Selten war die Rentendebatte so aufgeladen wie in diesen Tagen. Zwischen Haltelinie, Mütterrente und Kapitalstock ringt die Ampel um ein Jahrhundertprojekt. Die Bundesregierung verspricht Stabilität im Alter, die Haltelinie von 48 Prozent soll bis weit in die 2030er-Jahre Sicherheit geben.
Doch ausgerechnet jene Generation, die das Rentenpaket langfristig finanzieren soll, sieht die Reform kritisch. Die Junge Union versucht die Blockade des Rentenpakets im Bundestag. FOCUS online hat junge Ökonominnen und Ökonomen aus München, Berlin, Mannheim, Kiel, Essen oder Nürnberg um ihre Einschätzung gebeten – sie zeichnen ein Bild, das nüchtern ausfällt. Die Nachwuchs-Ökonomen warnen vor Milliardenlasten, verschobenen Prioritäten und grundlegenden Denkfehlern der Politik.
Annica Gehlen (30) vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) bringt die Grundspannung auf den Punkt: „Eine Sicherung des Lebensstandards im Alter ist ein wichtiges und richtiges Ziel. Dieses Ziel sollte jedoch mit einer nachhaltigen Finanzierungsgrundlage erreicht werden.“
Die Haltelinie von 48 Prozent setze Ausgaben fest, „ohne Lösungsansätze zu liefern, um diese zu finanzieren“ Viele der Nachwuchsforscher sind sich einig: Die Reform stabilisiert die Gegenwart – und überlässt die Rechnung jenen, die heute Anfang 20, 30 oder 40 sind.
Teurer Status quo: „Ein Mehr für Ältere heißt weniger für Jüngere“
Wie tief die Warnungen reichen, zeigt der Blick über die Institute hinweg. Jonas Löbbing (35), Forscher am Institut für Volkswirtschaftslehre der LMU, nennt das Paket „eine sinnvolle Maßnahme, aber kein großer Wurf“ und fordert stattdessen mehr Umverteilung zugunsten niedriger Einkommen sowie ein einkommensabhängiges Rentenalter, um demografische Ungleichheiten abzufedern
Timo Hoffmann (28), wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW), wird deutlicher. Er sieht eine strukturelle Schieflage, die durch das Paket verschärft werde: „Wenn immer weniger Erwerbstätige für immer mehr Rentner aufkommen müssen und zugleich die Lebenserwartung steigt, ist die langfristige Finanzierbarkeit der Rente nicht mehr gewährleistet.“ Gelder, die nun aus dem Bundeshaushalt in die Rente fließen, fehlten „bei öffentlichen Investitionen“. Also genau dort, wo die junge Generation die Zukunft Deutschlands gesichert sehen will.
So droht die Abwanderung von Fachkräften, oder dass Arbeitnehmer weniger arbeiten, etwa um ihre Kinder selbst zu betreuen oder Angehörige selbst zu pflegen. Hoffmanns Fazit: „48 Prozent eines kleinen Kuchens können weniger sein als 47 Prozent eines großen Kuchens.“
Manuel Pannier (28) von der Münchener LMU warnt zusätzlich vor den fiskalischen Folgen: „Bereits heute, bevor ein Großteil der Babyboomer den Arbeitsmarkt verlässt, müssen wir etwa ein Drittel unserer Steuereinnahmen für Zuschüsse zur Rentenversicherung aufwenden – durch dieses Rentenpaket wird dieser Anteil nur weiter steigen und dieses Geld fehlt uns, um wichtige Zukunftsinvestitionen voranzutreiben.“ Das Paket arbeite zudem „zu wenig zielgenau“ und folge einem „Gießkannenprinzip“, von dem vor allem Menschen mit hohen Rentenansprüchen profitierten, während Erwerbstätige die steigenden Lasten tragen müssten.
Der größte Streitpunkt: Die Haltelinie bei 48 Prozent
Kaum eine Maßnahme polarisiert so sehr wie die Festschreibung des Rentenniveaus. Emilie Höslinger (26), Doktorandin am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (ifo), kritisiert, die Stabilisierung führe dazu, „dass ausschließlich die derzeit und zukünftig Erwerbstätigen die Lasten der demographischen Alterung tragen – obwohl sie diese nicht zu verantworten haben“. Schon heute steige die Rentenbezugsdauer stärker als die Lebensarbeitszeit. Der Nachhaltigkeitsfaktor, eigentlich als Dämpfer gedacht, werde ausgehebelt.
