Nach Trump-Drohung sind 3 Grönland-Szenarien denkbar - eins wäre besonders brisant

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Nach dem Vorgehen gegen Venezuela richtet Donald Trump seine Aufmerksamkeit auf Grönland. Er begründet dies mit nationalen Sicherheitsinteressen der USA und verweist auf die strategische Bedeutung der Insel.

Mögliche Szenarien der amerikanischen Einflussnahme auf Grönland

Trump prüft dabei verschiedene Wege, um den US-Einfluss auf Grönland auszubauen. Drei Szenarien stehen dabei im Fokus:

Szenario 1: Politische Einflussnahme und Spaltung

Am wahrscheinlichsten ist eine gezielte politische Intervention der USA. Ziel ist es, die Unabhängigkeitsbewegung in Grönland zu stärken und die Bindung an Dänemark zu lockern. Bereits heute pflegt die US-Regierung Kontakte zu Befürwortern der Unabhängigkeit, unterstützt diese diplomatisch und intensiviert mit Geheimdiensten wie CIA und NSA die Identifikation pro-amerikanischer Akteure vor Ort. 

Ähnliche Taktiken wurden von den USA bereits in anderen Regionen erfolgreich angewandt. Eine gesellschaftliche Fragmentierung könnte Dänemarks Einfluss schwächen und amerikanische Angebote erleichtern.

Szenario 2: Wirtschaftliche Anreize und „Compact of Free Association“ (COFA)

Ein weiteres realistisches Szenario ist das Angebot eines „Deals“, etwa in Form eines COFA-Vertrags, wie ihn die USA mit pazifischen Inselstaaten abgeschlossen haben. Ein solcher Vertrag würde den USA militärische und wirtschaftliche Rechte in Grönland einräumen, während Grönland im Gegenzug finanzielle Vorteile erhielte. Ob Dänemark und die grönländische Bevölkerung zustimmen würden, bleibt jedoch offen.

Szenario 3: Direkte Annexion oder militärischer Druck

Ein direktes militärisches Eingreifen oder die Annexion Grönlands durch die USA erscheint derzeit wenig wahrscheinlich. Zwar gibt es gelegentlich entsprechende Rhetorik, doch eine Ausweitung der US-Militärpräsenz ohne Zustimmung Dänemarks wäre diplomatisch und militärisch riskant und würde auf massiven Widerstand stoßen. Ganz auszuschließen ist dieses Szenario jedoch nicht.

Europas Optionen zur Eindämmung des US-Einflusses

Um den wachsenden US-Einfluss auf Grönland zu begrenzen, sollten die europäischen Staaten auf Geschlossenheit, gezielte Unterstützung und internationale Zusammenarbeit setzen. Nur eine vereinte diplomatische Front, wirtschaftliche Hilfen und die konsequente Nutzung internationaler Institutionen können amerikanischen Einflussversuchen wirksam begegnen und die Souveränität Grönlands und Dänemarks sichern.

Nordische und baltische Staaten, Großbritannien und Frankreich haben ihre Unterstützung für die Souveränität Grönlands und Dänemarks bereits klar signalisiert. Diese Einheit muss weiter gestärkt werden, um den Druck auf die USA aufrechtzuerhalten.

Wirtschaftliche und politische Unterstützung, etwa durch Investitionen, Handelsabkommen oder Sicherheitsgarantien, kann Grönland und Dänemark enger an Europa binden und den US-Einfluss schwächen. Programme zur Förderung von Bildung, Infrastruktur und Wirtschaft vertiefen diese Bindung zusätzlich.

Ein zentrales Element ist die Nutzung internationaler Institutionen wie UNO und NATO. Die Berufung auf internationales Recht und Verträge stärkt die Legitimität der europäischen Position und kann amerikanische Einflussversuche delegitimieren.

