Im Ukraine-Krieg ruft eine Partisanengruppe russische Soldaten zur Sabotage auf: Sie sollen ihre eigenen Einheiten behindern – die Echtheit der Berichte bleibt unklar.
Kiew – Trotz, laut ISW-Berichten, marginaler Geländegewinne der ukrainischen Truppen schreitet Wladimir Putins Offensive in Pokrowsk weiter voran: Die Gefahr einer Einkesselung durch die russischen Truppen ist dort noch immer akut.
Eine ukrainische Partisanengruppe behauptet, die Deserteure in den russischen Reihen nehmen zu: Mithilfe eingeschleuster Agenten rufe die Gruppe russische Soldaten direkt zur Desertation auf. Die Kernforderung der Partisanen lautet: „Rettet euer Leben!“
Pokrowsk im Fokus: Partisanen und russische Truppen im Ukraine-Krieg
Die Kyiv Post berichtet von der ukrainischen Partisanenbewegung Atesh. Diese meldete, dass ein eingeschleuster Agent der 115. Motorisierten Schützenbrigade Russlands einen Lastwagen in Brand gesetzt habe. Ziel war es, den Einsatz der Einheit in Pokrowsk zu verzögern. Die Aktion wurde durch ein Video belegt, das die Brandstiftung auf einem Lkw mit dem „Z“-Emblem (dieses gilt als Symbol für die Unterstützung des russischen Angriffskriegs) zeigt.
Atesh erklärte, die Brigade sei in der Nähe des von Russland eingenommenen Awdijiwka stationiert. Die Sabotage sei eine direkte Folge der schlechten Führung: „Die Soldaten sehen, wie ihre Führung das Personal dem sicheren Tod überlässt, ohne ihnen Ruhe oder Evakuierung zu gewähren“, hieß es. Die Kyiv Post wies darauf hin, die Echtheit von Ateshs Berichten könne nicht unabhängig überprüft werden.
„Rettet euer Leben!“: Partisanen rufen zur Sabotage au
Wie die Kyiv Post weiter berichtet, weitet sich die Kritik an der russischen Führung im Ukraine-Krieg aus: Unabhängige russische Medien identifizierten in einer Untersuchung über 100 Kommandeure, denen vorgeworfen wird, die eigenen Soldaten in der Ukraine gefoltert und hingerichtet zu haben. Dies geschah, weil die Soldaten, Befehle missachteten oder sich weigerten, ihre Verletztenentschädigung abzugeben.
Atesh rief in einem Update die russischen Soldaten zur Desertation auf. „Unsere Agenten beweisen, dass jeder russische Soldat um sein Leben kämpfen kann, ohne seine Einheit zu verlassen! Sabotage ist der effektivste Weg, um nicht in den Tod geschickt zu werden“, heißt es in dem Update. „Wir rufen alle russischen Soldaten dazu auf, dasselbe zu tun! Rettet euer Leben!“
Trotz marginaler Geländegewinne: Putin schreitet im Ukraine-Krieg unerbittlich vor
Parallel dazu wird an der Frontlinie weiter heftig gekämpft: Dabei ist die russische Armee zahlenmäßig und ausrüstungstechnisch überlegen. Trotz schwerer Verluste in einigen Abschnitten erzielt die russische Armee langsam Geländegewinne in der östlichen Region Donezk und erhöhte in den vergangenen Tagen zunehmend den Druck auf Pokrowsk. Am Samstag erklärte die ukrainische Armee, dass eine komplexe Operation unter Beteiligung von Spezialeinheiten im Gange sei, um nach Pokrowsk vorgedrungene russische Soldaten zu vertreiben.
Auch die ukrainischen Streitkräfte haben östlich von Rodynske (nördlich von Pokrowsk) marginale Geländegewinne erzielt. Das meldet das „Institute for the Study of War“ (ISW) in seinem aktuellsten Bericht. Zwar dokumentieren Aufnahmen ukrainische Angriffe nach gezielten Infiltrationsmissionen, das ISW betont jedoch: Diese bewirkten keine dauerhaften Veränderungen der Frontlinie.
Selenskyj unter Druck – Wladimir Putins Truppen rücken vor
Militärbeobachter vermuten, dass der Ballungsraum rings um Pokrowsk, wo vor Beginn des russischen Einmarsches 2022 rund 100.000 Einwohner lebten, bald eingekesselt werden und letztlich unter russische Kontrolle geraten könnte. Die Truppen Moskaus haben seit 2023 in der Region nach monatelangen, schweren Kämpfen mehrere ukrainische Hochburgen erobert, unter anderem Bachmut und Awdijiwka.
Historisch ist der Donbass das industrielle Herz der Ukraine. Die Region ist bekannt für Kohle und Schwerindustrie: Im Jahr 2012 machte die Gesamtregion laut Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) 22 Prozent der nationalen Industrieproduktion aus. Allein Donezk lieferte 16,3 Prozent und war damit Spitzenreiter. Mittlerweile rücken jedoch andere, weitaus wertvollere Ressourcen in den Fokus: Der Donbass ist reich an Lithium, Uran, Titan und seltenen Erden. Viele dieser Vorkommen liegen jedoch in den besetzten oder umkämpften Gebieten und sind nicht zugänglich.
Symbolischer Kampf um Pokrowsk: Militärexperte sieht wenig Sinn
Die Verteidigung von Pokrowsk erscheint zunehmend aussichtslos: Militärexperte Gustav Gressel analysierte im Tagesspiegel, dass der Frontbogen erhebliche ukrainische Kräfte bindet und den Personalbestand der Armee sinken lässt. Die Stadt sei weder Nachschubknotenpunkt noch eine wichtige Festung, da weitere Transportabschnitte bereits in russischer Hand lägen.
Der Tagesspiegel ergänzt: Hinter der Stadt seien längst neue Verteidigungsstellungen errichtet worden, auf die sich die Truppen zurückziehen könnten. Die finnische Analysefirma Black Bird Group teilt diese Einschätzung und warnt: „Je mehr Zeit vergeht, desto schwieriger wird der Rückzug.“ (Quelle: AFP, ISW, Kiyiv Post, Tagesspiegel, dpa, frühere Berichterstattung) (kox)