Auch Caroline Knebel-Seitz (32) vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) unterstreicht die langfristigen Risiken: Die Reform verschiebe „einige der drängenden Probleme weiter in die Zukunft“, weil der ausgesetzte Nachhaltigkeitsfaktor eine faire Lastenteilung zwischen den Generationen verhindert hätte. Höhere Beiträge für jüngere Kohorten verringerten ihren finanziellen Spielraum – ein Ausgleich über den Bundeshaushalt belaste wiederum Zukunftsinvestitionen und damit „das wirtschaftliche Wachstum, von dem künftige Generationen profitieren“.
Veronika Püschel (34), Referentin beim Sachverständigenrat Wirtschaft, bewertet es ähnlich: Die Haltelinie bedeute „de facto ein Aussetzen des Nachhaltigkeitsfaktors“, wodurch demografische Kosten „verstärkt auf die arbeitende Generation verlagert“ würden – unabhängig davon, ob über Steuern oder Beiträge finanziert wird.
Noch schärfer äußert sich Robin Jessen (38) vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI): „Das Rentenpaket verteilt einseitig von der jungen zur alten Generation um.“ Das sei „Gift für die Wachstumsaussichten der deutschen Volkswirtschaft“.
Wer profitiert und wer zahlt die Zeche?
Alle Nachwuchsforschenden kommen zu einer ähnlichen Diagnose: Profiteure sind aktuelle Rentner, Menschen, die in den nächsten Jahren in Rente gehen und Haushalte mit stabilen Erwerbsbiografien und höheren Rentenansprüchen.
Die Belasteten sind junge und zukünftige Erwerbstätige, Selbständige und Niedrigverdiener, der Bundeshaushalt und damit Zukunftsinvestitionen
Irina Popova (33), Wirtschaftswissenschaftlerin an der Uni Bonn, stellt klar: Das Paket belaste „heutige junge und zukünftige Generationen“, weil Beitragssätze steigen, ohne Gegengewichte wie den Nachhaltigkeitsfaktor beizubehalten. Besonders brisant: Die Haltelinie helfe armutsgefährdeten Gruppen kaum, da das Rentensystem nach dem Äquivalenzprinzip arbeitet: hohe Renten steigen stärker als niedrige.
Adrian Lerche (36) vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) betont hingegen, dass vom Rentenpaket „insbesondere Personen profitieren würden, die derzeit eine Rente beziehen oder kurz davorstehen“. Die Haltelinie könne zwar Altersarmut verhindern helfen, doch sei entscheidend, „dass auch derzeitige Beitragszahlende in Zukunft einen angemessenen Gegenwert bekommen“.
Kapitalstock, Frühstartrente, Aktivrente: Hoffnung oder PR?
In fast allen Antworten fällt dasselbe Muster: Die neuen Maßnahmen wirken symbolisch, aber nicht systemisch. Löbbing bezeichnet zwar den Kapitalstock als „sinnvoll“, aber betont: Dieser werde „in den nächsten 20 Jahren noch keinen großen Beitrag“ leisten. Die Aktivrente dagegen koste viel und komme „überwiegend wohlhabenderen Rentnern zugute“.
Arthur Seibold (37), Professor für VWL (LMU), spricht von hohen Mitnahmeeffekten und „geringen Effekten auf die Beschäftigung Älterer“. Die Frühstartrente sei zu klein dimensioniert, um das System spürbar zu entlasten. Entscheidend sei vielmehr die Anpassung der Lebensarbeitszeit an die steigende Lebenserwartung: „Die ökonomische Forschung zeigt klar, dass eine Anhebung der Altersgrenzen des Rentensystems die effektivste Reformoption ist.“
Knebel-Seitz vom ZWE äußert zudem Zweifel an den kapitalgedeckten Elementen des Pakets: Die Förderung der Frühstartrente sei „zu niedrig, um das Renteneinkommen maßgeblich zu erhöhen“, zudem seien zentrale Details ungeklärt – von Produktwahl bis Kosten. Auch das Generationenkapital werde „zu spät kommen“ und „zu geringe Ausschüttungen“ liefern, um die Rentenversicherung spürbar zu entlasten.
IAB-Forscher Lerche wiederum sieht in der Kapitalmarktkomponente grundsätzlich Potenzial, verweist aber darauf, dass echte Wirkung nur entsteht, wenn – wie in Schweden – verpflichtende Einzahlungen erfolgen. Studien zeigten jedoch, dass finanzielle Anreize allein nicht ausreichen und erhebliche Mitnahmeeffekte wahrscheinlich sind.
„Wir diskutieren am Kern vorbei“
Einige junge Ökonomen widersprechen der gängigen Generationengerechtigkeitsdiagnose. Patrick Kaczmarczyk (35) von der Uni Mannheim nennt das Paket eine „Verstetigung von Altersarmut“, betont aber: Die eigentliche Frage sei nicht Jung gegen Alt, sondern vielmehr die Frage nach Produktivität, Bildung, Infrastruktur: „Nur, wenn wir dafür sorgen, dass Produktivität und Löhne wachsen, werden wir den demographischen Wandel ohne große Friktionen bewältigen können“.
