Angesichts des Internationalen Tags zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen rufen Polizistinnen und das Frauenhaus Erding zu Aufmerksamkeit auf.
Körperverletzung, Stalking, Sexualdelikte und Nötigung – Themen, die häufig im Fokus von Kriminalromanen und -filmen stehen. Doch auch im Landkreis spielen sich solche Delikte nicht nur auf dem TV-Bildschirm ab. Einblicke in die Thematik „Häusliche Gewalt“ und die Arbeit der Polizei gaben nun zwei Referentinnen der Polizeiinspektion Erding. Ausschlaggebend für den Vortragsabend, der in Zusammenarbeit von der Katholischen Frauengemeinschaft Buch am Buchrain und der stellvertretenden kfd-Diözesanvorsitzenden Ursula Gröppmair organisiert wurde, war der Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen.
Mehr als 18 000 Delikte in Bayern
Bereits zu Beginn stellten die Referentinnen, die namentlich nicht genannt werden wollen, klar, dass sich häusliche Gewalt keinesfalls nur gegenüber Frauen abspielt. Auch das männliche Geschlecht werde Opfer häuslicher Gewalt. 2023 seien mehr als 18 000 Delikte in Bayern verzeichnet worden, davon etwa ein Viertel gegenüber Männern. „Bezieht man die Dunkelziffer mit ein, ist die Fallzahl nochmal höher“, so eine der Referentinnen.
Nicht nur die eingangs genannten Straftaten spielen eine Rolle. Auch die heimliche Aufzeichnung eines Gesprächs, falsche Verdächtigungen oder die Entziehung von Minderjährigen falle in die Kategorie häusliche Gewalt: „Das Feld ist sehr umfangreich.“
Nicht selten komme es zur Gewaltspirale: Nach einem Gewaltausbruch stellen sich Reue und Scham beim Täter ein. Schließlich versuche dieser, seine Schuld abzuschieben. Nach einer „Entspannungsphase“ folge eine erneute Spannungsphase bis hin zum nächsten Gewaltausbruch. „Dabei nehmen Intensität und Häufigkeit mit jeder Spirale weiter zu“, so die Referentin.
Auf einer ihrer Folien bildete sie die Aussage „Ich möchte die Anzeige zurückziehen. Er hat mir Blumen von der Tankstelle geschenkt“ ab. „Das ist natürlich sehr provokant formuliert. So in der Art kommt es aber leider doch häufig vor“, betonte die Referentin und ergänzte: „Man sagt, dass es etwa siebenmal braucht, bis eine Frau von ihrem gewalttätigen Mann wegkommt.“ Gründe dafür seien unter anderem Scham, eine finanzielle Abhängigkeit oder die Kinder, die nicht unter einer Trennung leiden sollen.
Auch die Kinder leiden
Dabei leiden diese meist ebenfalls unter der Gewalt in der Familie. „85 Prozent der Kinder sind passive Zeugen und bekommen die Gewalt auch mit, wenn sie sich beispielsweise in ihrem Kinderzimmer befinden“, erklärten die Polizeibeamtinnen und ergänzten: „Kinder leiden sehr darunter. Zudem sind Kinder, die häusliche Gewalt erleben, als Erwachsene häufiger von Gewalt betroffen – als Opfer oder als Täter.“
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Abschließend riefen die Referentinnen gemeinsam mit Johanna Schad vom Frauenhaus Erding dazu auf, aufmerksam zu sein und Zivilcourage zu zeigen. „Seien Sie für die möglicherweise von Gewalt Betroffenen da. Hören Sie hin, seien Sie sensibel. Häusliche Gewalt betrifft alle Gesellschaftsschichten“, so Schad. Sie betonte, dass es besser sei, sich lieber einmal zu viel an eine Beratungsstelle gewendet zu haben als zu wenig. Auch die Vertreterinnen der Polizei versicherten: „Lieber rufen Sie im Verdachtsfall einmal häufiger an, als wegzuschauen.“
Organisatorin Gröppmair verwies auf das Gewalthilfegesetz. Es gehe unter anderem um eine „verlässliche Finanzierung für Frauenhäuser“. Gröppmair betonte: „Es kann nicht sein, dass man sich einen Platz im Frauenhaus erst einmal leisten können muss. Ob und unter welchen Bedingungen Betroffene geschlechtsspezifischer und häuslicher Gewalt Schutz finden, hängt derzeit erheblich von Wohnort und Lebenssituation ab.“ Das Gesetz wurde vom Kabinett beschlossen.
Spende fürs Frauenhaus
„Gewalt gegen Frauen ist ein immenses gesellschaftliches Problem, und aus dem kürzlich veröffentlichten Bundeslagebild geht hervor, dass es bei geschlechtsspezifischer Gewalt eine kontinuierliche Zunahme von Gewalt gegen Frauen und Mädchen gibt“, bedauerte Gröppmair im Gottesdienst und sagte, dass dem „ein lückenhaftes und chronisch unterfinanziertes Hilfssystem“ gegenüber stehe.
Entsprechend froh sei man, das Frauenhaus Erding als Anlaufstelle zu haben. 158 Euro kamen bei der Sammlung im Gottesdienst zusammen, die Gröppmair an Schad übergab. Der Betrag soll für Weihnachtsüberraschungen für die Bewohnerinnen und deren Kinder verwendet werden. „Es ist schön, dass wir dadurch den Kindern und den Frauen eine kleine Freude machen können“, so Schad.