Dirlewang, Bad Wörishofen, Babenhausen, Westerheim – Orte, die im Frühsommer 2024 gegen reißende Wassermassen, Dammbruchgefahr und flutartige Überschwemmungen ankämpfen mussten.
Unterallgäu – Häuser standen unter Wasser, Keller liefen voll, Menschen wurden evakuiert – und das Trauma sitzt bei vielen tief. Trotz erster Sanierungen und Verbesserungen: Der Hochwasserschutz bleibt eine Herausforderung. Wie hat die Region reagiert – und was muss noch geschehen?
Ein Jahr nach der Flut – So sehen die Folgen des Hochwassers im Unterallgäu aus
Im Juni 2024 traf ein extremes Hochwasser das Unterallgäu mit verheerender Wucht – Orte wie Dirlewang, Bad Wörishofen, Babenhausen und Westerheim litten massiv.
So wurde Dirlewang von den Wassermassen getroffen
Susanne und Jürgen Westermann leben etwa zwei Meter von der Mindel entfernt. In ihrem Haus stieg das Wasser auf 15 bis 20 Zentimeter. Die Fläche vor dem Haus sei auch überschwemmt gewesen – und das einen halben bis einen Meter tief. Möbel, Autos und Maschinen wurden zerstört, wie Susanne Westermann erzählt. Mittlerweile haben die Westermanns den Großteil der Schäden mithilfe von Freunden beheben können. Seelisch aber erlitten sie vielleicht den größten Schaden: Jeder starke Regen löst Nervosität aus, bei steigenden Pegeln schlägt das Herz schneller, berichten sie. „Da rutscht mir gleich das Herz in die Hose.“ Anderen Dirlewangern gehe es nach dem Hochwasserereignis ähnlich. Versicherungsschutz gegen Hochwasser gibt es praktisch nicht, da der Ort als zu gefährdet gilt. Inzwischen sind aber erste Vorsorgemaßnahmen ergriffen worden – etwa eine neue Sirene für den Katastrophenalarm. Die Westermanns wünschen sich, dass der Ernstfall regelmäßig geübt wird, damit alle Verantwortlichen wissen, wie sie handeln müssen.
Spuren des Hochwassers in Bad Wörishofen
In Bad Wörishofen kam es zu einer ganzen Reihe bedrohlicher Situationen: Am Waldsee drohte ein Dammbruch, am Wertachstauwehr wurde ein Ölaustritt aus einer Turbine befürchtet und man entkam nur dank des Teams um Stadtwerkeleiter Peter Humboldt knapp einem potenziell riesigen Schaden. Und in Kirchdorf hielt der Damm, der eigentlich ein Jahrhunderthochwasser abwehren sollte, den Wassermassen nicht stand. Die Fluten ergossen sich ins Dorf und schufen zeitweise eine Art „Ortsweiher“. Im Norden des Kurortes, etwa zwischen Anger und evangelischer Kirche, mussten mitten in der Nacht Bewohnerinnen und Bewohner aus Souterrainwohnungen evakuiert werden – eine Maßnahme, die nicht alle für angemessen hielten.
Zweiter Bürgermeister Daniel Pflügl erinnert sich an diese Nacht, in der er gemeinsam mit der Dritten Bürgermeisterin Michaela Bahle-Schmid zuerst am Waldsee war und dort die Verantwortung übernahm. Beide koordinierten als eine Art Katastrophenschutz-Duo Alarmierungen und Notmaßnahmen. „Glücklicherweise kam es nicht zu Personenschäden“, sagt Pflügl heute. Rund ums Guggerhaus sei damals „in den Kellern gepumpt worden“. Besonders positiv habe er das Zusammenspiel von Feuerwehren, Einsatzkräften, Stadträten und Bürgern erlebt. Unvergessen blieb ihm zudem ein kurioses Bild am Tag danach: In Kirchdorfs neu entstandenem „Weiher“ ließ sich tatsächlich jemand im Schlauchboot treiben.
Das ist seit der Flutkatastrophe in Babenhausen passiert
Über ein Jahr nach der Flutkatastrophe kehrt in Babenhausen langsam Normalität ein. Viele private und kommunale Schäden sind behoben, weitere Projekte – etwa Brückensanierungen und Hochwasserschutzmaßnahmen – laufen noch. Die finanzielle Belastung ist hoch, weshalb die Gemeinde verstärkt auf Fördermittel setzt. Im Kindergarten „Sternschnuppe“ halfen Ehrenamtliche bereits beim Rückbau, der Neubau von Heizung und Sanitär soll im Oktober starten.
Mit dem neuen Rückhaltebecken bei Sontheim wurde ein wichtiger Schritt für den Hochwasserschutz getan, ein weiteres bei Westerheim soll bis 2030 folgen. Auch mehrere Brücken werden saniert. Große Sorgen bereiten dagegen kleinere Bäche wie Klosterbeurener Bach oder Täuferbach, für die ein Gewässerkonzept vorliegt – größere Maßnahmen wie ein geplanter Damm stehen noch aus.
Parallel schreitet der Bau einer neuen Arztpraxis im Kreisaltenheim voran. Die Unterstützung für Betroffene läuft weiterhin unbürokratisch: Zahlreiche Haushalte erhielten Hilfen für Schäden und Hausrat, Spendenorganisationen sammelten über 200.000 Euro. Der von Alexandra Hörtrich, Mitarbeiterin im Rathaus, gegründete Bauhelferkreis ist weiterhin aktiv – zuletzt im Kindergarten, bald bei Projekten in Nachbargemeinden. Auch soziale Härtefälle werden begleitet – bis heute mit viel Ehrenamt und Zusammenhalt.
Westerheim und Attenhausen
In Westerheim trat die Günz über die Ufer, das Wasser reichte bald bis zu den Knien. Ähnlich sah die Lage im Nachbardorf Attenhausen aus. Die Günz wie auch die Schwelk führten enorme Wassermassen, die sich schnell auch auf den Straßen ausbreiteten. Die örtlichen Feuerwehren sperrten die Straßen für den Verkehr und unterstützten die Anwohnenden tatkräftig.
Nach etwas mehr als einem Jahr sind die meisten Materialschäden behoben. Einige Bürger klagen über Probleme mit ihren Stromanbietern, welche aufgrund des gestiegenen Stromverbrauchs durch die Verwendung von Entfeuchtern und Trocknungsgeräten für dieses Jahr die Abschlagszahlung erhöhten.
Viele Bürgerinnen und Bürger hat das Hochwasser seelisch mitgenommen – manche reden darüber, andere schweigen. Doch eines zeigte sich deutlich: In der Krise standen die Menschen zusammen.
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