Julian Bank (39), vom Institut für Sozioökonomie der Uni Duisburg-Essen, hält die Debatte über Generationengerechtigkeit für verkürzt: „Der Verweis auf Generationengerechtigkeit lenkt ab von der eigentlichen Gerechtigkeitsfrage: der Verteilung zwischen niedrigen und hohen Einkommen und Vermögen.“
Eine stärkere Finanzierung über Steuern auf Wohlhabende könne das Problem deutlich entschärfen. Er warnt zudem vor der Illusion, ein kapitalgedecktes System könne uns aus der Demografie befreien: „Die Hoffnung, dass wir uns mit einer stärker kapitalmarktfinanzierten Rente von der heimischen Demografie abkoppeln, ist trügerisch.“
Das gemeinsame Fazit einer ganzen Generation
Für Knebel-Seitz, Pannier und Lerche gilt trotz unterschiedlicher Akzente ein gemeinsamer Nenner: Das Rentenpaket II greift zu kurz. Es stabilisiert das System kurzfristig, verschiebt aber strukturelle Fragen – Finanzierung, Arbeitsmarkt, Produktivität – in die Zukunft. Die dringend benötigten Reformen, von höherem Renteneintrittsalter bis hin zu echter Kapitaldeckung, müssten erst noch kommen.
Trotz unterschiedlicher Ansätze zieht sich eine Linie durch nahezu alle Antworten:
- Das Rentenpaket II löst nicht die strukturellen Probleme – es verschiebt sie.
- Die Haltelinie stabilisiert das Rentenniveau kurzfristig –
aber verstärkt die Lasten für junge und kommende Generationen. - Die Kosten steigen, aber das Paket bringt keine Antwort auf Produktivität, Arbeitsmarkt und Demografie.
- Die Kapitalmarktmaßnahmen sind zu klein gedacht; die Aktivrente gilt vielen als teuer und ineffektiv.
- Der Staat verliert finanziellen Spielraum für Investitionen in Bildung, Klimaschutz und Digitalisierung.
Und so steht am Ende ein Befund, der im politischen Berlin kaum ausgesprochen wird: Wenn Deutschland seine Rente retten will, braucht es nicht nur mehr Geld – sondern mehr Mut und den Fokus auf jene, die am Ende die Rechnung bezahlen müssen.
Die Zitate der Ökonomen in der Übersicht
Die Haltelinie von 48% legt zusätzliche Ausgaben fest, ohne Lösungsansätze zu liefern, um diese zu finanzieren. Insgesamt ist das Rentenniveau aber nur ein bedingt gutes Maß, um die Absicherung durch die gesetzliche Rente zu beurteilen. Es beschreibt einen fiktiven Eckrentner mit einer Erwerbsbiografie ohne Unterbrechungen und lässt somit zum Beispiel kaum Rückschlüsse über Altersarmut zu. (...) Insgesamt bedeutet das Paket vor allem eine Belastung jüngerer Generationen zugunsten der älteren Generation. (...) Die Frühstartrente geht einen Schritt in die richtige Richtung, stellt aber keine ausreichende Lösung für den Bedarf einer verlässlichen Altersvorsorge für jüngere Menschen dar. (...) Die Aktivrente bedeutet allerdings auch, dass gerade die Menschen, die am meisten von dem Rentenpaket profitieren, weniger an seiner Finanzierung beteiligt werden als jüngere Erwerbstätige. Dies wiederum verstärkt den Eindruck, dass diese die zusätzlichen Lasten der Bevölkerungsalterung alleine tragen. Positiv zu bewerten ist die Aufhebung des Anschlussverbotes, welches aktuell noch die befristete Weiterbeschäftigung von Menschen über der Regelaltersgrenze verhindert.
Das Rentenpaket II ist eine sinnvolle Maßnahme, aber kein großer Wurf. Es sollten grundlegendere Reformen folgen: 1) eine stärkere Abweichung vom Äquivalenzprinzip mit mehr Umverteilung innerhalb des Rentensystems, um Kosten zu sparen, ohne das Rentenniveau für Mittel- bis Geringverdiener zu senken. Eine einkommensabhängige Anhebung des Renteneintrittsalters, die berücksichtigt, dass die Lebenserwartung für Menschen mit hohem Einkommen höher ist als für Menschen mit geringem Einkommen. Die Haltelinie erhöht natürlich die Kosten, also entweder die Beitragssätze oder - wie aktuell geplant - den Steuerzuschuss. Aber sie erhöht auch die Rente, welche die jüngeren Generationen beziehen werden, zumindest falls die Reform bis dahin nicht zurückgenommen wird. (...) Es profitieren diejenigen, die lange leben und damit auch lange eine höhere Rente beziehen. Benachteiligt wird, wer früh stirbt und deshalb zwar höhere Beiträge oder Steuern zahlt, aber nicht lange die höhere Rente beziehen kann. (...) Die Aktivrente dagegen wird nach aktueller Studienlage viel Geld kosten und überwiegend wohlhabenderen Rentnern zugutekommen. Das Geld könnte man meiner Ansicht nach besser nutzen.
