Zeichen setzen: Kreistag sagt Nein zu Gasbohrungen im Landkreis Landsberg

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Die Gasbohrung in Reichling – bereits ohne Bohrturm – und der Protest: Der Kreistag hat sich in einem Grundsatzbeschluss gegen Gasbohrungen im Landkreis ausgesprochen. © Lorenz

Es gehe um eine kommunale Haltung, die man ausdrücken wolle: Der Kreistag spricht sich im Grundsatzbeschluss gegen Gasbohrungen im Landkreis Landsberg aus.

Landkreis Landsberg – Es ist Juni 2024, als das Bergamt Südbayern die Genehmigung für die Gasbohrung bei Reichling „Kinsau 1A“ genehmigt. Inzwischen ist die vierwöchige Probebohrung in eine Tiefe von 3.400 Metern abgeschlossen, der Bohrturm rückgebaut. Ob und wenn ja, wie viel Gas im Boden schlummert, ist noch nicht bekannt. Ob eine Förderung lohnenswert ist, will die ausführende Firma Energieprojekt Lech Kinsau 1 GmbH (ehem. Genexco Gas GmbH) erst in einem Jahr entscheiden.

Kreistag sagt Nein zu Gasbohrungen im Landkreis Landsberg - zweites Konzessionsgebiet bereits gepachtet

Dafür sind weitere Fördertests notwendig. Deshalb musste sie bei Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger eine Verlängerung der Konzession zur Bohrung beantragen – die Aiwanger dem Unternehmen am 1. Oktober bis zum 30.September 2027 gewährt hat. Die eigentliche Ausbeutung des Erdgasvorkommens muss dann vom Unternehmen separat beantragt und vom Ministerium bewilligt werden.

Die Firma erhofft sich 300 bis 500 Millionen Kubikmeter Gas bei einer Förderdauer von 10 bis 15 Jahren. Diese Menge würde für die Versorgung von 10.000 bis 15.000 Haushalten reichen – allerdings, so Kritiker der Bohrung, seien das lediglich 2,5 bis 4,2 Prozent des aktuellen jährlichen Erdgasverbrauchs in Bayern.

Zudem steht ein weiteres Projekt an. Nach Angaben des Bergamtes hat die Firma bereits ein zweites Grundstück für eine Gasbohrung gepachtet, auch eine Umweltverträglichkeits-Vorprüfung sei ans Bergamt übermittelt worden. Das Grundstück liegt demnach im Konzessionsgebiet Lech Ost, das sich bis zum Ammersee hin über eine Fläche von rund 100 km2 erstreckt und auf dem zahlreiche weitere Bohrungen möglich wären.

Nein zu Gasbohrungen im Landkreis Landsberg: Grundstücke werden nicht zur Verfügung gestellt

Seit Projektstart gebe es seitens der Bürgerinnen und Bürger, aber auch seitens der Kommunen und des Landkreises Kritik, ist im Antrag von CSU, Grünen und UBV zu lesen, „insbesondere im Hinblick auf mögliche Auswirkungen auf Trinkwasser, Landschaftsschutz, Klimaschutz, landwirtschaftliche Nutzflächen“ oder auch die Lebensqualität der unmittelbar betroffenen Anwohner. Deshalb wolle man mit dem Grundsatzbeschluss eine „kommunale Haltung“ kundtun. Der Grundsatzbeschluss spricht sich wegen Risiken für Grundwasser, Landschaftsbild, Landwirtschaft und Tourismus gegen die aktuell geplanten Gasbohrungen, „insbesondere Kinsau 1A“ aus. Man wolle „die Sorgen der Bürger in Reichling und angrenzenden Gemeinden“ ernst nehmen. Weiterhin bekennt sich der Landkreis zum langfristigen Ziel eines nachhaltigen und regional getragenen Energiemixes gemäß seines Energie- und Klimaschutzkonzept – in dem vor allem erneuerbare Energien gefördert werden sollen.

