Seit gut zwei Jahren forscht eine Arbeitsgruppe im Auftrag des Stadtrats über möglicherweise belastete Namensgeber von Dachauer Straßen, Wegen, Gebäuden und Plätzen. Ein erster Zwischenbericht liegt bereits vor, doch das Thema ist heikel. Die Stadt gibt daher die Parole aus: „Qualität geht vor Schnelligkeit!“
Dachau – Straßennamen in Kombination mit der jeweiligen Hausnummer dienen in erster Linie der Orientierung. Wer die Redaktion der Heimatzeitung sucht, wird sie in der Richard-Wagner-Straße 6 finden.
Straßennamen sagen aber auch viel über das Leben in einem Ort. Über die Persönlichkeiten, die Helden, die Vorlieben der Bewohner. Hätte ganz Dachau die Musik von Richard Wagner schrecklich gefunden, wäre kaum eine Straße nach ihm benannt worden.
Weil sich Menschen und ihre Vorlieben aber ändern, macht es Sinn, die Namensgeber der Straßen, Plätze, Gebäude und Wege hin und wieder unter die Lupe zu nehmen. München etwa prüft seit vielen Jahren seine Straßennamen und mistet rigoros aus: Antisemiten oder Kriegsverbrecher sollen keine Schilder mehr zieren, allein im Jahr 2000 wurden sechs Straßen umbenannt.
Arbeitsgruppe sollte alle Straßen prüfen
Auch in Dachau wurden in den vergangenen Jahren Stimmen laut, dass nicht alle Namensgeber von Straßen, Plätzen oder Gebäuden eine historisch weiße Weste haben (wir berichteten). Eine dreiköpfige Arbeitsgruppe – bestehend aus Dachaus Kulturamtsleiter Tobias Schneider, dem früheren Bezirksheimatpfleger Norbert Göttler sowie Stadtarchivar Andreas Bräunling – sollte daher auf Beschluss des Kulturausschusses des Stadtrats eine Liste erstellen, welche Persönlichkeiten man im Stadtbild besser nicht mehr mit einer eigenen Straße ehrt.
Nach gut zweijähriger Arbeit ist zumindest ein erster „Zwischenbericht“ fertig, wie Arbeitsgruppenmitglied Tobias Schneider auf Nachfrage erklärt. Darin aufgeführt sind „etwas mehr als 20“ potenziell belastete Namen. Den Stadträten liegt diese Liste seit Ende des vergangenen Jahres vor. Nun müsse überlegt werden, wie man weiter vorgehe. Schneider ist wichtig zu betonen: „Das ist eine politische Entscheidung!“
Und vor dem Hintergrund, dass Straßenumbenennungen vor allem für die Anwohner spürbare Konsequenzen haben, ist Schneider genauso wichtig: „Das ist eine bedeutsame Frage, die sollten wir nicht übereilen. Qualität geht vor Schnelligkeit!“ Die Stadträte sollten sich alle Zeit nehmen dürfen, um zu sagen: „Jetzt haben wir alles, jetzt wissen wir wirklich genug.“
Quellenlage bei örtlichen Berühmtheiten schwierig
Tatsächlich sei dieses umfassende Wissen aktuell noch nicht vorhanden. So sei die Faktenlage über den Komponisten Werner Egk, nach dem in Udlding ein Weg benannt ist, noch „sehr diffus“. Vieles deutet zwar darauf hin, dass Egk von rassistischem, antisemitischem Gedankengut erfasst war. Eine abschließende Studie, in Auftrag gegeben von Egks Heimatstadt Donauwörth, liegt laut Schneider aber noch nicht vor.
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Auch der Bildhauer Walter von Ruckteschell, in dessen Namen und in dessen Villa an der Münchner Straße regelmäßig Stipendien an junge Talente vergeben werden, war ein Nazi. Dies ist dank der Forschung der Künstlerin Anja Seelke mittlerweile bekannt. Seelkes „gebündelte Erkenntnisse“ aber werden erst noch veröffentlicht.
Ludwig Thoma ist der prominenteste Name auf der Liste
Grundsätzlich, so betont Schneider, sei gerade die Arbeit mit lokalen Straßennamensgebern oft schwierig. „Da gibt es nur beschränkte Archivmöglichkeiten“; außer einer Mitgliedschaft in der NSDAP, dokumentiert im Bundesarchiv, lasse sich oft nur wenig herausfinden. Insofern sei die Recherche zu den Straßennamen laut Schneider „ein Prozess, der nie 100-prozentig abgeschlossen ist. Es gibt immer wieder neue Erkenntnisse. Alles ist im Fluss“.
Wobei der entscheidende Name, vor dem sich die Stadträte vermutlich am meisten fürchten, längst nicht mehr „im Fluss“ ist: Ludwig Thoma (1867 – 1921), der große bayerische Schriftsteller, der in Dachau ein Gebäude, eine Festwiese, eine Straße und einen Verein inspiriert hat. Vor allem in seinen letzten Lebensjahren war aus dem begnadeten Menschenkenner ein Menschen-, vor allem Frauen- und Judenfeind geworden. Neue Erkenntnisse über die Frage, ob in Thomas Fall „kontextualisierende“ Erklärschilder ausreichen oder ob es eine Umbenennung braucht, sind hier nicht mehr zu erwarten.