Mit einem nostalgischen Blick in den Rückspiegel an überkommenden Strukturen festhalten zu wollen, erscheint aus ökonomischer Sicht nicht plausibel. (...) . Insgesamt sollte dem Rentenpaket II nicht zugestimmt werden. (...) Der aktuelle Vorschlag der Bundesregierung, diesen Nachhaltigkeitsfaktor aussetzen, verlagert die Last jedoch einseitig auf die jungen Erwerbstätigen. Das ist alles andere als generationengerecht.
(...) Vom geplanten Rentenpaket profitieren ausschließlich die Rentenempfänger. Die entstehenden Mehrkosten müssen in erster Linie die Erwerbstätigen über höhere Beiträge oder Steuern tragen. Darüber hinaus dürfte auch der Anteil des Bundeshaushalts, der in die Rentenfinanzierung fließt und zurzeit bereits rund ein Viertel ausmacht, weiter steigen. (...) Dann fehlen die Finanzmittel, die über den Bundeshaushalt in die Rente umgeleitet werden, an anderer Stelle, etwa bei Investitionen in Infrastruktur oder den Klimaschutz. Damit entgehen der jungen Generation langfristig genau jene Investitionen, von denen sie besonders profitieren würden. Entgegen anderer Darstellungen profitieren die heute Erwerbstätigen zudem nicht zwingend von der Haltelinie. (...) Die Aktivrente stützt für sich genommen nicht das Rentensystem, da nach Renteneintritt keine entsprechenden Beiträge mehr gezahlt werden. Sie hat somit keinerlei Einfluss auf das Rentenniveau. (...) Um die Beschäftigung im Alter zu erhöhen, wären ein Kündigungsschutz sowie ein späteres Renteneintrittsalter die effektiveren Maßnahmen. (...) Die Erwartung, dass beispielsweise eine weiter steigende Erwerbsbeteiligung die Zahl der Beitragszahler erhöhen könnte, dürfte sich kaum erfüllen. (...) Grund für die steigende Erwerbsbeteiligung der Älteren waren u.a. die Rentenreform der 2000er Jahre. Allerdings dürfte sie im laufenden Jahr ihren Zenit erreichen und ab dem kommenden Jahr im Zuge der alternden Erwerbsbevölkerung stetig abnehmen.
Das am 5.12. zur Abstimmung stehende Rentenpaket beinhaltet mit der Mütterrente und der Haltelinie vor allem zwei Maßnahmen, die hohe Kosten mit sich bringen. Durch solche Maßnahmen wird der Ausgabenspielraum im Bundeshaushalt in Zukunft noch kleiner. Dass darüber hinaus mit der Aktivrente ein Anreiz zum Arbeiten über den Renteneintritt hinaus geschaffen wird, ist gut, löst aber das wahre Problem nicht. Die Festschreibung des Rentenniveaus bzw. der Haltelinie bei 48 % sorgt dafür, dass ausschließlich die derzeit und zukünftig Erwerbstätigen die Lasten der demographischen Alterung tragen – obwohl sie diese nicht zu verantworten haben. Ein umlagefinanziertes System ist nur nachhaltig, wenn es genug Nachwuchs gibt und wenn das Verhältnis zwischen Lebensarbeitszeit und Rentenbezugsdauer konstant bleibt. Da die Geburtenrate seit Jahren sinkt und sich die durchschnittliche Rentenbezugsdauer deutlich stärker erhöht hat als die durchschnittliche Lebensarbeitszeit, ist beides nicht gewährleistet. Bisher wurde das mit der höheren Erwerbsbeteiligung von Frauen und durch Migration ausgeglichen. Diese Effekte reichen in Zukunft nicht mehr aus, um die Rente der großen Babyboomer-Generation zu finanzieren.
