Seit Jahren bestimmen Argumente von Protektionisten die weltweite Diskussion um den Freihandel. US-Präsident Donald Trump ist ihr lautester Vertreter. Aber jetzt gibt es eine erfreuliche Nachricht für alle Freihandelsbefürworter: Der Weg für den Abschluss des EU-Freihandelsabkommens mit den vier südamerikanischen Mercosur-Ländern ist frei.
Bei einer Sitzung von Vertretern der 27 EU-Länder stimmten in Brüssel ausreichend viele Teilnehmer der geplanten Unterzeichnung des Deals zu. Leider waren dazu einige Zugeständnisse an die Landwirte und Verwässerungen des Freihandelsgedankens notwendig. Aber insgesamt ist es eine gute Nachricht.
25 Jahre verhandelt
Mercosur ist ein südamerikanischer Wirtschaftsverbund, zu dem Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay gehören und dessen Ziel der Aufbau eines gemeinsamen Marktes ist; der Name steht für Mercado Común del Sur, also Gemeinsamer Markt des Südens, gegründet wurde Mercosur 1991 mit dem Vertrag von Asunción.
Die Europäische Union verhandelt seit 1999 über das Abkommen, wobei die Gespräche über Jahre hinweg immer wieder unterbrochen und später neu aufgenommen wurden. Im Jahr 2019 erzielten die Verhandlungsparteien eine politische Grundsatzeinigung, die jedoch immer wieder von Freihandelsgegnern torpediert wurde.
Das Abkommen zwischen der Europäischen Union und Mercosur wird eine der größten Freihandelszonen der Welt schaffen und 700 Millionen Menschen umfassen. Zentrale Vorteile liegen im Abbau von Zöllen und Handelshemmnissen, insbesondere für Industrieprodukte aus Europa und für Agrarprodukte aus Südamerika.
Europäische Unternehmen würden dadurch einen besseren Zugang zu einem großen und bislang teilweise abgeschotteten Markt erhalten. Umgekehrt könnten die Mercosur -Staaten ihre Exporte ausweiten und stärker von ausländischen Investitionen profitieren. Zudem würde das Abkommen die wirtschaftliche Integration Südamerikas vertiefen und die Einbindung der Region in den Welthandel stärken.
Argumente der Globalisierungsgegner
Bis zuletzt hatte es jedoch massive Proteste und Kritik an dem Abkommen gegeben, so wie auch gegen das Freihandelsabkommen TTIP, das schließlich sowohl am Widerstand von Globalisierungsgegnern in Europa (vor allem aus dem linksgrünen Lager) als auch an Trumps Protektionismus scheiterte.
Es ist verständlich, dass Industrieunternehmen oder Landwirte, die sich vor der Konkurrenz aus dem Ausland fürchten, gegen den Freihandel sind. Oft werden diese Menschen „Globalisierungsverlierer“ genannt, und was die Einkommensentwicklung anlangt, stimmt das auch manchmal.
Aber was den Konsum anlangt, sind alle Gewinner. Übrigens profitieren Menschen aus unteren Einkommensklassen überproportional bei einem freieren Handel, wie Pablo Fajgelbaum und Amit Khandelwal von der University of California und der Yale University in einer Untersuchung nachgewiesen haben.
„Die Analyse über mehrere Sektoren hinweg ergibt, dass die Vorteile des Handels typischerweise die Armen begünstigen. Der Grund ist, dass die Armen ihre Ausgaben vor allem in stärker vom Handel geprägten Sektoren tätigen und dass diese Sektoren niedrigere Preiselastizitäten haben.“ Aber Konsumenten haben – anders als mächtige Industrieunternehmen oder Landwirte – keine Lobby.
Handel ist kein Nullsummenspiel
Schon Adam Smith erkannte, dass Handel kein Nullsummenspiel ist – wie das Trump und andere Freihandelskritiker glauben -, weil Spezialisierung und Arbeitsteilung die Gesamtproduktion erhöhen.
Smith argumentierte, durch freiwilligen Austausch entstehe zusätzlicher Wohlstand, statt lediglich den vorhandenen umzuverteilen. Aus diesem Grund widersprach er der Vorstellung, der Reichtum der einen gehe automatisch auf Kosten der anderen.
In seinem Werk über den „Wohlstand der Nationen“ wandte sich der schottische Ökonom gegen die Lehre der Merkantilisten und den Protektionismus: „Kann das Produkt des einheimischen Gewerbefleisses ebenso wohlfeil geliefert werden wie das des fremden, so ist die Maßnahme offenbar nutzlos, kann es das aber nicht, so muss sie in der Regel schädlich sein", heißt es darin.
Und weiter: „Bei jedem klugen Handwerker ist es eine Regel, niemals etwas im Haus machen zu lassen, was ihn weniger kosten würde, wenn er es kaufte. Dem Schneider fällt es nicht ein, seine Schuhe zu machen, sondern er kauft sie vom Schuhmacher; dem Schuhmacher fällt es nicht ein, sich seine Kleider zu machen, sondern er beschäftigt den Schneider, und dem Landmann fällt es nicht ein, sich eines oder das andere zu machen, sondern er setzt jene beiden Handwerker in Nahrung.“
Was im Kleinen gelte, das gelte auch im Großen, so Smith: „Wenn uns ein fremdes Land mit einer Ware wohlfeiler versehen kann, als wir sie selbst zu machen imstande sind, so ist es besser, dass wir sie ihm mit einem Teil vom Erzeugnis unseres eigenen Gewerbefleißes, in welchem wir vor dem Ausland etwas voraushaben, abkaufen.“
Diese Theorien wurden in den goldenen Zeiten der Globalisierung glänzend bestätigt. Von 1990 bis 2015 sanken die Zölle weltweit drastisch. 1991 betrug der durchschnittliche Zollsatz der Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen fast 33 Prozent, der von Ländern mit hohem Einkommen 9,2 Prozent.
