Nach einer Corona-Infektion 2022 kämpfte Magdalena Lobisch jahrelang mit schweren Long-Covid-Symptomen. Sie musste ihren Job aufgeben, hatte Existenzängste und suchte lange nach wirksamen Therapien. Heute geht es ihr besser, und sie unterstützt ehrenamtlich andere Betroffene.
Inning – Es begann im Januar 2022 mit einem Langstreckenflug über den Atlantik. Die damals 47-jährige Magdalena Lobisch aus Inning saß auf ihrem Platz und spürte die trockene Kabinenluft in der Kehle, nicht ahnend, dass sie sich gerade eine Corona-Infektion eingefangen hatte. Drei Jahre lang hatte die ehemalige Managerin eines Dax-geführten Unternehmens mit den Folgen zu kämpfen. Sie ist eine von mindestens 3000 Long-Covid-Patienten, die es statistisch im Landkreis gegeben haben müsste. Für Menschen wie sie hat Lobisch nun bei der Nachbarschaftshilfe Inning einen Gesprächskreis ins Leben gerufen.
„Erst hatte ich große Probleme mit der Lunge, als die etwas besser wurden, kamen andere Symptome“, erinnert Lobisch sich zurück. Ihre Gesundheit verschlechterte sich zusehends. Zu Beginn habe sie noch gedacht, sie sei überarbeitet. „Ich habe versucht, die überwältigende Müdigkeit wegzudrücken.“ Im Sommer 2022 sei es jedoch so gewesen, als ob ihr jemand den Stecker ziehe. „Mir ist der Akku von 80 auf null Prozent runtergerauscht“, erzählt sie. Stress allein konnte es nicht sein. Das begriff sie in dem Moment.
Durch das Robert-Koch-Institut (RKI) ausgewertete Studien zeigen, dass zwischen fünf und zehn Prozent der Corona-Kranken langanhaltende Symptome entwickeln, die über die akute Infektion hinausgehen. Frauen machen rund zwei Drittel der Long-Covid Erkrankungen aus. Die häufigsten Beschwerden: sehr starke Erschöpfung, Atemnot, Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns, Kopfschmerzen, Gelenkschmerzen, Husten, kognitive Einschränkungen und Schlafstörungen.
Nach einem halben Jahr sei die Belastung zu groß geworden, Lobisch habe aufgehört zu arbeiten. Ihre Schwestern, Eltern und Kollegen wussten lange nichts von ihrer Erkrankung. Sie habe sich dafür geschämt, nicht zu funktionieren. Bis die Verantwortung für ihren Mann zu groß geworden sei und er die Familie um Hilfe bat. „Mein Mann ist Mexikaner, manchmal konnte er Briefe von der Krankenkasse oder Ärzten nicht verstehen, und mein Kopf hat auch nicht mitgemacht, da ist meine Schwester eingesprungen“, sagt Lobisch. Dazu kam die Angst, das Schulgeld für ihre Kinder nicht mehr bezahlen zu können. „Die beiden hatten zu Hause ein unsicheres Umfeld. Ich wollte nicht, dass sie auch noch die Schule wechseln müssen.“
Ihre Tochter und ihr Sohn waren sieben und zwölf Jahre alt, als die Symptome schlimmer wurden. „Ich musste ihnen erklären, dass es nicht daran liegt, dass ich keine Lust auf sie habe, wenn ich in mein Zimmer verschwinde, sondern damit es mir besser geht und ich wieder mehr Zeit mit ihnen verbringen kann.“ Vor allem das gemeinsame Familienessen stellte Magdalena Lobisch vor Herausforderungen. „Einmal saßen wir gemeinsam am Tisch, und es war plötzlich alles einfach zu viel, und ich habe angefangen zu weinen“, erzählt sie. „Die Kinder waren sehr geschockt und hatten Angst, weil sie nicht verstanden haben, was plötzlich los war.“
Fallzahl von Long-Covid unklar
Lobisch hat viele Behandlungsmethoden ausprobiert, auch weil Long-Covid und passende Therapien noch weitgehend unerforscht waren. „Es war ein echter Marathon von Arzt zu Arzt, um überhaupt die Diagnose zu bekommen.“ Zehn Tage ließ sie sich in einem Krankenhaus für Naturheilweisen in München behandeln. Zwischendrin immer wieder Existenzängste als Hauptverdienerin der Familie. „Ich wusste nicht, ob ich mich je wieder um meine Kinder kümmern oder Geld verdienen könnte.“ Eine Reha auf Sylt baute sie für eine Zeit lang wieder auf. Sie begann mit einer Wiedereingliederung in ihren Beruf. Aber es kam zum Rückfall. Die Symptome verstärkten sich erneut. Lobisch: „Es ist wie zwischen den Welten zu hängen – nicht total krank, aber weit weg von gesund.“
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Long-Covid-Symptome nehmen laut RKI im Verlauf der Zeit oft ab, jedoch sind insbesondere Fatigue, also körperlicher, geistiger und seelischer Erschöpfungszustand, und neurokognitive Beeinträchtigungen wie Reizempfindlichkeit oder ein „Nebel-Gefühl“ in vielen Fällen, wie bei Lobisch, langanhaltend. Studien belegen, dass diese Beschwerden auch nach sechs bis zwölf Monaten noch die Lebensqualität und Arbeitsfähigkeit beeinträchtigen können. Während Long-Covid nach mildem Verlauf durchschnittlich vier Monate anhält, dauert es bei hospitalisierten Patienten im Schnitt neun Monate. Insgesamt bestehen bei rund 15 Prozent der Betroffenen die Symptome auch noch nach über einem Jahr. Bei rund vier Prozent ist eine vollständige Genesung auch nach mehreren Jahren nicht eingetreten. Da Long-Covid nicht meldepflichtig ist, besitzt das Gesundheitsamt keine Fallzahlen. Bei mehr als 61 000 gemeldeten Corona-Fällen im Landkreis Starnberg, müssten statistisch immer noch zwischen 100 und 250 Menschen betroffen sein.
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Neustart mithilfe traditioneller chinesischer Medizin
Erst mithilfe traditioneller chinesischer Medizin trat bei Lobisch eine Besserung ein. Es habe jedoch fast ein weiteres halbes Jahr gedauert, bis ihr Kopf wieder richtig mitgearbeitet habe. Sie nutzte die Monate, um mit ihren Kindern Zeit zu verbringen und mit ihnen Denkspiele wie Memory zu spielen. Lobisch glaubt, dass die Krankheit ihr im Nachhinein viel Vertrauen geschenkt hat. So traute sie sich nun den Jobwechsel zu, den sie lange vor sich hergeschoben hatte. Selbstständig arbeitet Lobisch nun als Beraterin. „Ich nenne es Coaching für Veränderung“, sagt sie. „Es gibt spontane Veränderungen, in denen man von einem Moment auf den anderen nicht mehr so funktioniert, wie man es gewohnt ist“, erzählt sie. „Im Coaching befassen wir uns damit, was dahintersteckt.“
Magdalena Lobisch ist überzeugt davon, dass ihr ein Beratungsangebot geholfen hätte. Deshalb hat sie für Menschen, die mit Long-Covid kämpfen, einen Gesprächskreis gegründet. Erkrankte und auch Freunde und Familienmitglieder sind dazu eingeladen. Der Gesprächskreis findet ab April am ersten und dritten Dienstag im Monat von 18 bis 19.30 Uhr in der Nachbarschaftshilfe in Inning statt.
Von Leona Sophie Müller