Kirchenbild aus Tölz: Wertvolles Gemälde wird wichtige Leihgabe bei Ausstellung in Wien

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Immer wieder gibt es Anfragen aus aller Welt, ob die Tölzer Kirchengemeinde das wertvolle Gemälde von Lovis Corinth verleihen würde. In den vergangenen Jahrzehnten wurde dies stets abgelehnt, aber nun haben die Tölzer wieder zugestimmt. © arp

Ein wertvolles Altarbild von Lovis Corinth aus der evangelischen Johanneskirche dient als wichtige Leihgabe für die Sonderausstellung „Gothic modern“ in der Albertina in Wien. Das Museum ist das größte für moderne Kunst in Mitteleuropa.

Bad Tölz - Das Albertina-Museum in Wien ist, zusammen mit der „Albertina Modern“, nach eigenen Angaben das größte Museum für moderne Kunst in Mitteleuropa. Schon vor über einem Jahr wurde die Tölzer Kirchengemeinde angeschrieben mit der Frage, ob sie das Gemälde für die Sonderausstellung „Gothic Modern“ von September 2025 bis Januar 2026 zur Verfügung stellen würde, berichtet Rainer Lengl, Mitglied des erweiterten Kirchenvorstands.

So kam das Bild nach Tölz

Das Bild mit dem Titel „Kreuzigung“ malte Lovis Corinth 1897 in München. 1919 kaufte der Maler ein Grundstück am Walchensee und baute dort ein Haus, in dem er zusammen mit seiner Frau Charlotte Berend lebte. In den folgenden Jahren entstanden viele Bilder, auch vom Walchensee. Der Maler starb 1925 im Alter von 66 Jahren auf einer Reise nach Amsterdam. Corinth zählt heute zu den bedeutendsten Malern des deutschen Impressionismus, einige seiner Werke sind mehrere Hunderttausend Euro wert. Das Kreuzigungs-Bild befindet sich seit 1901 im Besitz der evangelischen Kirchengemeinde in Bad Tölz. Der in Kochel lebende Geschäftsmann Ernst Heckert kaufte es um die Jahrhundertwende für seinen Privatbesitz. Heckert betrieb in Kochel Gipsabbau und war ein Förderer der Bahnlinie von Penzberg nach Kochel. In Bad Tölz war Heckert zur Kur. Ob die Schenkung des Bildes damit in Zusammenhang steht, lässt sich nicht nachvollziehen, jedenfalls überließ er das Gemälde der evangelischen Kirchengemeinde, die damals „überrascht und überwältigt war“, berichtet Lengl.

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Nicht alle finden die Leihgabe gut

„Bis Mitte der 1980er-Jahre wurde das Gemälde immer wieder verliehen“, weiß Lengl, zuletzt 1984 ans Haus der Kunst in München. Dann wurden entsprechende Anfragen abgelehnt, noch vor wenigen Jahren auch eine Anfrage aus Helsinki, weiß Lengl. Er kann nachvollziehen, dass es die Gläubigen schmerzt, ein Gemälde, vor dem gebetet wird, zu verleihen. Auch bei der jüngsten Anfrage von der Albertina habe es unter den rund 3700 Protestanten und im Kirchenvorstand Diskussionen gegeben, berichtet Lengl. Doch diesmal entschied man sich, Ja zu sagen. „Das Bild in der Albertina zu zeigen, ist eine große Ehre für Bad Tölz.“ Man durfte sich sogar aussuchen, wo es aufgehängt werden soll. Die Tölzer entschieden sich für einen Platz nahe einem Gemälde des weltberühmten norwegischen Malers Edvard Munch.

Das Bild mit dem Titel „Kreuzigung“ malte Lovis Corinth 1897 in München. Seit 1901 gehört es der evangelischen Kirchengemeinde in Bad Tölz.
Das Bild mit dem Titel „Kreuzigung“ malte Lovis Corinth 1897 in München. Seit 1901 gehört es der evangelischen Kirchengemeinde in Bad Tölz. © Arndt Pröhl

Albertina wünschte sich dieses Gemälde

Die Sonderausstellung „Gothic Modern“ in Wien ist eine Zusammenarbeit mit der finnischen Nationalgalerie in Helsinki und dem norwegischen Nationalmuseum für Kunst, Design und Architektur in Oslo. Man will zeigen, wie die Maler in der Zeit zwischen 1875 und 1920 bewusst auf die Kunst des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts zurückgriffen, also auf Bilder von Holbein, Dürer oder Cranach. Das Corinth-Bild aus Bad Tölz „zählt zu den eindrücklichsten Werken der Ausstellung“, schreibt Daniel Benyes, Pressesprecher der Albertina, auf Anfrage des Tölzer Kurier. „Die drastische, körperbetonte Auseinandersetzung mit dem Motiv des toten Christus zeigt, welche ästhetische Kraft und spirituelle Tiefe gotische Bildtraditionen auch für Künstler und Künstlerinnen der Moderne hatten.“

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In diesen Tagen wird das Bild nach Wien transportiert. Der Werkstätten Wiegerling in Gaißach haben von der Albertina den Auftrag erhalten, es zu begutachten und den Zustand vor der Reise zu prüfen. „Die Albertina trägt sämtliche Kosten des Projekts“, sagt Lengl. Eine Ausfuhrgenehmigung, die nach dem Kulturgut-Schutzgesetz erforderlich ist, hat die Kirchengemeinde bereits eingeholt. Der Transport erfolgt mit den üblichen Vorsichtsmaßnahmen für wertvolle Gemälde. Es handelt sich um eine Leihgabe, für die die evangelische Kirche keinen Gegenwert, sprich kein Geld, erhält, so Lengl.

Neues Altarbild hängt ab Sonntag

Für Lengl ist das Projekt auch deshalb eine Herzensangelegenheit, weil sein verstorbener Vater, ein Professor für Kunstgeschichte, Lovis Corinth noch persönlich kannte. „Mein Vater ist als 13-Jähriger an den Walchensee geradelt, um ihn zu treffen.“

Die Tölzer Kirchengemeinde plant im Herbst eine gemeinsame Busreise nach Wien. Ein genauer Termin steht noch nicht fest.

Für die Altarwand in der Johanneskirche wurde von engagierten Christinnen ein neues, vorübergehendes Bild geschaffen. Es ist am kommenden Sonntag, 7. September, erstmals zu sehen (Bericht folgt).

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