- Der vollständige Artikel von Thomas Tuma, auf den sich die folgende Kommentar-Analyse bezieht, ist hier verfügbar: Faules Deutschland? Diese Zahlen legen unsere wahre Schwäche offen
In seiner Kolumne fragt Thomas Tuma, wie leistungsbereit die Deutschen wirklich sind. In der Community stößt das Thema auf gegensätzliche Reaktionen. Viele sehen die Ursachen weniger im Einzelnen als in dysfunktionalen Rahmenbedingungen. Die Debatte spaltet sich vor allem in zwei Lager: Hohe Steuern und Sozialabgaben gelten den einen als Hauptproblem, andere beklagen einen grundlegenden Wandel im Leistungsverständnis und in der Arbeitskultur. Auch Politik und Führungskultur stehen in der Kritik.
Kritik an Steuerlast
Viele Leser sehen die hohe Steuer- und Abgabenquote als zentralen Grund für sinkende Arbeitsanreize. Zusätzliche Leistung lohne sich finanziell kaum, während staatliche Transfers ein Auskommen auch ohne Erwerbsarbeit ermöglichten. Diese Wahrnehmung knüpft an reale Belastungsdaten an: Deutschland liegt bei der Abgabenlast im oberen OECD-Bereich, die Sozialausgaben sind stark gestiegen. Leser fordern weniger Umverteilung und mehr Entlastung für Erwerbstätige, statt moralischer Appelle an Arbeitnehmer. Pauschale Vorwürfe gegenüber Sozialleistungsempfängern bleiben jedoch unbelegt. Studien zeigen, dass Erwerbsbeteiligung stärker von Qualifikation, Betreuung und Arbeitsbedingungen abhängt als von Transferhöhen allein. Die Kritik richtet sich daher vor allem gegen fehlende strukturelle Reformen.
"(...) Ansonsten finden wir keine Fehler im System? Zu hohe direkte Steuern und Abgaben für die, welche überhaupt noch arbeiten, zu viele, welche ohnehin nie arbeiten und sich nur vom Staat aushalten lassen, zu hohe Energiekosten für alle, zu hohe CO2-Abgaben für alle, daraus abgeleitet zu hohe Inflation für alle ..." Zum Originalkommentar
"Der Staat mit seiner Steuerpolitik und Abgabenwut ist der Arbeitsverhinderer Nummer 1, zeigt zugleich mit Sozialleistungen auf, wie es auch ohne Arbeit durchs Leben gehen kann." Zum Originalkommentar
"Wer nahezu die Hälfte seines Verdienstes an den Staat abgeben muss, ist nicht besonders motiviert." Zum Originalkommentar
Kritik an Arbeitsmotivation und Kultur
Ein großer Teil der Leser beklagt einen Verlust von Leistungsbereitschaft, Identifikation und Sinn in der Arbeit. Häufig genannt werden schlechte Führung, Mikromanagement und mangelnde Wertschätzung. Persönliche Erfahrungen prägen das Bild stärker als abstrakte Kennzahlen. Arbeitsforschung bestätigt, dass Motivation eng mit Autonomie und Anerkennung zusammenhängt. Die sinkende durchschnittliche Arbeitszeit ist kein neues Phänomen, sondern Ergebnis tariflicher und politischer Entscheidungen. Aussagen über eine generelle "Leistungsverweigerung" lassen sich daraus nicht ableiten. Steigende Krankmeldungen erklären sich auch durch Demografie, höhere Erwerbsbeteiligung und bessere Erfassung. Die Leserdiagnose greift reale Spannungen auf, verengt sie aber häufig moralisch.
"Arbeiten ist in Deutschland schon lange nicht mehr sexy. Das Bürgergeld tut sein Übriges." Zum Originalkommentar
"Leider werden die Krankmeldungen hierzulande sehr oft missbraucht und leider spielen die Ärzte hier auch eine unrühmliche Rolle und werden ihrer Verantwortung nicht gerecht ..." Zum Originalkommentar
"(...) Seit unsere Firma von einem Konzern übernommen wurde und Mikromanagement eingeführt wurde, arbeite ich ganz exakt die notwendigen 37,5 Std./Woche und gehe so früh wie möglich in Rente." Zum Originalkommentar
Kritik an Politik und Gesellschaft
Ein Teil der Leserschaft macht politische Fehlentscheidungen für wirtschaftliche Schwäche und sinkende Motivation verantwortlich. Genannt werden Energiepolitik, Infrastruktur, Migration sowie Renten- und Beamtenfragen. Hohe Energiepreise und Investitionsrückstände gelten tatsächlich als Standortnachteil. Gleichzeitig sind viele Entscheidungen langfristig angelegt, rechtlich gebunden oder föderal verteilt. Leser kritisieren fehlende Prioritäten und mangelnde sichtbare Verbesserungen im Alltag. Pauschale Schuldzuweisungen blenden jedoch Zuständigkeiten und Zielkonflikte aus. Die Kommentare verweisen vor allem auf ein Vertrauensdefizit zwischen Politik und arbeitender Bevölkerung.
