Maßgeschneiderte Zeitreise: Sabine Baab aus Apfeldorf näht historische und ausgefallene Anlassmode

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Sabine Baab aus Apfeldorf näht Anlassmode nach Maß. © Felix Baab

Mit lauschigen Temperaturen ist mittlerweile der September ins Land gezogen. Noch kein Grund, an die Faschingszeit zu denken? Weit gefehlt: Der Landsberger Faschingsverein „Licaria“ sucht beispielsweise schon Kids für die Mini-Garde (siehe Infokasten) und plant den Faschingsumzug 2025. Und dann ist da noch Sabine Baab. Auch sie ist mit den Gedanken schon in der fünften Jahreszeit. Nicht deswegen, weil sie eine Faschings-Närrin ist (oder zumindest nicht nur deswegen). Baab ist Maßschneiderin in Apfeldorf und entwirft unter anderem die Kostüme für die Garden und Prinzenpaare in der Umgebung.

Apfeldorf - „Ich hab als junges Mädchen schon immer meine Barbie-Puppen eingekleidet. Nicht normal, sondern historisch.“ Sabine Baabs Leidenschaft sind Kleider aus der Vergangenheit. Ihre Puppen konnten sich über ein Gewand aus der Biedermeier- oder Rokoko-Epoche freuen. In Handarbeiten hatte sie „immer saugute“ Noten, wie sie sagt, was auch ihrer Lehrerin aufgefallen sei: Ob denn Schneiderin nichts für sie wäre, habe sie die Schülerin gefragt. Und Schneiderin war definitiv etwas für Baab.

Sabine Baab aus Apfeldorf näht Mode nach Maß - Gewandmeister-Abschluss im Jahr 1992

„Ich habe dann verzweifelt eine Lehrstelle gesucht.“ Einen Ausbildungsbetrieb in diesem Kusthandwerk zu finden sei schwierig gewesen, „weil keiner mehr ausgebildet hat. Ich hab dann schließlich bei Mindelau, in der Nähe von Mindelheim, gelernt.“ Auch nach der Arbeit hat sich Baab zuhause an die Maschine gesetzt und weitergenäht, „sodass ich jede Woche zum Furtgehen was Neues zum Anziehen hatte.“ Nach ihrer Abschlussprüfung war sie noch zwei Jahre in Mindelau als Geselle tätig. Dann ging es nach München auf die Deutsche Meisterschule für Mode. Sabine Baab schloss im Jahr 1992 mit dem Gewandmeister im Damenschneiderhandwerk ab. Damals war die Ausbildung zum Damen-, Herren- und Trachtenschneiderhandwerk getrennt, erklärt Baab, heute gehört alles zusammen. Und heute macht sie auch alles.

In der Kalkulation?

„Nach dem Meister wurde es nicht wirklich leichter, eine Stelle zu finden.“ Keiner habe eine Schneider-Meisterin einstellen wollen. Baab habe dann Angebote in der Kalkulation bekommen, was nicht wirklich mit ihrem Näh-Wunsch vereinbar war. „Ich wollte keine Kalkulationen machen, ich wollte nähen, ich wollte Schnitte machen“. Dann fiel der Entschluss zur Selbstständigkeit – das war 1994.

Die Lehrstellen-Suche war kein Zuckerschlecken, eine Stelle als Meister zu finden, genauso wenig. Und nachdem aller guten (oder in diesem Fall schlechten) Dinge drei sind, war auch die Anfangszeit als Selbstständige mühsam. „Ich habe drei Jahre gebraucht, bis ich einen kleinen Kundenstamm zusammen hatte“, erinnert sich Baab. In ihren Anfängen als Selbstständige hat sie in einem Laden in Kaufbeuren Kleidung ausgestellt. „Dann habe ich eine ganze Weile Brautkleider abgeändert – man schaut halt, wo man reinkommt“. Außerdem habe sie auch einige Aufträge einer Schneiderin aus Aufkirch übernommen.

Als ihre Arbeit endlich Fahrt aufgenommen hatte, stattete sie anfänglich Blaskapellen aus und schneiderte hauptsächlich Tracht. Irgendwann sei dann die Cousine ihres Mannes auf der Matte gestanden. Sie war Prinzessin des Schongauer Prinzenpaares „und hat mich gefragt, ob ich ihr das Kleid machen kann.“ Seitdem stattet Baab die Prinzenpaare in der Umgebung aus. „Ich hab jedes Jahr Schongau und Hohenfurch – manchmal auch die Schwabsoiener.“ Die Entwürfe sind oftmals von Baab selbst, wobei die Vereine beispielsweise die Farben vorgeben. „Die sind auch sehr aufwändig“, weiß Baab und erinnert sich an das Cinderella-Kleid, dass sie der Hohenfurchener Prinzessin schneiderte. Zu sehen war das Kleid beispielsweise beim Inthro-Ball der Licaria am 20. Januar in Landsberg.

Mini-Garde

Der Landsberger Faschingsverein Licaria sucht für die fünfte Jahreszeit noch Kids im Alter von acht bis elf Jahren für die Mini-Garde. Ein erstes Kennenlernen findet am 16. September ab 17 Uhr im Jahn-Stüberl statt. Bei Interesse bitte eine E-Mail an fasching@licaria.de

Meistens kämen die Prinzenpaare mit ihren Wünschen erst Mitte November an, Mitte Januar müssen die Kostüme aber schon fertig sein, so Baab. „Über Weihnachten ist bei mir immer Land unter.“, Wenn sie eine komplette Garde ausstatten soll, braucht die Schneiderin ein Jahr Vorlauf. Wenn die Bälle vorbei sind, heißt es erstmal durchatmen – bevor die Reparaturen an den Gewändern folgen, die bei den Feierlichkeiten manchmal in Mitleidenschaft gezogen werden.

