Mit hohen Erwartungen habe ich mich in den Kinosessel fallen lassen. Das Buch "22 Bahnen" von Caroline Wahl hatte ich in einem Tag durchgesuchtet – die Verfilmung konnte nur großartig werden, dachte ich. Ich schleppte direkt zwei Freundinnen mit: Eine Buchkennerin und eine, die nicht mal weiß, worum es geht. Und schon während der ersten Szene wusste ich, dass wir hier einen dieser Filme erwischt hatten, der lange nicht an das Buch herankommt.
Tilda & Viktor: Die Schweigsamste Liebe aller Zeiten
Tilda und Viktor verlieben sich. Aber wie genau? Keine Ahnung. Sie schauen sich an, schweigen, gehen wortlos auseinander. Ich schiele zu meiner Freundin rüber, die das Buch nicht kennt, sehe ihren fragenden Blick. Später wird sie mich fragen: „Warum sind die jetzt verliebt?“ – schließlich reden Tilda und Viktor wenig bis gar nicht miteinander.
Die Charaktere bleiben ziemlich flach. Gedanken, Gefühle, innere Konflikte – alles, was im Buch so packend war, wird hier quasi durch Dauerumarmungen und melancholische Blicke ersetzt. Die Schwesternliebe? Ida und Tilda umarmen sich gefühlt alle zwei Minuten, damit wir ja verstehen, dass sie sich lieben. Wirklich subtil ist das nicht.
„22 Bahnen“: Vom Bestseller zum Schweige-Drama
Der Roman hat funktioniert, weil wir als Leser tief in Tildas Kopf steckten. Ihre Gedanken, ihre Zerrissenheit zwischen dem Studium in Berlin und der Verantwortung für ihre kleine Schwester Ida – das war der Motor für mich. Die Verfilmung aber ist so krampfhaft werktreu, dass sie genau das verliert.
Die knappen Dialoge des Buches werden übernommen, aber Tildas innere Stimme wird links liegen gelassen. Das Ergebnis? Die Figuren schweigen sich dramatisch an, während wir uns fragen: Wo ist die innere Zerrissenheit hin? Die tiefgreifenden, zermürbenden Konflikte fühlen sich ausgebremst an, nicht wie ein emotionaler Schlag in die Magengrube. Das ist für mich, als Buchkennerin, frustrierend.
Einer muss es ja richten: Laura Tonke als meine persönliche Gewinnerin
Die Bilder sind schön, keine Frage. Die Kameraarbeit ist solide, die Farben stimmen, und die Darsteller:innen machen ihre Sache gut. Besonders Laura Tonke als alkoholkranke Mutter ist für mich der Star dieses Films. Sie spielt die kompletten Widersprüche – von liebevoll bis zur Verleugnung – ohne ins Klischee abzugleiten.
Tokio Hotel kann die Verfilmung von Caroline Wahls Buch auch nicht mehr retten
Wenn du das Buch liebst, bereite dich auf eine Enttäuschung vor. „22 Bahnen“ ist eine Adaption, die sich im Schweigen verliert und ihre Darsteller unnötig ausbremst. Es fühlt sich ein bisschen so an, als hätte man dem Buch die Seele geklaut.
Am Ende läuft im Abspann „Durch den Monsun“ von Tokio Hotel. Aber selbst das hat den Film für mich nicht besser gemacht.
Von Cleo Wansch