Besser als die Münchner Konkurrenz: Als Tölzer Bier auf dem Oktoberfest in Strömen floss

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Anstich im Stadtmuseum: (v. li.): Bürgermeister Ingo Mehner, Sandra Herrmann (Wirtschaftsförderung), Andreas Binder (Inhaber „Binderbräu), Florian Sedlmaier (Geschäftsführer vom „Tölzer Mühlfeldbräu“), Michael Pichler (Braumeister beim „Binderbräu“), Elisabeth Hinterstocker und Claus Janßen. © Arndt Pröhl

Bad Tölz hat eine lange Bier-Tradition. Sogar auf dem Oktoberfest war Tölzer Bier in den Anfangsjahren nicht wegzudenken. Jetzt gibt es ein gemeinsames Festbier der Tölzer Brauereien.

Bad Tölz – In einer guten Woche heißt es „O‘zapft is“. Dann fließt auf der Wiesn wieder 16 Tage lang hektoliterweise Bier, und die Welt kommt zu Besuch in die Landeshauptstadt. Dass auf dem Oktoberfest ausschließlich Bier von Münchner Brauereien ausgeschenkt wird, ist eine altehrwürdige Tradition. Doch immer war das nicht so. In den Anfangsjahren des Oktoberfests erfreute sich Tölzer Bier dort besonderer Beliebtheit.

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Neues Festbier nach uralter Rezeptur

Über die historischen Hintergründe klärten jetzt Claus Janßen, Vorsitzender des Historischen Vereins, und Elisabeth Hinterstocker, Leiterin des Tölzer Stadtmuseums, in einem Pressegespräch auf. Dabei wurde auch ein besonderes Novum präsentiert: Die beiden Tölzer Braumeister Michael Pichler vom „Binderbräu“ und Florian Sedlmaier vom „Tölzer Mühlfeldbräu“ vereinigten ihr Wissen und Können und brauten ein gemeinsames Tölzer Festbier nach uralter Rezeptur.

Der Ursprung des Oktoberfests geht auf die Hochzeit zwischen dem bayerischen Kronprinzen Ludwig und Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen im Jahr 1810 zurück. „Danach wurde zur Huldigung ein Pferderennen mit Rahmenprogramm auf der Sendlinger Wiese ausgerichtet“, erklärte Hinterstocker. Damals gehörte Sendling noch nicht zu München und somit der Festplatz – heute als Theresienwiese bekannt – auch noch nicht.

Das Tölzer Bier kam früher mit dem Floß nach München

„Es gibt Überlieferungen, wonach 40 000 Schaulustige das Rennen verfolgt haben sollen – der Beginn eines großen Volksfestes“, so Hinterstocker weiter. Die Verköstigung übernahmen die Sendlinger und Thalkirchner Wirte. Die Sendlinger Wirte schenkten hauptsächlich Tölzer Bier aus, das damals noch mit dem Floß in sechs Stunden von Tölz nach München transportiert wurde. Ursprünglich ging es darum, Bierbuden mit Ausschank zu versorgen. Später waren es Holzhütten mit Sitzplätzen.

Clauß Janßen recherchierte seit August eine Vielzahl an Zeitungsartikeln aus dieser Zeit. Darin suchte er weitere Gründe, wieso Tölzer Bier auf dem Oktoberfest ausgeschenkt wurde. „Zum einen war es praktisch wegen des Transportweges über die Isar, zum anderen gab es in Tölz die Tuffkeller, in denen das Bier über den Sommer kühl gelagert werden konnte.“ Denn auf der Wiesn wurde Märzenbier ausgeschenkt, das in den Anfangsmonaten des Jahres gebraut werden musste. „Früher gab es noch keine speziell gezüchteten Hefen. Also waren die Brauer darauf angewiesen, bei kühlen Temperaturen zu brauen.“

Mitte des 19. Jahrhunderts gab es 22 Brauereien in Bad Tölz

Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in Tölz 22 Brauereien. „Es gab einen hohen Ausstoß“, so Janßen. Die Handelsbeziehung nach München hatte schon weit vor der berühmten Vermählung bestanden. Laut Janßen wurden im Jahr 1781 von Tölz 11 000 Eimer, was circa 700 000 Litern Bier entspricht, per Floß nach München geliefert. 1825 war Tölz der zweitgrößte Biersteuerzahler nach München.

Tölzer Bier schmeckte besser als die Münchner Konkurrenz

Nicht von der Hand zu weisen sei auch seine Annahme, dass Tölzer Bier sich ganz besonderer Beliebtheit erfreute, da es deutlich besser geschmeckt haben soll als das der Münchner Konkurrenz. In einer launigen Rede zitierte Janßen einige Zeitungsberichte. Beispielsweise erschien am 8. Oktober 1848 im Münchner Tagblatt in einem Bericht über das Oktoberfest folgender Satz: „Alle dortigen Wirtsschenken waren voll, einige, wo Tölzerbier geschenkt wird, waren überfüllt; da war weder an einen Platz noch an einen Krug zu denken.“

Mit der Zeit wanderten auch Bewirtungsbetriebe auf die Theresienwiese hinunter, und Sendling wurde eingemeindet, sodass irgendwann nur Münchner Brauer auf der Festwiese vertreten waren. 1850 verschwand das Tölzer Gebräu endgültig vom Oktoberfest. In manchen Sendlinger oder Münchner Wirtshäusern wurde Tölzer Bier noch einige Zeit ausgeschenkt, jedoch hatte der Abstieg begonnen. „Richtig bergab ist es durch die Erfindung der künstlichen Kühlung und der Eisenbahn gegangen. Spätestens dann war dieser Handelszweig endgültig vorbei“, sagte Bürgermeister Ingo Mehner. .

Tölzer Brauereien kreieren Festbier mit drei Hopfensorten aus der Holledau

Während es nach der Schließung des „Grünerbräu“ 2001 erstmal keine Brauerei mehr in der Kurstadt gab, freut sich Tölz heute über zwei gewerbliche Brauereien: den „Binderbräu“ und den „Tölzer Mühlfeldbräu“. Anlässlich des Bierfests an diesem Wochenende (12. bis 14. September) und der Oktoberfestzeit haben sich die beiden Brauer Michael Pichler und Florian Sedlmaier zusammengetan und versucht, sich dem Tölzer Bier nach altem Rezept anzunähern. „Vergleichen kann man es leider nicht mehr, da wohl kaum noch einer lebt, der Tölzer Bier schon mal getrunken hat“, scherzte Michael Pichler. „In Anlehnung an alte Braudokumente haben wir ein Sudverfahren entwickelt, das dem Bier von damals hoffentlich sehr ähnlich ist.“ Man habe drei verschiedene Hopfensorten aus der Holledau gewählt. So gibt es ab sofort, mit dem Start des Tölzer Bierfests am Vichyplatz an diesem Freitag, das historische unfiltrierte Festbier zu kaufen.

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