Im Jahr 2015 lagen diese Sätze bei 8,2 Prozent beziehungsweise 4,2 Prozent. In dieser Zeit der Liberalisierung ging die extreme Armut von ca. 30 Prozent (2000) bis zehn Prozent weltweit zurück – und der freiere Handel hatte daran einen wichtigen Anteil. Die armen Länder haben sehr stark davon profitiert, anders als es Globalisierungskritiker behaupten.
Vernichtung von Arbeitsplätzen?
Aber wie sieht das für entwickelte Länder aus? Für Länder wie Deutschland ist es offensichtlich, dass die Menschen massiv von der Globalisierung profitierten. Hierzulande hängt jeder vierte Arbeitsplatz an der Exportindustrie und die Deutschen haben zudem von den günstigen Waren aus Asien und anderen Ländern profitiert.
Trump hat mehrfach betont, das Wort Zölle sei für ihn das schönste Wort im Wörterbuch. Wie sieht es mit seinem Argument aus, durch die Konkurrenz aus China seien die Arbeitsplätze in den USA vernichtet worden?
„Der Anteil der Arbeitsplätze in der Produktion an der Gesamtbeschäftigung außerhalb des Agrarsektors in den USA“, so der renommierte Wirtschaftsjournalist Philipp Coggan, „sank von 32 Prozent im Jahr 1950 auf nur noch acht Prozent im Jahr 2024“.
Wenn es darum gehe, die Schuld für den Verlust dieser Arbeitsplätze zuzuweisen, würden viele Amerikaner heute mit dem Finger auf China zeigen. „Aber China ist erst 2001 der Welthandelsorganisation beigetreten, wodurch seine Industrien besseren Zugang zu den westlichen Märkten erhielten. Zu diesem Zeitpunkt war der Anteil der Beschäftigung in der Produktion an der Gesamtbeschäftigung in den USA bereits um 20 Prozentpunkte auf nur noch zwölf Prozent gesunken.“
Auch in allen anderen entwickelten Ländern sank die Zahl der Industriearbeitsplätze massiv, und zwar ganz unabhängig davon, ob sie Handelsüberschüsse aufwiesen wie in Deutschland oder ein Defizit wie in den USA. Eine Studie zeigt, dass etwa 88 Prozent der Arbeitsplatzverluste in der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts auf Produktivitätssteigerungen und nicht auf Außenhandel zurückzuführen sind.
Zurückverlagerung der Produktion?
Das heißt nicht, dass die günstigere Produktion in Asien keine Auswirkungen auf den US-Arbeitsmarkt hat. Aber Trumps Versprechen, man könne die Arbeitsplätze durch hohe Zölle wieder in die USA zurückverlagern, wird nur in Ausnahmefällen funktionieren, die Trump dann natürlich reichlich ausschlachten wird.
Die Produktion in den USA ist einfach zu teuer. Motorola musste dies feststellen, als es 2013 eine Smartphone-Fabrik in Texas eröffnete, die bereits nach zwölf Monaten wieder geschlossen werden musste. Analysten schätzen, dass Apple drei Jahre und 30 Milliarden Dollar benötigen würde, um nur zehn Prozent seiner Lieferkette von Asien in die USA zu verlagern.
Tatsächlich reagierte Apple auf Trumps Zollerhöhungen für China sofort damit, dass Teile der Produktion verlagert wurden – aber nicht in die USA, sondern nach Indien, was nur zu neuen Zolldrohungen von Trump führte.
Wer überleben will, muss sich weiterentwickeln
Natürlich hört es sich für manche amerikanischen Arbeiter verlockend an, wenn Trump verspricht, alles werde wieder so wie früher. Es hört sich besser an als die ehrliche Botschaft: „In Zeiten der Globalisierung, des Internets und der KI ist es unrealistisch, zu erwarten, dass die bisherigen Arbeitsplätze erhalten werden, vor allem nicht die unqualifizierten, aber auch viele qualifizierte nicht.
Wer in dieser Welt überleben will, muss sich weiterentwickeln, fortbilden und in Bereiche gehen, wo menschliche Arbeit nicht so leicht ersetzbar ist.“ Ja, das ist nicht für jeden eine Perspektive und klingt in den Ohren der Wähler bestimmt nicht verlockend. Verlockender klingt: „Die Japaner sind schuld. Die Chinesen sind schuld. Die Deutschen sind schuld. Sie sind unfair und überfluten uns mit billigen Waren, aber weigern sich, unsere wunderbaren Autos zu kaufen.“
In einer Zeit, wo der Gegenwind gegen den Freihandel so groß ist (vor allem durch Trumps Politik) ist das grüne Licht für Mercosur eine hervorragende Nachricht. Auch deutsche Verbraucher werden massiv davon profitieren.
Rainer Zitelmann ist Historiker und Soziologe und war selbst ein erfolgreicher Unternehmer. Demnächst erscheint sein Buch WELTRAUMKAPITALISMUS. Mehr zum Inhalt und Leseauszüge: https://weltraumkapitalismus.de/