"Vielleicht liegt es ja auch daran, dass man jeden Tag in den Medien nachlesen kann, wohin der eine Teil des Geldes, der erarbeitet wurde, von unserer Politik verpulvert wird? Und man selbst hoppelt dann morgens über kaputte Straßen zur Arbeitsstelle ..." Zum Originalkommentar
"Ja, es wurden große Fehler von der Politik gemacht. Energie: Atomkraft in der Krise abschaffen.Rente: in guten Jahren wurde das Geld sinnlos ausgegeben, anstatt in Fonds anzulegen. Pensionen: viel zu viele Personen wurden durch den Kostenvorteil (es mussten keine Beiträge bezahlt werden) in der Kommune verbeamtet ..." Zum Originalkommentar
"Für die derzeitige Situation und schlechte Lage ist ausschließlich die fehlerhafte Politik der letzten Jahre/ Jahrzehnte zuständig und nicht der „faule“ Bürger!" Zum Originalkommentar
Kritik an Arbeitszeit und Produktivität
Zahlreiche Leser zweifeln an Aussagen zu Arbeitszeit und Produktivität oder nutzen sie für internationale Vergleiche. Deutschland arbeitet weniger Stunden pro Kopf, erreicht aber eine hohe Stundenproduktivität. Der Anstieg der Krankheitstage ist statistisch belegt, wird jedoch durch Alterung, psychische Belastungen und vollständigere Erfassung verstärkt. Die Ausweitung der telefonischen Krankschreibung erhöht die Meldezahlen zusätzlich. Forderungen nach Kürzungen der Lohnfortzahlung würden tief in Arbeitsrecht und Tarifautonomie eingreifen. Die Debatte zeigt, wie stark Zahlen zugespitzt werden, ohne ihre Entstehung mitzudenken.
"Laut einer Auswertung von Daten des Dachverbandes der Betriebskrankenkassen geht es seit etwa drei Jahren steil bergauf mit den Krankmeldungen. 2023 wurde übrigens die telefonische Krankschreibung möglich, die vorher nur während Corona erlaubt war. Digitalisierung kann manchmal auch ein Fluch sein." Zum Originalkommentar
"Die Schweiz arbeitet 5 Wochen länger und ist mittlerweile von den Kosten attraktiver als Süddeutschland. Schweizer sind nur 12 Tage krank! Die Luft der Berge? Nein, die Einstellung ist anders ..." Zum Originalkommentar
"Was sollen diese pauschalen Aussagen? Wie ist die Altersstruktur der Arbeitenden? Wieviele unbezahlte Überstunden werden außerhalb der Statistik geleistet? Wie produktiv sind Führungskräfte?" Zum Originalkommentar
Skepsis gegenüber Statistik und Zahlen
Ein kleiner, aber sachlich argumentierender Teil der Leser warnt vor pauschalen Durchschnittswerten. Gefordert werden Differenzierungen nach Branchen, Altersgruppen und Erhebungsmethoden. Diese Einwände sind berechtigt: Internationale Vergleiche leiden unter unterschiedlichen Meldesystemen, Deutschland erfasst Ausfälle besonders vollständig. Durchschnittswerte verdecken zudem Überstunden, Teilzeit und tarifliche Unterschiede. Die Skepsis richtet sich weniger gegen Daten als gegen ihre vereinfachte mediale Deutung.
"Komisch, wenn ich bei 220 Arbeitstagen 8 zugrunde lege, komme ich auf sagenhafte 1760 h im Jahr ..." Zum Originalkommentar
"Den Durchschnitt zu nehmen bringt gar nichts. Die betroffenen Branchen benennen, das bringt was. Und dann gleich dazu, die, die in gut dotierten Tarifverträgen sind. Das würde Transparenz bringen." Zum Originalkommentar
Zustimmung zum Wandel der Arbeitsbedingungen
Ein kleiner Teil der Leser bestätigt den Wandel der Arbeitswelt, sieht aber Führung und Betriebsklima als entscheidend. Motivation werde dort gebremst, wo Beschäftigte als austauschbar wahrgenommen würden. Forschung stützt diese Sicht: Wertschätzende Führung wirkt stärker auf Leistungsbereitschaft als Arbeitszeit oder Kontrolle. Die Kommentare zeigen, dass Loyalität zunehmend an Gegenseitigkeit geknüpft wird – ein Faktor, der im Fachkräftemangel an Gewicht gewinnt.
"Ich bin 38 Jahre gerne zur Arbeit gegangen. Aber die Arbeit hat auch Spaß gemacht. Wir hatten tolle Vorgesetzte und waren ein gutes Team. Die letzten 10 Jahre kann ich das aufgrund der neuen Führungskräfte, die von der Uni kamen und uns zeigen wollten, wie der Hase läuft, nicht mehr behaupten ..." Zum Originalkommentar
"Es ist auch eine Frage der Loyalität, wenn die Firma deutlich macht, dass Arbeitnehmer für sie eine austauschbare Massenware ist. Dann sind Arbeitnehmer irgendwann auch nicht mehr motiviert ..." Zum Originalkommentar
Sonstiges
Drei Prozent der Kommentare entziehen sich einer eindeutigen Zuordnung. Die Beiträge sind häufig recht allgemein, pointiert oder überschneiden sich inhaltlich mit mehreren anderen Perspektiven.
Und was denken Sie dazu?
Arbeitsmotivation, Steuerpolitik oder Führungskultur – was beeinflusst Ihre eigene Leistungsbereitschaft am stärksten? Diskutieren Sie mit: Liegt das Problem bei der Politik, der Gesellschaft oder im individuellen Antrieb? Teilen Sie Ihre Sicht in den Kommentaren und bringen Sie neue Aspekte in die Debatte ein!Die Fakten am Morgen
Das FOCUS Briefing von Tanit Koch und Thomas Tuma. Kompakt die wichtigsten Informationen aus Politik, Wirtschaft und Wissen ab jetzt werktags immer um 6 Uhr in Ihrem Postfach.