Die Anforderungen an Eltern steigen stetig, das spüren auch deren kleine Kinder. Die gesellschaftlichen Entwicklungen sieht man auch im Tölzer Kindergarten Arche Noah, der bald 30-jähriges Bestehen feiert. Die Erzieherinnen wissen Rat für gestresste Eltern.
Bad Tölz - Als die evangelische Kirchengemeinde 1995 den Kindergarten Arche Noah einweihte, hatte es zuvor nur eine provisorische Kindergartengruppe gegeben, erinnert sich die erste Leiterin Maria Girmann. Die heute 69-Jährige war schon damals bei der Mutter-Kind-Gruppe im Gemeindehaus dabei und wurde dann gefragt, ob sie sich die Leitung der Einrichtung vorstellen konnte. Sie konnte – und blieb es bis zum Kindergartenjahr 2021/22.
Kinderkrippe war früher verpönt
Vor über 30 Jahren gab es in Tölz nur zwei katholische Kindergärten, nämlich am Schloßplatz und am Kardinal-Wendel-Platz. An eine Kinderkrippe wurde noch gar nicht gedacht. „Das war damals regelrecht verpönt“, sagt Girmann. Ein Kind wurde frühestens mit vier Jahren in den Kindergarten gegeben oder ein Jahr vor dem Schuleintritt. „So war damals die Gesellschaft. Aber wir sahen: Eigentlich ist der Bedarf für einen Kindergarten riesig.“
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Die Arche Noah startete dann mit zwei Regelgruppen mit jeweils 25 Kindern sowie einer Integrationsgruppe mit einem behinderten Kind. „Es entstand aus der Notwendigkeit in einer Familie, dessen Geschwisterkind auch bei uns war“, berichtet Girmann. Sie habe keine Scheu gehabt und die Herausforderung angenommen. „Es klappte wunderbar, und wir haben große Anerkennung bekommen.“
Zahl der Kinder fast verdoppelt
Ihr Team damals bestand aus acht Mitarbeitenden. Damals gab es zahlreiche pädagogische Spielmaterialien, doch die Mitarbeiter merkten schnell: „Für die Kinder ist es wichtig und schön, mit Naturmaterialien zu spielen“, sagt Girmann. Auch damals schon fehlte vielen die Bewegung. Girmann begrüßt es deshalb, dass es heutzutage viele Waldkindergärten gibt. „Man braucht nicht ständig Räume mit Material. Kinder können selbst kreativ werden.“ Seit 2016 hat die „Arche“ eine Waldgruppe. Heute leitet Edith Schwaighofer den Kindergarten, der beträchtlich gewachsen ist: Es gibt zwölf Krippenplätze und 93 Regelplätze, inklusive zwei Inklusionsgruppen mit insgesamt zehn Plätzen. Die Krippe namens „Flohzirkus“ kam 2008 hinzu.
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Große Fest am 20. September
Mit einem großen Fest wird am Samstag, 20. September, das 30-jährige Bestehen gefeiert. Um 10 Uhr beginnt ein Gottesdienst im evangelischen Gemeindesaal mit Grußworten, anschließend findet ein Empfang mit Fingerfood statt (bitte Geschirr selbst mitbringen). Um 12.30 Uhr findet in der Tölzer Johanneskirche ein Konzert mit „Andi und die Affenband“ statt.
Früher war Betreuung nur am Vormittag
Schwaighofer freut sich, dass so viele Mitarbeitende der Einrichtung treu sind. Die 46-jährige Erzieherin und Montessori-Pädagogin gehört seit 2016 zum Team, ihre Stellvertreterin Daniela Suttner ist schon seit 1995 dabei, Krippen-Mitgründerin Cordula Nieberlein seit 22 Jahren. Insgesamt besteht das pädagogische Team aus 25 Mitarbeitenden, zusätzlich gibt es noch acht Angestellte im Bereich Verwaltung, Hauswirtschaft und Reinigung. In 30 Jahren hat sich vieles verändert. „Früher waren die Betreuungszeiten nur am Vormittag, aber nun ist der Bedarf der Eltern gestiegen“, sagt Schwaighofer. Außerdem gibt es nun Mittagessen im Kindergarten, dreimal in der Woche wird sogar selbst frisch gekocht.
Eltern sind heute mehr im Stress
Apropos Eltern: Schwaighofer und ihr Team beobachten, wie Unsicherheiten, Belastungen und Herausforderungen steigen. „Viele Eltern sind heute ständig im Stress und angespannt.“ Die Leiterin führt dies auch auf den multimedialen Alltag zurück. „Außerdem wollen Eltern immer alles richtig machen. Das kann zu großem Stress führen.“ Im Team merke man das dadurch, dass Mütter und Väter immer mehr Beratung in Erziehungsfragen bräuchten.
Väter und Mütter sind berufstätig
Und auch das ist auffallend: Die Bereitschaft der Eltern, sich zu engagieren, sei sehr zurückgegangen. „Es gibt einzelne Spitzen, die alles geben, und andere, die nicht die Kapazität aufbringen können“, sagt Schwaighofer. Sie führt dies auch auf die Belastung zurück, dass heutzutage in der Regel beide Elternteile berufstätig sind. „Das liegt an den steigenden Lebenshaltungskosten und auch an der Wohnungsnot.“ Generell sei zu beobachten, dass die soziale Schere immer weiter auseinander gehe.
Inklusion wird vorgelebt
Etwas Besonderes in der „Arche Noah“ ist die Tatsache, dass es seit 2019 auch einen Inklusions-Arbeitsplatz gibt, und auch ein sonderpädagogischer Fachdienst ist Teil des Teams. „Wir sehen Vielfalt als Bereicherung.“ Das Leitbild laute: „Alle sind willkommen.“ Nach wie vor arbeite die Einrichtung gemeinwohlorientiert. „Unsere christlichen Werte und die menschenbejahende Grundhaltung schwingen überall mit.“