Garden-Kostüm Sabine Baab
Sabine Baab stattet regelmäßig die Garden in der Umgebung aus. © Felix Baab

Zwischendrin schneidert die 57-Jährige Showkostüme – und nach wie vor noch viel Tracht. Auch Brautkleider und historische Gewänder gehören zu ihren Arbeiten. Um Inspirationen für ihre Unikate zu finden, durchforstet Baab Pinterest oder schaut (historische) Filme und Serien. Manchmal zeichnet sie auch, was ihr so vorschwebt. Ihre Stoffe bezieht Baab von unterschiedlichen Händlern. Stoffe für Kostüme gibt‘s beispielsweise in Augsburg. Der dort ansässige Großhändler beliefert Theater- und andere Produktionen weltweit. Braucht Baab für ein Projekt Wolle, bekommt sie die aus Tirschenreuth. Die dort angesiedelte Tuchfabrik gibt es seit knapp 400 Jahren. „Für eine napoleonische Uniform war dort die Farbnummer vom Original noch vorhanden. Schon damals ist dieser Stoff in der Firma gefertigt worden“, erzählt Baab mit leuchtenden Augen. Ihre Trachtenstoffe bezieht sie indes vom Chiemsee.

Zwar sind Baabs Unikate alle unterschiedlich, eines haben sie aber gemeinsam: Sie sind aus hochwertigem Stoff und dementsprechend teurer, als Kleider in Fast-Fashion-Läden (siehe Infokasten). Die Leute, die zu ihr kommen, nehmen bewusst das Geld in die Hand, um ein besonderes Einzelstück zu bekommen, erklärt die Schneider-Meisterin. „Ich kaufe auch Klamotten, weil ich für mich selber nicht zum nähen komme. Aber Fast-Fashion finde ich auch nicht gut.“ Ein T-Shirt für fünf Euro, eine Hose für zehn? Das kann ja nicht umweltfreundlich sein. Wobei Baab einräumt: „Man kann auch die teuren Marken kaufen, die werden oft in den gleichen Firmen gefertigt.“ Es sei im Modebereich „wahnsinnig schwer“ nachzuvollziehen, wo die Sachen herkommen. „Die Industrie darf angeben, dass es ‚Made in Germany‘ ist, wenn sie das Etikett in Deutschland einnähen“, erklärt die 57-Jährige. Auch bei ihren Einkäufen falle es ihr manchmal schwer nachzuvollziehen, wo die Stoffe herkommen. Ein weiteres Problem: Die Qualität der Stoffe lasse nach. „Es muss heute billig gefertigt sein“, weiß Baab. Denn früher habe es nur maximal vier Kollektionen pro Jahr gegeben – Frühling, Sommer, Herbst und Winter. „Inzwischen kommt fast wöchentlich eine neue Kollektion raus“.

Fast-Fashion

Der Begriff Fast-Fashion erschien Berichten zufolge erstmals 1989 in der New York Times. Vor allem in der heutigen Zeit wird er oft verwendet. Die ‚Schnelle Mode‘ ist ein Geschäftsmodell, bei dem Kollektionen schnell designt und zu niedrigen Preisen verkauft werden.

Um dem Trend entgegenzuwirken setzt Baab bei all ihren Projekten, neben den hochwertigen Stoffen, auf Nachhaltigkeit. „Ich schaue, dass ich viel Nahtzugabe drinnen lasse, damit man es über Jahre ändern kann.“ Und auch einige ihrer Kunden setzen eher auf Wiederverwendung. Eine Braut, habe das Hochzeitskleid ihrer Mutter gebracht „und dann haben wir ihr das Brautkleid umgeändert.“

Wie in Birmingham

Seit genau 30 Jahren ist Sabine Baab jetzt selbstständig. Fragt man sie nach den schönsten Erlebnissen oder besten Gewändern, sprudelt es aus ihr heraus: Ein junges Mädchen habe zur Kommunion kein Kleid tragen wollen. Baab schneiderte ihr eine Marlenehose aus Wildseide, dazu ein Crop-Top – alles in creme beige. Zum Drübenziehen gab es eine Jeansjacke mit goldenen Knöpfen. „Ich seh heute noch vor mir, wie das Mädel vor dem Spiegel steht und strahlt – das war so schön“. Worauf Baab ebenfalls stolz ist (von der napoleonischen Uniform abgesehen): Vor drei Jahren habe sie für einen Freund einen Harris Tweed-Anzug geschneidert, der vor allem Serienfans bekannt vorkommen dürfte. Ganz nach dem Vorbild des Dramas „Peaky Blinders“ gab‘s Mütze, Hemd, Krawatte, Weste und Hose nach Original-Schnitten. Da hätte auch Tommy Shelby seine Freude daran gehabt.

Anzug Sabine Baab
Den „Peaky Blinders“-Anzug hat Sabine Baab für einen Freund nach Original-Schnitten genäht. © Felix Baab

Nach so vielen Gewändern für andere stellt sich die Frage: Wie würde Sabine Baabs Traumkleid aussehen, wenn sie eins für sich selber nähen würden? „Auf jeden Fall historisch“, ist sie sich sicher.

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