Die Haltelinie führt de facto zu einem Aussetzen des Nachhaltigkeitsfaktors, also jenes Mechanismus, der die demografisch bedingten Lasten zwischen Rentenbeziehenden und Beitragszahlenden steuert. Dadurch werden die Finanzierungslasten, die sich aus der demografischen Entwicklung ergeben, verstärkt auf die arbeitende Generation verlagert. Dabei ist es unerheblich, ob die Mehrkosten beitrags- oder steuerfinanziert sind. Mittel-bis langfristig ist eine nachhaltige Finanzierung der Rente durchaus erreichbar. Voraussetzung dafür ist jedoch die Bereitschaft, unbequeme Reformen durchzusetzen. Dazu gehört die Kopplung des Renteneintrittsalters an die fernere Lebenserwartung sowie der konsequente Aufbau einer ergänzenden kapitalgedeckten Altersvorsorge. So könnte das System stabilisiert und wieder auf einen verlässlichen Kurs gebracht werden. Kurzfristig sind jedoch steigende Beiträge bei gleichzeitig sinkendem Sicherungsniveau kaum vermeidbar. Dies sollte offen kommuniziert und sozialpolitisch flankiert werden, etwa durch eine zielgerichtete Umverteilung innerhalb der Generation der Rentenbeziehenden.
Das Rentenpaket verteilt einseitig von der jungen zur alten Generation um. Diesen Effekt haben sowohl die Haltelinie von 48% als auch die Ausweitung der Mütterrente. Da die Haltelinie steuerfinanziert ist, wird sie zu einer Erhöhung der Steuerlast führen. Das ist Gift für die Wachstumsaussichten der deutschen Volkswirtschaft. Die Haltelinie ist keineswegs generationengerecht. (...) Das Aussetzen des Nachhaltigkeitsfaktors sorgt dafür, dass die demografischen Kosten vor allem durch die junge Generation getragen werden. Es profitieren Rentner und Menschen, die in den kommenden Jahren in Rente gehen werden – allerdings nur ehemals abhängig Beschäftigte, die ausreichend Rentenansprüche gesammelt haben, um nicht auf existenzsichernde Maßnahmen angewiesen zu sein. Alle anderen, also insbesondere die Jüngeren sowie Selbständige und ehemals Selbständige verlieren. Die Aktivrente ist eine starke Steuererleichterung für Menschen, die nach dem Renteneintritt in abhängiger Beschäftigung arbeiten möchten. (...) Nicht nachzuvollziehen ist zudem, dass die Aktivrente nur für abhängig Beschäftigte und nicht für Selbständige gelten soll. Der einzige Lichtblick des Rentenpakets ist die Abschaffung des sogenannten Anschlussverbots. Diese Maßnahme würde es deutlich einfacher machen, Menschen nach Überschreiten des Regelrenteneintrittsalters in befristeten Verträgen zu beschäftigen. Deutschlands Wirtschaftsleistung verharrt auf dem Niveau von 2019. Eine Erhöhung der Steuer- und Abgabenlast ist das Gegenteil dessen, was jetzt gefragt ist. Nachhaltig wäre es, das Regelrenteneintrittsalter zu erhöhen und den Nachhaltigkeitsfaktor bald wieder zu aktivieren.
In einem umlagefinanzierten Rentensystem gilt eine einfache Budgetgleichung: Wenn die Zahl der Rentner schneller wächst als die Zahl der Beitragszahler, muss das System reagieren. Die drei Stellschrauben sind der Beitragssatz, das Rentenniveau und das Renteneintrittsalter. Wird keiner dieser Parameter genutzt, muss der Staat zusätzliche Mittel zuschießen - mit höheren Steuern oder zusätzlicher Staatsverschuldung als Folge. (...) Im Ergebnis profitieren damit vor allem die heutigen Älteren, während die jungen und kommenden Generationen langfristig stärker belastet werden. (...) Die verbreitete Argumentation, die Haltelinie von 48 % diene der Bekämpfung von Altersarmut, ist mindestens irreführend. Das deutsche Rentensystem folgt dem Äquivalenzprinzip und weist nur sehr geringe Umverteilungselemente auf – anders als stärker progressive Systeme wie in den USA. Eine Fixierung des Rentenniveaus begünstigt daher vor allem Personen mit stabilen Erwerbsbiografien und höheren Einkommen. Für diejenigen, die im Alter tatsächlich armutsgefährdet sind – häufig mit Teilzeitphasen, Unterbrechungen oder Niedriglohnbeschäftigung –, verbessert die Haltelinie die Situation kaum. Aus verteilungspolitischer Sicht wäre ein anderer Ansatz sinnvoller gewesen: eine gezielte Haltelinie für niedrige Einkommen zur Absicherung armutsgefährdeter Älterer, kombiniert mit der Beibehaltung des Nachhaltigkeitsfaktors für alle anderen. Das würde einerseits die finanzielle Belastung begrenzen und andererseits genau dort helfen, wo Altersarmut tatsächlich entsteht. Langfristig lässt sich die Nachhaltigkeit des Rentensystems allerdings nur sicherstellen, wenn gleichzeitig die wirtschaftlichen Grundlagen gestärkt werden. Investitionen in Bildung, Qualifikation und Innovation - insbesondere im Zuge des technologischen Wandels - sind daher zentrale Bausteine einer tragfähigen Rentenfinanzierung und wurden meines Erachtens in den vergangenen Jahren deutlich vernachlässigt. Forschungsergebnisse - einschließlich meiner eigenen - zeigen klar, dass höhere Bildungsausgaben ein besonders effektives Instrument darstellen, um langfristig die Steuerbasis zu stärken und damit auch die Einnahmenseite der gesetzlichen Rentenversicherung nachhaltig zu stabilisieren.
