Unterwasser-Archäologe Florian Huber begab sich auf die Spur eines rätselhaften Gewehrs, das er in einem unterirdischen Stollen im Walchensee entdeckt hatte.
Kochel am See – Der Walchensee birgt unter seiner Oberfläche so manches Geheimnis. Einem davon kam jetzt der aus Lenggries stammende Unterwasser-Archäologe Dr. Florian Huber auf die Spur. Bei seinen Nachforschungen zu einem historischen Gewehr, das er bereits vor zehn Jahren an ungewöhnlicher Stelle entdeckt hatte, erlebte er eine Überraschung: Offensichtlich handelt es sich um die Waffe eines Wilderers.
Archäologe findet historisches Gewehr im Walchensee
Alles begann in einem Stollen, durch den das Wasser bei Urfeld aus dem Walchensee zum „Wasserschloss“ und damit zu den Turbinen des Walchenseekraftwerks und in den Kochelsee geleitet wird. Im März 2015 ließ der Betreiber – seinerzeit noch Eon – den Stollen auf Schäden untersuchen. Dazu wurde die 1,2 Kilometer lange unterirdische Verbindung mit dem Mini-U-Boot „Jago“ befahren. Die Vorarbeit leisteten die Taucher von Hubers Kieler Unternehmen Submaris. Sie verlegten in dem Stollen vorab eine Führungsleine mit Abstandsmarkierungen.
Bei diesem Tauchgang durch den Stollen fiel Florian Hubers geschultem Auge mitten in dem Tunnel ein verwittertes Gewehr auf. „Ich bin davon ausgegangen, dass das Gewehr aus dem 2. Weltkrieg stammt, und wollte es eigentlich mitnehmen“, berichtet der 50-Jährige. „Aber wir hatten alle Hände voll zu tun, und die Zeit hat gedrängt.“ Schweren Archäologenherzens ließ er den Fund liegen – fürs Erste. Über all die Jahre habe er das Gewehr nie vergessen.
Waffe um 1890 in Österreich hergestellt
Vor ungefähr einem Jahr erhielt Huber dann einen Anruf von Theodoros Reumschüssel vom Kraftwerkbetreiber, der bekanntlich seit 2016 Uniper heißt. Reumschüssel teilte mit, dass das Gewehr bei einer weiteren Stollenuntersuchung, diesmal durch andere Taucher und ohne U-Boot, an die Oberfläche gebracht worden sei.
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Der Unterwasserarchäologe hätte die historische Waffe am liebsten sogleich in Empfang genommen – hatte aber nicht mit der gewissenhaften deutschen Bürokratie gerechnet. Das Gewehr sei nun in der Polizeistation in Kochel verwahrt gewesen, berichtet er. „Dort hat man mir gesagt, dass man mir das Gewehr nicht aushändigen kann, weil ich es ja wieder schussfähig machen könnte.“
Büchsenmacher nimmt Gewehr unter die Lupe
In der Folge wurde der Fund zur weiteren Untersuchung zum Kochler Büchsenmacher Gernot Walther gebracht. Der habe vermutet, dass man das Gewehr an mehreren Stellen durchlöchern müsste, berichtet Huber. „Aber ich wollte das Gewehr ja in dem Zustand haben, in dem wir es aufgefunden haben.“
Huber ließ nicht locker, telefonierte und recherchierte. Schließlich landete sein Anliegen dank Büchsenmacher Walther beim Beschussamt des Bayerischen Landesamts für Maß und Gewicht. Von dort erhielt er endlich die befreiende Facheinschätzung: „Unserer Ansicht nach ist die Waffe durch fortgeschrittene Korrosion unbrauchbar geworden.“ Sogar ein Experte des Bundeskriminalamts war hinzugezogen worden.
Hinweise auf Wilderer
Um mehr zu der Herkunft der Waffe herauszufinden, tauschte sich Florian Huber außer mit dem Kochler Büchsenmacher auch mit dem Bayerischen Armeemuseum in Ingolstadt sowie einem ihm bekannten Sportschützen aus. So fand er heraus, dass es sich um ein „k. u. k. Ordonnanzgewehr“ handelte, das um 1890 von der österreichischen Firma Steyr Mannlicher produziert worden war.
Diesen Hersteller schrieb Florian Huber daraufhin an und bekam bald darauf eine Antwort von einem ehemaligen Mitarbeiter. Der erklärte, dass bei der Waffe der Schaft um etwa zehn Zentimeter gekürzt worden und die Schaftkappe dann wieder auf diesen Stumpf aufgesetzt worden war. Zudem stellte der Experte fest, dass ein Haken, der der Befestigung eines Tragegurts diente, versetzt wurde.
Fund ist eine echte Rarität
Diese Besonderheiten legen nach der Einschätzung des früheren Mitarbeiters die Vermutung nahe, dass das Gewehr einem Wilderer gehörte. Es sei eine plausible Annahme, dass der damalige Besitzer das Gewehr aus dem 1. Weltkrieg mit nach Hause genommen und dann gekürzt habe, um es unter seinem Mantel verstecken zu können. Dies bezeichnet Huber als „zu 99 Prozent sicher“. Damit sei das Gewehr eine echte Rarität, denn alte Wilderer-Waffen würden nur sehr selten aufgefunden. Zudem umweht das Fundstück damit ein Hauch der Isarwinkler Wilderer-Mythen.
Was soll nun aus dem Fundstück werden? „Behalten werde ich es nicht“, sagt Huber. „Ich fände es schön, wenn es in ein Museum kommt, zum Beispiel ins Besucherzentrum des Walchenseekraftwerks oder ins Wilderer-Museum in Österreich.“
Nur wie das Gewehr in den Walchensee kam, das wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben. Huber spekuliert, dass der Wilderer es – vielleicht auf der Flucht – ins Wasser geworfen haben könnte. Dort sei es dann wohl durch Strömungen zufällig in den Kraftwerksstollen gespült und im Lauf der Jahrzehnte vom Wasser Stück für Stück weitertransportiert worden. „Es bleibt Platz für Fantasie“, sagt Huber. „Wie eigentlich immer in der Archäologie.“ (ast)