Experten erklären, wie sich Europa aus Trumps Grönland-Griff befreien kann

Schon kurz nach der Festnahme von Staatschef Nicolás Maduro in Venezuela richtete sich der Blick der USA nach Grönland. US-Präsident Donald Trump machte deutlich, dass er auch auf der Arktis-Insel Einfluss nehmen will – möglicherweise sogar militärisch.

Experten glauben nicht an Grönland-Eskalation, sondern an Deal

Dass die Vereinigten Staaten bis zum Äußersten gehen, um ihr Ziel zu erreichen, bezweifeln aber mehrere Experten:

  • Die Politikwissenschaftlerin Claudia Major geht im Podcast mit "Bild"-Vize Paul Ronzheimer davon aus, dass eine militärische Intervention in Grönland das Ende der Nato bedeuten würde. Daran hätten die USA aber kein Interesse, das Militärbündnis sei immer noch "ein nützliches Instrument, um Druck auf die Europäer auszuüben".
  • Der Sicherheitsexperte Nico Lange glaubt, dass es den USA bei den Drohungen eher um maximalen Druck geht. "Realistisch ist allerdings, dass die USA Grönland ein attraktives Angebot machen werden, gleichzeitig hohen Druck ausüben und auf ein Referendum der Grönländer setzen", erklärte er bei X.
  • Ex-CIA-Chef David Petraeus erklärt im Interview mit "The Pioneer", Trump denke in Deals. "Er selbst hat gesagt, dass der Beginn einer Verhandlung darin besteht, eine Position der Stärke aufzubauen." Das könnte beispielsweise durch das Ventilieren des Militär-Szenarios geschehen.

"Nato-Stützpunkt unter US-Führung wäre schonendste Lösung"

Wie aber könnte ein Deal aussehen – der auch für die Europäer akzeptabel ist? Dazu kursieren verschiedene Ideen. Ein Vorschlag kommt von Klemens Fischer, Ex-Diplomat und Professor für Internationale Beziehungen und Geopolitik an der Uni Köln. "Die schonendste Lösung wäre es, einen Nato-Stützpunkt unter US-amerikanischer Führung einzurichten", erklärt er FOCUS online.

Bislang gibt es drei regionale Befehlskommandos der Nato: eines für den nördlichen Teil Europas inklusive Polens und des Baltikums, eines für Südeuropa inklusive des Mittelmeers, Nordafrikas und des Nahen Ostens sowie eines für den Atlantik und den Südwesten. Technisch gesehen ist keines davon für die Arktis zuständig ist. "Dementsprechend könnte ein eigenes Kommando eingerichtet werden, das sich auf diesen Teil konzentriert", schlägt Fischer vor.

Europa könnte sogar von Nato-Deal profitieren

Zwar müssten die Europäer den USA das Kommando und die strategische Führung über diese Truppen überlassen. Aber von einer verstärkten Militärpräsenz in der Arktis – zum Beispiel als Zeichen gegen Russland – könnten dann auch europäische Staaten profitieren.

Fischer gibt allerdings zu bedenken, dass unsicher sei, ob man sich in Washington auf eine derartige für Europa gesichtswahrende Lösung einließe. "Das Angebot der Europäer müsste jedenfalls so gut sein, dass es für die USA keine Einschränkung, sondern einen Gewinn darstellen würde."

Könnten Pazifikinseln Vorbild für Arktis-Abkommen sein?

Dieser Gewinn, glaubt der Ex-Diplomat, müsste nicht nur sicherheitspolitisch, sondern auch wirtschaftlich sein: "Die Bodenschätze Grönlands sind für die USA von großem Interesse und das bedeutet, dass auch hier ein für Trump typischer Deal angedacht werden müsste."

An dieser Stelle kommt ein zweiter Vorschlag ins Spiel. USA-Experte Josef Braml hält wirtschaftliche Anreize und ein "Compact of Free Association" (COFA) für ein "realistisches" Szenario. Ein solches Assoziierungsabkommen gibt es bereits zwischen den Vereinigten Staaten und den Pazifikinseln Mikronesien, Palau und Marshallinseln. Die USA binden sie mit finanzieller und organisatorischer Unterstützung an sich, sichern sich dafür aber auch militärische und wirtschaftliche Rechte in der Region.

Berichten zufolge wird ein solcher Plan tatsächlich auch unter US-Beamten diskutiert. Anders als bei Nato-Truppen in Grönland würden die Europäer bei diesem Vorschlag nicht direkt profitieren – der Wert läge eher darin, eine militärische Konfrontation mit den USA zu verhindern.

Rubio: Trump will Grönland kaufen

Ein dritter Ausweg für die Europäer und vor allem Dänemark aus der Konfrontation wäre es, die Insel an die USA zu verkaufen. Ein Bericht der "New York Times" deutet darauf hin, dass Trump diese Option favorisieren könnte. Demnach hat US-Außenminister Marco Rubio Abgeordneten mitgeteilt, dass Präsident Trump plane, Grönland käuflich zu erwerben. 

Marco Rubio und Donald Trump
US-Außenminister hat offenbar US-Abgeordnete darüber unterrichtet, dass Präsident Donald Trump Grönland kaufen will. Julia Demaree Nikhinson/AP/dpa

Dann könnte Dänemark immerhin noch einen großen finanziellen Gewinn einstreichen. Allerdings würde man damit auch jeglichen Einfluss auf Grönland verlieren und könnte Trump womöglich zu einem ähnlichen Vorgehen bei anderen Ländern ermutigen. Schonend wäre das kaum.

"Es gibt nichts anzubieten"

Das hält Ex-Diplomat Fischer aber ohnehin für eine Herausforderung: "Es wird sehr schwierig für die Europäer, eine gesichtswahrende Lösung zu erreichen, wenn die USA ihren Einfluss auf Grönland durchsetzen wollen."

Noch pessimistischer ist Gerald Knaus, der die Denkfabrik Europäische Stabilitätsinitiative leitet. "Es gibt nichts anzubieten", sagte er in einem Interview mit dem Radiosender "Bayern 2". Die Dänen hätten nämlich genau das bereits versucht und seien gescheitert.  

Knaus erklärt: "Die Fassungslosigkeit in Kopenhagen liegt darin, dass man die Amerikaner gefragt hat: 'Was wollt ihr? Ihr sagt Sicherheit. Warum habt ihr eure Soldaten, die ihr in Grönland stationieren dürft nach einem Vertrag von 1951 zwischen den USA und Dänemark reduziert von 10.000 auf weniger als 200? Ihr könntet mehr Soldaten hinschicken, niemand hindert euch.'"

Europäer hätten im Kampf um Grönland keine Chance

Sollten die Deal-Versuche der Europäer scheitern und sich Trump schließlich zu einem Militäreinsatz entscheiden, sähen die Chancen schlecht aus. „Die Möglichkeiten der Europäer auf ein militärisches Vorgehen der USA zu reagieren sind praktisch mit null zu bewerten. Selbst die hochentwickelten, modernst ausgerüsteten und extrem gut ausgebildeten britischen Truppen würden gegen die geballte US-Macht keine Herausforderung darstellen“, erklärt Außenpolitikexperte Fischer. 

Es sei deshalb schlicht nicht denkbar, dass Europäer gegen US-Amerikaner wegen Grönland in den Krieg ziehen würden – Trump könnte also womöglich kampflos Grönland an sich reißen.