- Im Video oben: Ballaststoffe - Das natürliche Ozempic für ein gesundes Gewicht
Es gibt einen Song, der immer wieder in mein Hirn kriecht, egal wie sehr ich mich anstrenge, ihn loszuwerden. Er kommt von der deutschen Pop-Rock-Band Juli, und er geht so:
"Das ist die perfekte Welle, das ist der perfekte Tag / Lass dich einfach von ihr tragen, denk am besten gar nicht nach".
Ich habe ihn seit 2004 in meinem Kopf sicher schon einige Hundert Male nachgesummt. Er ist einer meiner hartnäckigsten Ohrwürmer, hartnäckiger ist nur noch der Gedanke an Essen.
Food noise nennt sich das auch. Der Drang nach Essen, wie ein weißes Rauschen, ein Ohrwurm oder, wie der Wall-Street-Journal-Journalist Bradley Olson einmal schrieb: "ein innerer griechischer Chor aus tausend Stimmen, der mir ständig sagt, ich solle essen". Er schrieb auch darüber, wie dieser Chor verstummte, nachdem er sich den Wirkstoff Tirzepatid gespritzt hatte, einen GLP-1-Rezeptor-Agonisten, der dem Magen und dem Gehirn das Signal gibt: "Du bist satt." Der prominenteste Verwandte dieses GLP-1-Rezeptor-Agonisten heißt Semaglutid, auch bekannt unter den Handelsnamen Wegovy und Ozempic.
Und wie das mit so vielem ist im Leben: Es ist eine Sache, etwas zu lesen und verstehen zu wollen, und eine andere, sie selbst zu erleben. So ist es auch mit food noise. Seit ich vor rund einem Jahr damit angefangen habe, mir Semaglutid zu spritzen, ist auch mein food noise, mein griechischer Chor, mein Ohrwurm, verstummt.
Nur das Gefühl, wie es ist, 20 Kilo abgenommen zu haben, hatte ich mir tatsächlich anders vorgestellt.
Über den Beitrag
Dieser Beitrag ist für den "Constructive World Award" 2025 eingereicht worden.
Der "Constructive World Award" wurde 2023 von FOCUS online ins Leben gerufen. Mit dem Award soll die gesellschaftliche und journalistische Arbeit derjenigen gewürdigt werden, die unsere Welt konstruktiv nach vorne denken und bewegen.
Die Gewinnerinnen und Gewinner des "Constructive World Awards" werden auf einer feierlichen Veranstaltung am 5. Juni 2025 in Berlin bekannt gegeben.
Dieser Beitrag erschien am 19. September 2024 im ZEIT Magazin Nr. 30/2024, von Katharina Meyer zu Eppendorf, Redakteurin für ZEIT Campus mit Schwerpunkt USA. DIE ZEIT und das ZEIT MAGAZIN haben eine Auflage von rund 600.000 Exemplaren jede Woche und eine Reichweite von ca. 1,2 Millionen Lesern. Online erreichte der Text rund 200.000 Leser.
Für mich war es eine Revolution
7. Juni 2023
Die 32 Jahre vor meiner ersten "Abnehmspritze" fühlen sich im Vergleich zu denen danach derart anders an, dass ich diesen Unterschied eigentlich mit den Markern v. O. (vor Ozempic) und n. O. (nach Ozempic) versehen müsste.
Für mich war es eine Revolution. Eine, die mit einem Zufall begann: Am 7. Juni 2023 bekam ich eine Nachricht von meiner Schwester, die einen Allgemeinmediziner für eine Röntgenaufnahme besucht hatte.
Sie: "Ok lol, der Arzt hat mir quasi Ozempic wegen meines Gewichtes angeboten. Mit meiner Lunge ist alles okay."
Ich: "Omg und willst du es machen?"
Sie: "Nee, nee, ich will’s echt erst mal so probieren."
Ich: "Kann ich da auch hin lol?"
Daraufhin nannte sie mir seinen Namen, und ich vereinbarte einen Termin. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon länger überlegt, es mal mit dieser Spritze zu probieren. Nach den Berichten über die "Hollywood-Droge", mit der sich Prominente wie Elon Musk ihrer Kilos entledigen, gab es mittlerweile auch "normale Leute", die sie benutzten.