Ich bewerte das Rentenpaket insgesamt sehr kritisch. Das Rentensystem steht vor zwei zentralen Problemen. Das erste Problem ist die Nachhaltigkeit. Ohne grundlegende Reformen wird es nicht möglich sein, zukünftigen Generationen das gleiche Rentenniveau zu bieten, das die Rentner:innen heute bekommen. Das zweite Problem ist die soziale Gerechtigkeit. Deutschland hat bereits heute große Probleme mit Ungleichheit und Armut im Alter, weil im Rentensystem Umverteilungselemente fehlen. Das Rentenpaket der Regierung wird diese beiden Probleme nicht lösen, sondern verschärfen. Die Haltelinie und die Mütterrente wirken als Rentenerhöhungen, die das Nachhaltigkeitsproblem verschlechtern. Die Aktivrente dürfte nur geringe Effekte auf die Beschäftigung im Alter haben, verursacht aber hohe Kosten, und trägt so nicht zur fiskalischen Nachhaltigkeit bei. Zudem werden die Rentenerhöhungen breit an alle Rentner:innen verteilt und sind damit kein wirksames Instrument gegen Altersarmut. Insgesamt geht das Rentenpaket aus meiner Sicht also in die falsche Richtung. (...) Profitieren werden ältere Menschen, die bereits in Rente sind oder in den nächsten Jahren in Rente gehen. Da die Rentenerhöhungen in etwa proportional zur Rentenhöhe erfolgen, profitieren höhere Einkommensgruppen entsprechend stärker. Ein gezielter Effekt auf die Bekämpfung der Altersarmut ist damit kaum zu erwarten. Benachteiligt werden vor allem jüngere Generationen, die die höheren Ausgaben über Rentenbeiträge und Steuern bezahlen.Zusätzlich werden jüngere Menschen in der Zukunft für die zusätzlichen Schulden aufkommen müssen, mit deren Hilfe die Bundesregierung sich fiskalischen Spielraum schafft. Die Aktivrente halte ich für wenig wirksam. Ein Hauptergebnis der Forschung über Rentenentscheidungen ist, dass finanzielle Anreize dieser Art nur geringe Effekte auf die Beschäftigung Älterer haben. Aktuelle Studien, etwa des DIW, erwarten lediglich einige zehntausend zusätzliche Erwerbstätige. Gleichzeitig entstehen hohe Mitnahmeeffekte, da auch alle Personen in der Altersgruppe, die ohnehin arbeiten würden, weniger Steuern zahlen. Grundsätzlich halte ich eine stärkere Kapitaldeckung der Rente für sinnvoll, um das Rentensystem nachhaltiger zu gestalten. Jedoch sind die aktuell geplanten Maßnahmen wie die Frühstartrente viel zu klein dimensioniert, um wesentliche Effekte zu erzielen. Für eine echte Wirkung auf die Finanzierung wären größere Reformen nötig, die Rentenbeiträge vom umlagefinanzierten System in Kapitalanlagen umleiten. Eine nachhaltige Finanzierung der Rente ist grundsätzlich absolut möglich, würde aber echte, strukturelle Rentenreformen erfordern. Entscheidend ist eine Anpassung der Lebensarbeitszeit an die steigende Lebenserwartung. Die ökonomische Forschung zeigt klar, dass eine Anhebung der Altersgrenzen des Rentensystems die effektivste Reformoption ist. Simulationsrechnungen zeigen, dass die Regelaltersgrenze langfristig bis zum Jahr 2100 auf etwa 70 Jahre steigen müsste, um die demografische Entwicklung auszugleichen. Politisch ist das schwierig, aber unsere Nachbarländer zeigen, dass es gelingen kann. Länder wie die Niederlande und Dänemark koppeln die Altersgrenze künftig automatisch an die Lebenserwartung.
