Aber auch produzierendes Gewerbe, das eine sogenannte atypische Netznutzung hat, also eine Versorgung von Maschinen mit hohen Strombedarf in kurzen Zeitfenstern, ist eine Zielgruppe.
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