Das machte viel mit mir. Denn ich sah darin kein Lifestyle-Medikament, mit dem man ein paar Kilo abnahm oder das Belohnungszentrum ausschaltete, sondern eine Hilfe, einen 18-jährigen Teufelskreis zu durchbrechen. Um diesen gottverdammten Ohrwurm von Essen loszuwerden, den man sich in etwa so vorstellen kann, als würde man einen Song auf einer kaputten CD hören: ein Song, der immer wieder springt, immer wieder von vorn beginnt.
Zwar habe ich nie eine Binge-Eating-Störung, also eine Essstörung, bei der man immer wieder Essanfälle bekommt, diagnostiziert bekommen, aber ich war als Jugendliche deshalb auch nie bei einem Arzt oder einer Ärztin.
Essen bedeutete nun mal Qual
Ihnen hätte ich erzählen können, dass ich mir manchmal fünf Schokoladencroissants in der Tüte kaufte, um sie danach in einem Rutsch wegzufuttern, weil sie mir erst so ein wohliges Gefühl gaben, dann aber auch ein schlechtes Gewissen, was dazu führte, dass ich am nächsten Tag vielleicht gar nichts aß, bis ich wieder "schwach" wurde.
Doch Essen bedeutete nun mal Qual, davon war ich überzeugt. So wie ich davon überzeugt war, dass die erste Diät mit 14 ganz normal war. Das machten Erwachsene so, wenn sie, so wie ich, für ihre Konfirmation in eine kleinere Hosengröße (38) passen wollten.
Mit Hosengröße 40 war ich zwar nicht dick gewesen, aber eben auch nicht so dünn wie die jungen Frauen, die ich in Zeitschriften wie Bravo Girl! oder Mädchen sah: mit thigh gap (einer Lücke zwischen den Oberschenkeln) und einem flachen Bauch, wie sie die Models alle hatten, damit ihre Hollister-Hotpants oder aber die berühmte Hüfthose von Miss Sixty gut saß.
Mein Teenager-Ich hatte gelernt, dass es, so wie es war, nicht okay war. Und dass mein Leben erfolgreicher, schöner und, ja, glücklicher verlaufen würde, wenn ich endlich so aussah wie die Mädchen in den Zeitschriften oder in meiner Klasse. Denn "dünn" war das Ideal, dünn war der perfekte Mensch. Und dünn wollte ich sein.
Mit jeder Diät, mit der ich Kilos verlor, wuchs die Angst, sie wieder zuzunehmen
Neben Kalorienzählen probierte ich über die Jahre daher noch alles andere aus. Eine Auswahl:
- Atkins-Diät (man isst kaum Kohlenhydrate),
- FDH (man isst die Hälfte),
- Intervallfasten (man isst mehrere Stunden am Tag gar nichts, in meinem Fall von 12 bis 20 Uhr),
- Low-Carb-High-Fat (man isst fetthaltig, aber kaum Kohlenhydrate),
- WeightWatchers (man isst nur einer bestimmten Anzahl von Punkten entsprechend, die das Unternehmen für jedes Nahrungsmittel festgelegt hat).
Und einmal habe ich mich eine Woche lang nur von Äpfeln ernährt.
"Dünn" jedoch bedeutete nicht nur "besser" in meinem Kopf, es bedeutete auch "gesünder", ohne dass ich wirklich wusste, was das genau bedeuten sollte. Meine Diäten jedenfalls bewirkten das Gegenteil. Mit jeder Diät, mit der ich Kilos verlor, wuchs die Angst, sie wieder zuzunehmen. Und mit jedem Ende einer Diät passierte genau das, weil ich die restriktive Ernährung nicht durchhalten konnte.
Körperlich erlebte ich also das, was wissenschaftlich als "Jo-Jo-Effekt" bekannt ist. Und psychisch fing ich an, immer mehr an mir zu zweifeln. Auch weil mir mittlerweile Verwandte, Kommilitonen und sogar mein Hausarzt vermittelten, dass ich "zu viel" war.