Das Rentenpaket ist eine Verstetigung von Altersarmut. Dass selbst dafür derart harte Kämpfe ausgefochten werden, zeigt, wie stark der Sozialstaat in der Defensive ist. Was die Debatte um das Rentenpaket II jedoch ebenfalls in aller Deutlichkeit offenlegt, ist, wie wenig wir über die eigentlichen Probleme sprechen. Die Haltelinie von 48 Prozent ist das absolute Minimum, das es zu halten gilt. Die Durchschnittsrente lag in Deutschland 2024 bei etwa 1.150 Euro. 42 Prozent der Rentner bekamen weniger als 1000 Euro im Monat und damit weniger als die Grundsicherung. Gerade Frauen haben durch ihre Erwerbs- und Lohnbiographie im Alter deutlich weniger als Männer. Wir reden über die Rente so, als hätten die Boomer nach dem Renteneintritt die beste Zeit ihres Lebens. Das geht völlig an der Realität der meisten Rentner vorbei. (...) Wenn das Rentenpaket kommt, wird der Staat mehr Schulden machen, was aber nicht automatisch bedeutet, dass die jüngeren Generationen mehr einzahlen müssen. Mit der höheren Verschuldung des Staates verbessert sich ja auch die wirtschaftliche Entwicklung, weil die Nachfrage bei den Unternehmen steigt. Später kommen aber auch die heute Jungen in Form einer höheren Rente in den Genuss des Pakets. Für die älteren Generationen wird eine Vertiefung der Altersarmut verhindert. Aber nochmals: Wir diskutieren das Thema von einem falschen Blickwinkel aus! Die Rentenfrage darf nicht losgelöst von der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung diskutiert werden. Es muss vielmehr darum gehen, wie die nun arbeitenden Generationen deutlich produktiver werden können. (...) Nur, wenn wir dafür sorgen, dass Produktivität und Löhne wachsen, werden wir den demographischen Wandel ohne große Friktionen bewältigen können. Dann wären übrigens auch höhere Beitragssätze kein Problem, denn wenn ich deutlich mehr verdiene, habe ich auch nach einer höheren marginalen Belastung mehr Geld in der Tasche als vorher.
Es gibt im Rentenpaket II sicherlich einzelne Bestandteile, die aus sehr unterschiedlichen wirtschaftspolitischen Standpunkten jeweils zu kritisieren wären. Aber das Volumen des Pakets beläuft sich auf schätzungsweise 0,3% des Bruttoinlandsprodukts. Deswegen in der aktuellen politischen Gesamtlage ein Scheitern der Regierung zu riskieren, erscheint doch fragwürdig und könnte mit viel höheren auch ökonomischen Schäden verbunden sein. Von einem höheren Rentenniveau profitieren auch noch spätere Generationen. Der Verweis auf Generationengerechtigkeit lenkt ab von der eigentlichen Gerechtigkeitsfrage: der Verteilung zwischen niedrigen und hohen Einkommen und Vermögen. Eine Absicherung der Renten auch mithilfe einer höheren Besteuerung Vermögender könnte diese Gerechtigkeitsfrage entschärfen, viel mehr, als der Versuch, durch die breite Absenkung des Rentenniveaus Steuererhöhungen für Reiche zu vermeiden. (...) Und eine gute Absicherung im Alter und eine Gesellschaft, in der niemand von Armut bedroht ist, ermöglicht Menschen auch ein sorgenfreieres und produktiveres Arbeitsleben. Eine Absenkung des Rentenniveaus und eine zunehmende Absicherung über Finanzmärkte birgt erhöhte Armutsrisiken vor allem für Menschen mit niedrigen Einkommen. Deswegen ist für diese Gruppen eine Absicherung des Rentenniveaus sehr wichtig und eine zunehmende Finanzierung der Altersvorsorge aus dem Kapitalmarkt problematisch. Eine stärkere Orientierung auf den Kapitalmarkt birgt erhebliche Finanzmarkt- und Wechselkursrisiken und auch geopolitische Risiken. Alle großen Finanzmarktökonomien, wie die USA und Großbritannien hatten in der Vergangenheit wiederholt schwere Finanzkrisen. Die Hoffnung, dass wir uns mit einer stärker kapitalmarktfinanzierten Rente von der heimischen Demografie abkoppeln, ist trügerisch. (...) Darüber hinaus ist es auch keine beruhigende Vorstellung, wenn Menschen zukünftig permanent den Aktienmarkt beobachten müssen, um zu schauen, wie es um ihre Renten steht. Es ist ein häufiges Missverständnis, dass wir mit mehr Finanzmarktorientierung bei der Rente die Herausforderungen für die Altersabsicherung lösen können. In Wirklichkeit verschieben wir damit die Unsicherheit nur auf die Finanzmärkte. (...) In einem Land, das pro Kopf immer reicher wird, müssen wir uns doch auch dauerhaft eine gute Daseinsvorsorge für Menschen im Ruhestand leisten können.