Bohrung Reichling Gas ohne Bohrturm
Die Bohrungsstelle in Reichling: Die Probebohrung ist abgeschlossen, der Bohrturm rückgebaut. Dennoch wurde die Konzession für die Bohrung von Aiwanger bis 2027 verlängert - das Unternehmen muss noch prüfen, ob Gas in relevanter Menge gefördert werden kann. Diese Entscheidung werde erst in einem Jahr fallen. © Lorenz

Insbesondere enthält der Grundsatzbeschluss auch die Feststellung, dass der „Landkreis keine eigenen Grundstücke für Maßnahmen im Zusammenhang mit fossilen explorations- und Fördervorhaben zur Verfügung“ stellen wird. Diese Grundstücke wären nötig, um das geförderte Gas überhaupt ins lokale Netz einzuspeisen. Ohne die Grundstücke und die darauf dann zu legenden Leitungen sei die Gasförderung nicht möglich, zeigte sich Peter Satzger (Grüne) in der Kreistagssitzung überzeugt.

Verweigere man die Grundstücke, müsste gefördertes Gas in Flüssiggas umgewandelt und mittels Lkw transportiert werden. Eine aufwendige und kostenintensive Hürde für die Bohrung, wie sich die Antragssteller erhoffen. Zwar liege die Entscheidung über die Bohrung auf Landesebene, dennoch wolle man eine „Botschaft an die Bevölkerung“ senden, „ein Signal geben“, wie Satzger es formulierte. „Wir können nur beeinflussen, was hier vor Ort passiert. Nehmen Sie unser Klimaschutzkonzept ernst!“

Der Grundsatzbeschluss wurde mit 24 zu 17 Stimmen angenommen. Gegen den Beschluss äußerten sich ÖDP, SPD, Linke und Bayernpartei. Gegen die Bohrung hätte sich der Landkreis bereits vor vier Jahren aussprechen sollen, sagte Christoph Raab (Die LINKE/ÖDP). Jetzt sehe er das als „Polemik und Wahlkampf“. Auch Tobias Linke (BP), sprach sich gegen den Antrag aus. Langfristig müsse man weg von fossilen Energieträgern. Aber für den Übergang sei noch Erdgas notwendig – und dann doch lieber aus der Region anstatt Frackinggas aus Übersee. Auch Markus Wasserle und Albert Thurner (beide SPD) äußerten sich kritisch. Die Zuständigkeit liege nicht beim Kreistag. Stattdessen könne man die Einnahmen – die laut stellvertretender Landrätin Margit Horner-Spindler (CSU) allerdings gering bis nicht existent sein werden, da unter anderem die Gewerbesteuer nicht hier anfalle – für den Ausbau der Erneuerbaren nutzen.

Denklingens Bürgermeister Andreas Braunegger (CSU) setzte sich für eine Vertagung des Beschlusses ein. Zuerst solle man die Fakten nochmals darlegen: wie viele Haushalte versorgt werden, wie viele Arbeitsplätze entstehen könnten, welche Auswirkungen die Bohrung insgesamt haben werde. Er empfinde den Beschluss als „Doppelmoral, wenn keine alternative Energieversorgung vorliegt“.

Kreistag sagt Nein zu Gasbohrungen - Bund Naturschutz reagiert positiv

Landrat Thomas Eichinger (CSU) bemerkte, diese Daten könnten auch nach dem Grundsatzbeschluss gesammelt werden. Dass eine Zustimmung zum Beschluss ein Bekenntnis zu den Forderungen beinhalte, gab er zu. Die Vertagung wurde mit 32 zu neun Stimmen abgelehnt. Bei der knappen Abstimmung zum Grundsatzbeschluss mit 24 zu 17 sprachen sich auch einige CSUler gegen den Grundsatzbeschluss aus.

Der Bund Naturschutz äußerte sich gleich am Folgetag positiv zu dem Beschluss. Satzger, auch Vorsitzender der BN-Gruppe, sieht in der Grundstücks-Verweigerung eine „Handlungsmacht“ des Kreistags. „Ansonsten sind wir leider dem Bayerischen Wirtschaftsministerium unter Hubert Aiwanger ausgeliefert, der nicht willens ist, etwas gegen die Gasbohrungen zu unternehmen, wie beispielsweise eine Förderabgabe zu erheben.“

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