"Wenn sie sitzt, sieht man richtig ihre Speckrollen", sagte die Mutter meiner Nachhilfeschülerin.
"Sie hat aber wieder ganz schön zugelegt", sagte ein Freund, hinter meinem Rücken, als ich die Kilos, die ich nach dem Tod meiner Oma verloren hatte, wieder draufhatte.
"Wenn du zehn Kilo abnimmst, findest du auch einen Freund", sagte ein anderer Verwandter zu mir.
Und "Kommt ja alles nicht von nix", sagte mein Hausarzt zu mir, als ich eigentlich mit ihm darüber sprechen wollte, ob wir vielleicht mal untersuchen könnten, ob mit meinem Stoffwechsel etwas nicht stimmte und ich deswegen einfach nicht abnahm.
Ich empfand mein Spiegelbild eher als Herausforderung
Denn das hatte sich mit den Jahren verändert. Irgendwann wollte ich nicht mehr abnehmen, um einfach dünner und damit "schöner" zu werden. Irgendwann merkte ich wirklich, dass mein Gewicht auf meine Gesundheit schlug.
Mit 90 und 95 Kilogramm würde ich mich als leicht übergewichtig beschreiben. Leicht, weil ich weder befürchten musste, im Freizeitpark kein Fahrgeschäft mehr besteigen zu können, noch im Flugzeug den Gurt nicht über den Bauch zu bekommen. Außerdem fand ich in den Geschäften immer noch genug zum Anziehen und lief sogar einen Halbmarathon.
Mit 102,3 Kilogramm allerdings, dem Höchstgewicht in meinem Leben, war das anders. Beim Laufen schaffte ich nun kaum noch die Fünf-Kilometer-Runde um den Kanal, auf dem Fahrrad kam ich schon auf dem Weg zur Arbeit aus der Puste. Und im Sommer scheuerten meine Beine nun so sehr aneinander, dass ich ohne Radlerhose unter dem Kleid gar nicht mehr rauskonnte.
Ich fand jetzt, mit Größe 44/46, immer schwieriger Kleidung in den Läden und erwischte mich, wie ich Schwarz mittlerweile nicht mehr aus ästhetischer Überzeugung, sondern wirklich zum Kaschieren trug. Ich schwitzte mehr und fühlte mich aufgedunsen und empfand mein Spiegelbild eher als Herausforderung denn einfach als neutrale Rückmeldung, wie ich gerade aussah.
Mehr Bewegung bedeutete mehr Essen
Statt an einer Diät versuchte ich mich im Sommer vor zwei Jahren deshalb an einer "Ernährungsumstellung", wobei dies, wenn man ehrlich ist, eigentlich das Gleiche wie eine Diät bedeutet: Man isst anders und weniger, man beschränkt sich. Trotzdem schaffte ich es, mit Kalorienzählen und "mehr Bewegung" 13 Kilo abzunehmen und mich damit wunderbar zu fühlen: leichter und fitter, aber auch disziplinierter.
Ich hatte mir das Ziel gesetzt, in Hamburg einen Halbmarathon zu laufen, und trainierte dafür sechsmal die Woche. Außerdem lud ich mir eine Kalorienzähl-App aufs Handy, mit der ich alles notierte, was ich aß.
So wurde zwar jeder Tag zur Kontrolle eines Kontos und der Erinnerung ans Essen, doch es war auch eine Krücke: Mehr Bewegung bedeutete mehr Essen und damit dem Ohrwurm auch mal nachgeben zu können und im Italien-Urlaub so viel Zitronenpasta zu essen und Peroni zu trinken, wie ich Lust hatte. So, dachte ich, kann es doch gehen.
Dann aber kamen der Herbst und ein größerer Liebeskummer. Der Ohrwurm kehrte zurück. Im Juni 2023 wog ich auf 1,74 Metern wieder 97,3 Kilo. Ein BMI von 32,4, Adipositas Grad 1, fettleibig.