Der NATO droht eine Belastungsprobe

Ein militärischer Zugriff auf Grönland würde die NATO vor eine enorme Belastungsprobe stellen. Ein solcher Vorstoß würde das Vertrauen innerhalb der NATO erschüttern. Die Glaubwürdigkeit des Bündnisses, die Anwendung von Artikel 5 und die Stabilität im Nordatlantik stünden auf dem Spiel, sollte ein Mitgliedsstaat – die USA – die Souveränität eines anderen, nämlich Dänemarks, nicht nur mit rhetorischen Drohungen infrage stellen.

Das deutsche Außenministerium betonte am 5. Januar, dass Grönland unter den Schutz von Artikel 5 des NATO-Vertrags fällt – notfalls auch gegen die USA? Theoretisch könnte Artikel 5 auch bei einem Angriff der USA auf Dänemark zur Anwendung kommen. Das Strategische Konzept von 1999 erwähnt zwar Angriffe „aus welcher Richtung auch immer“, doch ein Bündnisfall gegen die USA ist unrealistisch. Schließlich muss der NATO-Rat einstimmig entscheiden, ob ein solcher Fall tatsächlich ausgerufen wird.

Grönland hat für die NATO eine enorme strategische Bedeutung – insbesondere wegen der Arktis, russischer und chinesischer Aktivitäten sowie der Sicherung von Seewegen und Rohstoffen. Ein US-Alleingang würde die Planungen der NATO erheblich erschweren und Unsicherheit im Nordatlantik schaffen.

Greift die USA militärisch ein, hat Europa mehrere Optionen

Sollte es zu einem militärischen Alleingang der USA kommen, stehen den europäischen Staaten verschiedene Optionen offen. Wirtschaftliche Sanktionen oder Handelsbeschränkungen könnten eingesetzt werden, um politischen Druck auf Washington auszuüben – vorausgesetzt, die EU und weitere Partner agieren geschlossen.

Auch diplomatische Maßnahmen über die UNO oder neue sicherheitspolitische Allianzen ohne US-Beteiligung wären denkbar, aber wenig realistisch. Eine verstärkte europäische Militärpräsenz in der Arktis und in Grönland selbst könnte hingegen als Abschreckung wirken und die Verteidigungsfähigkeit Europas erhöhen.

Europa braucht Wachsamkeit und Geschlossenheit

Trump prüft unterschiedliche Wege, um den US-Einfluss in Grönland zu stärken – von gezielter politischer Einflussnahme über wirtschaftliche Anreize bis hin zu militärischem Druck. Die realistischsten Szenarien sind die Stärkung der Unabhängigkeitsbewegung und ein COFA-Angebot; eine direkte Annexion bleibt unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen. Für die NATO wäre ein amerikanischer Alleingang eine schwere Belastungsprobe.

Europa verfügt über eine breite Palette wirtschaftlicher, politischer und militärischer Mittel zur Reaktion, muss diese jedoch strategisch und geschlossen einsetzen. Nur durch konsequente Diplomatie, gezielte Unterstützung und die Nutzung internationaler Institutionen kann Europa seine Position wahren und die Souveränität Grönlands und Dänemarks sichern.

Der Autor: Dr. Josef Braml ist Politikwissenschaftler, USA-Experte und European Director der Trilateral Commission – einer einflussreichen globalen Plattform für den Dialog eines exklusiven Kreises politischer und wirtschaftlicher Entscheider/innen Amerikas, Europas und Asiens.

Zuletzt sind beim Verlag C.H.Beck sein mit Mathew Burrows verfasstes Buch „Die Traumwandler. Wie China und die USA in einen neuen Weltkrieg schlittern“ und sein weiterhin aktueller Bestseller „Die transatlantische Illusion. Die neue Weltordnung und wie wir uns darin behaupten können“ erschienen.

In ihrem neuen Buch „World to Come – The Return of Trump and the End of the Old Order“ beschreiben Braml und Burrows die Gefahren und Chancen der neu entstehenden Weltordnung.

Dr. Josef Braml ist Politikwissenschaftler und USA-Spezialist mit über 20 Jahren Forschungstätigkeit, der als European Director der Trilateral Commission agiert. Er ist Teil unseres EXPERTS Circle. Die Inhalte stellen seine persönliche Auffassung auf Basis seiner individuellen Expertise dar.