Wie viele andere an der Westküste von Florida flohen die Zeilingers vor der Sturmflut. Doch schnell kehrten die Auswanderer zurück und machten ihren Burger-Laden wieder auf – als erstes Restaurant im Ort und ohne Strom.
Forstern – Sandstrände, sommerliche Temperaturen, Sonne satt: Dafür ist Florida bekannt. Aber der US-Bundesstaat wird auch immer wieder von Hurrikans heimgesucht. Vor wenigen Tagen erst ist „Milton“ darüber hinweggefegt, traf die Westküste Floridas mit voller Wucht. Millionen Menschen waren vor dem Sturm geflohen – so wie Familie Zeilinger aus Karlsdorf.
Es ist noch nicht einmal drei Monate her, da sind Melanie (42) und Michi Zeilinger (46) mit ihren Söhnen Liam (6) und Jason (11) nach Cape Coral an der Westküste Floridas ausgewandert. Jetzt haben sie in ihrer neuen Heimat mit „Helene“ und „Milton“ die ersten Tropenstürme erlebt.
Schon kurz nach ihrer Ankunft in den USA hatte sich die Familie für die Hurrikan-Saison eingedeckt. Wasser, Konserven, Toilettenpapier, Notstromaggregat, Benzin. Hurrikans sind typisch für Florida, das war der Familie bewusst. „Aber so viele und heftige in kurzer Zeit“ – dabei dauert die Saison noch bis Ende November. „Helene“ sei an ihrem Wohnort gar nicht so wild gewesen, erzählt Melanie Zeilinger im Videotelefonat mit unserer Zeitung. Doch dann kam „Milton“.
Konserven und Wasser ausverkauft
„Anfangs wollten wir hier bleiben“, berichtet die 42-Jährige. Aber dann werden die Warnungen eindringlicher, die Westküste Floridas in Evakuierungszonen eingeteilt – das Ferienhaus liegt in Zone B, der zweithöchsten. Als die dann mit der Evakuierung an der Reihe ist, entscheidet sich die Familie zur Flucht: „Da haben wir gesagt, wir bleiben auf keinen Fall mit den Kindern hier. Das wäre zu riskant. Man weiß ja nicht, was auf einen zukommt.“ Die Familie hat für diesen Fall schon ein paar Tage zuvor ein Hotelzimmer in Miami gebucht.
Vor der Abfahrt füllt die Familie Badewanne und Töpfe mit Wasser – falls nach dem Hurrikan kein Trinkwasser verfügbar ist. Möbel werden hochgestellt, Sandsäcke vor den Türen platziert, Benzinkanister gefüllt, letzte Vorräte besorgt. In den Supermärkten sind Wasser und haltbare Lebensmittel ausverkauft. „Du hast gemerkt, dass die Leute nervös waren. Es war eine komische Stimmung“, beschreibt Melanie Zeilinger die Tage vor dem Sturm.
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Am Dienstagmorgen startet die Familie – noch rechtzeitig, um dem großen Verkehr aus dem Weg zu gehen. Zweieinhalb Stunden dauert die Fahrt nach Miami, Bekannte brauchen später dafür fünf, sechs Stunden. Während der Hurrikan über die Westküste fegt, beobachten Melanie und Michi Zeilinger die Lage in rund 200 Kilometern Entfernung.
„Wir hatten Dauermagenschmerzen. Was erwartet uns, wenn wir zurückkommen? Und die Wetter-Apps machen einen verrückt“, erzählt Melanie Zeilinger. Ständig kommen neue Nachrichten, dauernd schrillt eine Warn-App auf dem Handy. Bekannte, die in Cape Coral geblieben sind, halten die Familie mit Videos und Fotos auf Laufenden. Bilder liefert auch die eigene Überwachungskamera – bis abends der Strom ausfällt.
Grillen im Schein der Taschenlampe
Als der Hurrikan vorübergezogen ist, machen sich die Auswanderer Donnerstagfrüh auf den Rückweg. „Für Cape Coral war eine Sturmflut angesagt, dann wäre alles unter Wasser gestanden. Das kam aber zum Glück nicht so“, sagt Michi Zeilinger. Die Schäden am Ferienhaus, in dem sie derzeit wohnen, halten sich in Grenzen. Die Mückengitter sind gerissen, Sand und Dreck wurde aufs Grundstück gespült. Alles nur Kleinigkeiten: „Es war bei weitem nicht so schlimm wie dort, wo der Sturm auf Land getroffen ist.“
Auch die „Lehne Burger American Eatery“, ihr Burger-Laden, bleibt trocken und ohne Schäden. Das Ehepaar weiß: „Wir haben sehr viel Glück gehabt.“ Und so ist ihr Restaurant das erste in der Straße, das am Freitag aufmacht – selbst ohne Strom. Mit Taschenlampen sorgen die Zeilingers für Licht am Gasgrill, mittags wird ein Notprogramm mit kleiner Karte gefahren. „Die Leute haben uns trotzdem die Bude eingerannt“, berichtet Michi Zeilinger. Auch abends, als der Strom wieder da ist, reißt der Kundenstrom nicht ab.
Die Übernahme des Ladens ist inzwischen in trockenen Tüchern. Die Zeilingers haben sich eingearbeitet, das Business läuft. „Wir hatten in den letzten Wochen einige Urlauber aus dem Landkreis, auch viele Münchner waren hier“, erzählt Melanie Zeilinger.
Sie seien sehr gut vorbereitet ausgewandert, sagt sie, trotzdem laufe noch nicht alles rund: „Die Uhren ticken hier anders.“ Aktuell lebt die Familie aus den Koffern im gemieteten Ferienhaus, der mitgebrachte Hausrat lagert eingepackt in der Garage. Doch mit diesem „Nomadenleben“, wie Michi Zeilinger sagt, soll es bald vorbei sein: Die Familie hat ein Eigenheim in Aussicht, das sie in diesen Tagen beziehen will. „Und dann schauen wir mal, was noch so auf uns zukommt“, meint Melanie Zeilinger, während ihre Wetter-Apps schon die nächsten Stürme ankündigen.