Ozempic-Therapie
21. Juni 2023
Der neue Arzt meiner Schwester hatte zum Glück sofort Zeit. Zwei Wochen nach ihrer Nachricht saß ich im Wartezimmer einer Berliner Praxis in einem Viertel mit vielen Altbauten und süßen Cafés.
Ich hatte mir genau zurechtgelegt, was ich ihm erzählen und wie ich ihn von der Ozempic-Therapie überzeugen wollte. Von meiner 15-jährigen Diätgeschichte wollte ich natürlich berichten und meinem gerade erst wieder gescheiterten Abnehmversuch, von der Adipositas und der Diabetes in meiner ganzen Familie und natürlich dem Ohrwurm. Und dann, ich hatte meine kleine Rede gerade beendet, sagte er es schon von selbst:
"Ich kann Ihnen gern Ozempic verschreiben, ich habe damit wirklich schon tolle Resultate gesehen, ich hoffe, die bauen bald eine Fabrik."
Ich müsse nur schauen, ob ich das Medikament auch bekomme, sagte er. Es gebe gerade Lieferschwierigkeiten. Aber er wünsche mir viel Glück, vielleicht klappe es ja doch. Dann reichte er mir das Rezept und schickte mich noch zum Blutabnehmen, um meine Werte zu dokumentieren.
Draußen vor der Tür lächelte ich so, als hätte ich gerade eine Nachricht von jemandem bekommen, in den ich frisch verknallt bin.
Jede Minute meines Lebens, in der ich gehungert hatte, hatte mehr geschmerzt
22. Juni 2023
Einen Tag später fuhr ich zurück nach Hamburg und bekam in meiner Lieblingsapotheke die 0,25-mg-Packung Ozempic für 80,86 Euro ausgehändigt, ohne dass mir die Apothekerin irgendeine Frage dazu stellte.
Draußen machte ich von der Verpackung sofort ein Foto. "Omg lol", schrieb ich meiner Schwester. Dann lief ich nach Hause und studierte den Beipackzettel: Das Rädchen auf Anschlag der Dosis (0,25) drehen. Eine Stelle am Bauch oder Bein wählen. Den Pen ansetzen. Drücken. Bis sechs zählen. Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf. Sechs. Das alles einmal die Woche wiederholen.
Der Stich tat nicht weh, die Nadel ist dünn, rund einen Drittelmillimeter. Jede Minute meines Lebens, in der ich gehungert hatte, hatte mehr geschmerzt, denn Hunger ist ein Zustand, der anders als eine Spritze nicht einfach aufhört. Er dauert an, bis man ihm irgendwann nachgibt.
Ich setzte mich an den Küchentisch, trank einen schwarzen Kaffee und begann damit, auf etwas zu warten, worauf man eigentlich nicht warten kann: darauf, dass nichts passiert.
Der Ohrwurm war verstummt, ohne dass ich Nebenwirkungen spürte
Juli 2023
Ich merkte es zum ersten Mal am Abend des nächsten Tages, als mir klar wurde, dass ein halbes Croissant mit Käse, eine Portion Basmatireis mit veganem Hühnchen und eine Scheibe Brot mit Käse ausgereicht hatten, um mich satt zu fühlen, oder, um ganz genau zu sein: 1.579 Kilokalorien.
Es war nicht so, dass ich keinen Hunger mehr hatte. Spätestens gegen zwölf Uhr am Mittag wollte ich immer etwas essen, doch eine Portion von was auch immer genügte. Die Lust auf Zucker wie auch die auf Alkohol und Zigaretten nahm ab.
Es war, als ob sich mein Gehirn reinigte, von all den Dingen, die es vorher so begehrt hatte. Der Ohrwurm war verstummt, ohne dass ich Nebenwirkungen spürte, die manch andere Patienten beschrieben hatten: Übelkeit, Erbrechen, Gallensteine.
Es dauerte zwei Wochen, bis ich die ersten drei Kilo verloren hatte, und vier, bis es fast sieben waren. Am 18. Juli wog ich wieder so viel wie nach meinem letzten Abnehmversuch, 90,7 Kilo.
