Es ist noch nicht lange her, da wusste niemand so recht, was werden würde in der Zukunft, sagt Bernhard Zangerl. Der 31-Jährige sitzt um die Mittagszeit im "Prenner" in Ischgl. Es ist Ende Dezember.
Er trägt eine geschlossene graue Softshell-Jacke mit kleinen Reisverschlusskordeln in Signalorange. Das Haupt ist bedeckt mit einer schlichten, olivgrünen Wollmütze. Markenlogo: Fehlanzeige. Jugendlich-freundlich schaut er mit seinem glatten Gesicht durch die Gläser einer großen, grauen Hornbrille.
Zangerl wirkt ein bisschen so, als hätte er sich verirrt in diese neue, gerade eingeweihte Nobel-Brasserie in Ischgl. Das noble Interieur soll mit vorsichtig angekohlten Holzmöbeln, lustigen Eulen, Eichhörnchen und Mooselementen bei schummerigem Licht Waldstimmung imitieren.
Ischgl wurde berühmt - durch Corona-Patient "0" im "Kitzloch"
Zangerl ist nicht zufällig hier. Seiner Familie gehört das Edel-Restaurant. Er selbst ist Junior-Chef des "Prenner". Die preiswerteste Vorspeise jenseits der Suppen ist ein "Rote-Bete-Tatar Deluxe" für 18,50 Euro. Die teuerste Hauptspeise gegrilltes australisches "Waygu-Filet 250g" für 65 Euro.
Wer vom "Prenner" nach Süden schaut, sieht die Talstation der Fimbabahn. Wer nach Norden um die Kurve geht, landet vor dem "Kitzloch". Und damit vor jener nach einer Gebirgsklamm benannten Après-Ski-Bar, die im April 2020 weltberühmt wurde. Der Grund: Dort wurde Österreichs "Patient 0" positiv auf Corona getestet.
Zangerl war und ist auch Chef vom "Kitzloch". Im Gespräch mit FOCUS online hatte er 2020 - als die Corona-Zahlen explodierten - eingeräumt, das Après-Ski-Lokal zu spät geschlossen zu haben.
Heute zeigt er sich erleichtert, dass der Fluch des Virus Vergangenheit ist. "Es gab Experten, die damals sagten, die Masken würden uns fortan immer begleiten. Wie schön, dass sie sich geirrt haben."
Ein einziger CNN-Bericht als Auslöser für den Ansturm von US-Gästen
Die Welt hat sich aber nicht nur zum Positiven verändert. Der russische Überfall auf die Ukraine löste eine globale Wirtschaftskrise aus, unter der auch der Tourismus leidet. Hinzu kommen Preisteuerungsraten für Skipässe.
In Österreich liegen sie bei rund vier Prozent. Auch Ischgl, wo ohnehin schon alles viel teurer ist als anderswo, blieb davon nicht verschont. Zu einem spürbaren Rückgang der Gästezahlen wie im Sommer am Gardasee kam es bislang aber nicht.
"Rund 90 Prozent der Gäste im 'Kitzloch' kamen bislang aus Deutschland. Heute sind es etwas weniger. Aber das wird ausgeglichen, vor allem durch Amerikaner", sagt Zangerl. Das ist seiner Meinung nach auch "Schuld" von Corona.
"Ich werde nicht vergessen, wie eines Tages selbst CNN über das 'Kitzloch' und Ischgl berichtet hat. Der Text stand riesengroß an zweiter Stelle auf der Homepage, darüber nur ein kleiner Bericht über Trump."
Mit dem Rückgang der Pandemie wuchs die Menge von US-Urlaubern an, sagt Zangerl. "Die Amerikaner rennen uns die Bude ein und erzählen, dass sie in der Pandemie über uns gelesen hatten. Viele zeigen sich überrascht, weil sie sich alles viel größer vorgestellt hatten im 'Kitzloch' und in Ischgl. Aber sie sind begeistert!"
Ischgl-Gastronom: "Urlauber stellen sich auf teure Preise ein"
Was Preissteigerungen wie beim Tagesskipass angeht, der inzwischen knapp 80 Euro kostet, ist Zangerl klar, dass in Ischgl "eh schon alles teurer ist als in vielen anderen Skiorten". Der 31-Jährige gibt allerdings zu bedenken, dass der kleine Bergort mit seinen 1600 Einwohnern und 12.000 Gästebetten dafür Dinge in einer Qualität biete, die man anderswo vergeblich suche.
"Wir haben hier 240 Pistenkilometer in einzigartig schöner Hochgebirgslandschaft mit hochmodernen Anlagen. Ich denke, das ist schon ein ziemlich gutes Preis-Leistungsverhältnis."
Zudem sei den Winterurlaubern schon immer klar gewesen, dass ein Skiurlaub durch Ausrüstung und Skipässe deutlich kostenintensiver ist als ein Sommerurlaub. "Die Urlauber wissen, dass so etwas schnell dreimal mehr als ein Badeurlaub am Gardasee kosten kann. Sie stellen sich auf teure Preise ein und verzichten notfalls auf andere Dinge, um sich den Winterurlaub leisten zu können. Klar ist auch, dass nicht jeder sich einen Skiurlaub leisten kann."
"Kitzloch"-Chef zuversichtlich: "Zulauf ist so groß wie noch nie"
Neben dem 'Kitzloch' betreibt Familie Zangerl noch das 5-Sterne-Hotel "Silvretta", die Après-Ski-Bar "Kuhstall" sowie zwei weitere Restaurants namens "Bärafalla" und "Stiar" und zählt mit mehr als 180 Mitarbeitern zu einem der größten Arbeitgeber in Ischgl.
Für verlässliche Prognosen darüber, wie die gerade begonnene Wintersaison in Ischgl ausgehen wird, "ist es noch zu früh", sagt Bernhard Zangerl. "Aber aus unserer Sicht lässt sich jetzt schon sagen, dass wir im Dezember einen Zulauf hatten, der so groß ist wie noch nie zuvor."