Insgesamt ist es zu begrüßen, dass sich die Bundesregierung dem wichtigen Thema annimmt und versucht, die Weichen für grundlegende Reformen des Systems zu stellen. Dennoch kann das Rentenpaket die hohen Erwartungen alleine nicht erfüllen, und verschiebt einige der drängenden Probleme weiter in die Zukunft. (...) Der ausgesetzte Nachhaltigkeitsfaktor hätte den finanziellen Druck auf das Rentensystem abgeschwächt und eine Lastenteilung zwischen den Generationen erlaubt. Insgesamt ist absehbar, dass künftige Regierungen das System über noch deutlichere Zuwendungen aus dem Bundeshaushalt stabilisieren müssen, dass das Renteneintrittsalter angepasst werden muss, oder Beitragssätze weiter erhöht oder das Wachstum der Renteneinkommen gemindert werden müssen. (...) Höhere Beiträge für jüngere Kohorten verringern den finanziellen Spielraum für die zusätzliche finanzielle Vorsorge Jüngerer, ein Ausgleich über den Bundeshaushalt und damit durch den Steuerzahler geht zulasten von Zukunftsinvestitionen und des wirtschaftlichen Wachstums, von dem künftige Generationen profitieren. (...) Die geplante Förderung ist aber voraussichtlich zu niedrig, um das Renteneinkommen maßgeblich zu erhöhen. Es sind viele entscheidende Details noch nicht abschließend geklärt, z.B. welche Produkte gewählt werden können, wie hoch die Kosten sind, ob auch Geburtsjahrgänge vor 2020 von einem steuerbegünstigten Depot profitieren, in welcher Höhe eigene Ersparnisse eingebracht werden können und ob Beiträge steuerlich absetzbar sind. Eine zusätzliche Kapitalgedeckte Ergänzung des Rentensystems durch Erträge des „Generationenkapitals“ ist grundsätzlich zu begrüßen, wobei jedoch die geplanten jährlichen Ausschüttungen ab Mitte der 2030er Jahre deutlich zu gering sein werden und zu spät kommen, um zeitnah eine spürbare Entlastung zu bringen. (...) Es ist besonders wichtig zu betonen, dass das Rentenpaket nur den Auftakt für weitere umfassende Reformen darstellen kann, die auch die betriebliche und private Altersvorsorge in den Blick nehmen.
Das Rentenpaket II sendet angesichts multipler Herausforderungen, sowohl globaler Art als auch im Hinblick auf die langfristige Finanzierbarkeit der sozialen Sicherungssysteme, völlig falsche Signale. Bereits heute, bevor ein Großteil der Babyboomer den Arbeitsmarkt verlässt, müssen wir etwa ein Drittel unserer Steuereinnahmen für Zuschüsse zur Rentenversicherung aufwenden – durch dieses Rentenpaket wird dieser Anteil nur weiter steigen und dieses Geld fehlt uns, um wichtige Zukunftsinvestitionen voranzutreiben. Vom Rentenpaket profitieren aktuelle und baldige Rentnerinnen und Rentner – in absoluter Höhe gewinnen aber insbesondere Personen mit hohen Rentenansprüchen. Das ist ein weiterer Fehler des Pakets – es ist zu wenig zielgenau und arbeitet nach dem Gießkannenprinzip. Für diese Mehrkosten aufkommen müssen aktuell und zukünftig Erwerbstätige, die entweder höhere Steuern entrichten müssen oder mit zunehmend geringeren Investitionen in Infrastruktur, Bildung, Verteidigung etc. leben müssen.
Vom Rentenpaket profitieren würden insbesondere Personen, die derzeit eine Rente beziehen oder kurz davorstehen, unabhängig von der Rentenhöhe. Die Halteline kann durch die Stützung des Rentenniveaus Altersarmut verhindern helfen. (...) Es ist wichtig, dass auch derzeitige Beitragszahlende in Zukunft einen angemessenen Gegenwert bekommen. Insbesondere die Stärkung der kapitalmarktgebundenen Vorsorge als weitere Säule im Rentensystem ist langfristig vielversprechend. Die Frühstartrente ist ein Schritt in diese Richtung, wobei verpflichtende Einzahlungen in Rentensparpläne, wie in Schweden, deutlich stärkere Effekte erzeugen würden. (...) Die Probleme des umlagenfinanzierten Rentensystems sind seit vielen Jahren bekannt. Wissenschaftliche Erkenntnisse und Best Practices in anderen Ländern bieten die Möglichkeit, ein nachhaltiges Rentensystem für die Zukunft umzusetzen.