Plant Wladimir Putin einen Angriff auf die NATO? Ein Geheimdienstchef aus dem Baltikum äußert sich. Und zwar anders als etliche Beobachter von Russland.
Tallinn – Am 17. Dezember hatte Kreml-Machthaber Wladimir Putin erneut die NATO provoziert. Drei russische Grenzbeamte überquerten unerlaubt die Grenze zu Estland. Estnische Polizei und estnischer Grenzschutz teilten ein Video, das den Vorfall beweisen soll. Während sich der Inhalt der Aufnahmen nicht unabhängig verifizieren lässt, hat der estnische Geheimdienst nun eine neue Einschätzung zu Putin und Russland abgegeben.
Laut The Moscow Times erklärte Kaupo Rosin, Generaldirektor des estnischen Auslandsgeheimdienstes, dem öffentlich-rechtlichen Sender ERR: „Wir haben festgestellt, dass Russland infolge unserer Reaktionen sein Verhalten nach verschiedenen Vorfällen in der Region geändert hat. Bislang ist klar, dass Russland die NATO respektiert und derzeit versucht, einen offenen Konflikt zu vermeiden.“ Diese Einschätzung ist nach vielen Warnungen anderer Experten in der jüngeren Vergangenheit neu.
Plant Wladimir Putin einen Angriff auf die NATO? Estland-Experte sieht aktuell keine Gefahr
Rosin erzählte dem Bericht nach am Montag (29. Dezember), dass es keinerlei Anzeichen dafür gebe, dass Putins Regime einen Angriff auf die baltischen Staaten und die NATO plane. Nicht zuletzt die estnische Stadt Narwa gilt, direkt an der Grenze zu Russland gelegen, laut etlicher anderer Einschätzungen als mögliches Angriffsziel für die Russen. Die russische Stadt Iwangorod befindet sich samt gleichnamiger Festung genau auf der anderen Seite des Flusses Narwa.
Trotzdem sieht Rosin zumindest aktuell und im Umfeld von Ukraine-Krieg sowie internationaler Spannungen offenbar keine konkrete Gefahr für sein kleines Land (rund 1,3 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner), das sich 1991 von der durch den Kreml dominierten Sowjetunion für unabhängig erklärt hatte. Und das deshalb den Argwohn Putins auf sich ziehen soll. Estland hat eine kleine Armee mit nur wenigen tausenden regulären Soldaten, eigene Kampfpanzer oder Kampfjets haben die estnischen Streitkräfte nicht.
Estland ist seit März 2004 Teil der NATO. In den vergangenen Monaten hatte Moskau das Militärbündnis wiederholt genau in oder über Estland provoziert. Wie zum Beispiel The Kyiv Independent berichtete, mussten die Behörden aus Tallinn etwa am 10. Oktober einen Grenzübergang zu Russland im Südosten des baltischen Staates schließen, nachdem dort sieben bewaffnete Männer in Uniformen und ohne Hoheitsabzeichen aufgetaucht waren.
Russland-Angriff im Baltikum? Experte nennt Wladimir Putins mutmaßliche Absichten
Auch ein anderer Experte erwartet keinen konventionellen Angriff der Atommacht Russland. Putin gehe es im Baltikum darum, die „Wirtschaft zu schädigen, die Mobilität zu verlangsamen und die Gesellschaft zu verunsichern“, erklärte Oliver Morwinsky Merkur.de von IPPEN.MEDIA. Der Staatswissenschaftler, der das Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung in Riga (Lettland) leitet, meinte, dass Russland den Zusammenhalt der NATO testen wolle, „ohne eine große Eskalation zu provozieren“. (Quellen: The Moscow Times, ERR, eigene Recherche) (pm)