„500 Euro für vier Stunden“: Wenn Familien die schulische Unterstützung ihres behinderten Kindes bezahlen

In Frankreich zwingt der akute Mangel an staatlichen Schulbegleitern für Kinder mit Behinderung viele Eltern dazu, private Hilfe zu organisieren. Wie die Zeitung „Le Parisien“ berichtet, bezahlen Familien teils 500 Euro für nur vier Stunden individueller Begleitung, damit ihre Kinder überhaupt am Unterricht teilnehmen können.

Eine Mutter aus dem Département Seine-Saint-Denis schildert gegenüber „Le Parisien“, dass ihr sechsjähriger Sohn mit Autismus ohne private Unterstützung nicht zur Schule gehen könnte. Zwar habe es im vergangenen Jahr noch eine staatliche Begleitperson gegeben, nach deren Weggang sei jedoch kein Ersatz gefunden worden. Die Mutter habe daraufhin selbst eine Betreuung organisiert – auf eigene Kosten.

Mangel an Schulbegleitern trifft Familien besonders hart

Nach Angaben der französischen Bildungsbehörden ist mehr als jedes zehnte Kind mit Anspruch auf eine Schulbegleitung nicht versorgt. In einzelnen Regionen liege die Quote sogar bei über 30 Prozent. Eltern berichten laut „Le Parisien“, sie seien teils sogar von Schulbehörden ermutigt worden, selbst nach Lösungen zu suchen.

Der Mangel an staatlichen Schulbegleitern zwingt viele Familien in Frankreich dazu, die Unterstützung ihrer Kinder im Schulalltag selbst zu finanzieren. (Symbolfoto)
Der Mangel an staatlichen Schulbegleitern zwingt viele Familien in Frankreich dazu, die Unterstützung ihrer Kinder im Schulalltag selbst zu finanzieren. (Symbolfoto) IMAGO

Die Kosten sind hoch: Je nach Umfang der Betreuung zahlen Familien zwischen 1200 und 1900 Euro im Monat. Einige nehmen dafür Kredite auf oder geben ihre Arbeit ganz auf. Gleichzeitig wechseln ehemalige staatliche Begleiter in den privaten Bereich – wegen besserer Bezahlung, stabilerer Verträge und intensiverer fachlicher Begleitung.

Gewerkschaften sprechen von Staatsversagen

Lehrer- und Bildungsgewerkschaften sehen in der Entwicklung ein Alarmsignal. Der wachsende Markt privater Schulbegleiter sei laut „Le Parisien“ ein deutliches Zeichen dafür, dass der Staat seiner Aufgabe bei der schulischen Inklusion nicht gerecht werde. Gefordert werden ein klarer Berufsstatus, bessere Ausbildung und höhere Löhne für staatliche Begleitkräfte.

Der akute Mangel an Schulbegleitern zwingt Familien zu teuren Notlösungen – zugleich rückt der Beruf selbst stärker in den Fokus - auch in Deutschland.

Ausbildung zum Schulbegleiter: Das sollten Sie in Deutschland wissen

  • Schulbegleiter unterstützen Kinder und Jugendliche mit geistigen, seelischen oder körperlichen Behinderungen im Schulalltag – von der Orientierung im Unterricht bis hin zu pflegerischen Aufgaben.
  • Eine staatlich geregelte Ausbildung gibt es in Deutschland bislang nicht, pädagogische oder soziale Vorerfahrungen sind jedoch von Vorteil.
  • Der Einstieg ist über direkte Bewerbungen oder über Weiterbildungen möglich, die unter bestimmten Voraussetzungen gefördert werden können.
  • Wichtig sind vor allem soziale Kompetenzen wie Empathie, Belastbarkeit, Verantwortungsbewusstsein und Freude an der Arbeit mit jungen Menschen.
  • Das durchschnittliche Bruttogehalt liegt bei rund 2780 Euro im Monat, abhängig von Träger, Bundesland und Qualifikation.