Viel davon war sicher Wasser gewesen, und auch äußerlich hatte ich mich noch nicht sonderlich verändert. Doch das war in diesem Moment nebensächlich, mir ging es ja um etwas anderes.
Das Gefühl, dem Essen fast wie ein Roboter nachgeben zu müssen, war nicht mehr da. Pizza, Schokolade, Bier, ich wollte all das immer noch, nur war ich, oder besser mein Gehirn, einfach mit viel weniger davon zufrieden. "Ich glaube, ich fühle mich das erste Mal normal", schrieb ich einer der wenigen Freundinnen, die davon wussten, dass ich Ozempic nahm.
Viele Kilos abzunehmen bedeutet auch, eine andere Version von sich selbst zu werden
Ebenso wie es mir jahrelang peinlich war, mein Gewicht zu verraten, wollte ich nun nicht zugeben, dass ich "die Abnehmspritze" nahm. Ich fürchtete Vorurteile, wie sie Magenoperierte schon seit Langem hören oder in Kommentarspalten lesen, dass sie mit ihrer OP nur den "easy way out" gewählt hätten, den einfachen Weg.
Mich hat das schon immer wütend gemacht. Als ob es jemals die freiwillige Entscheidung einer Person gewesen wäre, adipös, also krank zu werden. Sowohl Gene als auch Erziehung, Umwelt oder psychologische Faktoren wie Stress und Depression führen dazu, dass Menschen adipös werden. Deswegen heißt es auch adipös.
Es ist eine von der Weltgesundheitsorganisation klassifizierte Krankheit, die sogar einen Code hat: ICD-10-E66. Zudem ist eine Magen-OP, nach der Menschen nur noch portionsweise essen können und sich ihre Körper teilweise halbieren, in keiner Weise leicht wegzustecken. Viele Kilos abzunehmen bedeutet auch, eine andere Version von sich selbst zu werden.
Und es bedeutete, zumindest für mich, einen Konflikt: Einerseits hatte die Body-Positivity-Bewegung mir in den vergangenen Jahren – Gott sei Dank! – beigebracht, dass der Wert eines Menschen nicht von seinem Gewicht abhängen darf und sollte. Und dass es richtig war, gegen das zu rebellieren, wovon schon meine Mutter und meine Großmutter so sehr überzeugt waren: dass ein dünner Körper das Symbol einer erfolgreichen und gesellschaftlichen akzeptierten Frau ist.
Ich entschied mich für den Kampf, an dessen Ende die Ruhe stand
Andererseits wollte ich diesen schweren Körper auch nicht akzeptieren müssen, weil ich mich so unwohl damit fühlte.
Auch wenn ich den Gedanken hasste, dass ich mich durch mein Abnehmen wieder dieser toxischen Diätkultur aussetzen müsste. Oder dass ich dadurch kapituliert hatte vor den Schönheitsidealen dieser Zeit, dem male gaze, dem männlichen Blick, und dem Patriarchat und Kapitalismus, in dem nicht Geist und Charakter zählen, sondern Aussehen. Weil, auch das ist ja belegt: Dünne Menschen sind erfolgreicher im Job, akzeptierter in der Gesellschaft.
Doch da mein Leben so oder so einem Kampf glich, entweder gegen die Kilos oder gegen die Gesellschaft, entschied ich mich für den, an dessen Ende die Ruhe stand. Denn das war es, was ich neben den gesundheitlichen Veränderungen vor allem begehrte: Ruhe.
Ende Juli fuhr ich wieder nach Berlin, diesmal um mir mein Rezept für die 0,5-mg-Packung abzuholen, die nun 217 Euro kosten und drei Monate reichen würde.
Beim dritten Rezept verweigerte mir eine Apothekerin das Medikament
September 2023
Im August und September reiste ich mit meinem Ozempic-Pen nach Costa Rica und Nicaragua. Das ging, weil ein geöffneter Pen nicht kontinuierlich gekühlt werden muss und weil ich mich mittlerweile an den routinierten Stich einmal die Woche gewöhnt hatte.
Ich verzichtete auf nichts, schon gar nicht auf landestypischen Tequila oder Tortillas, und verlor in drei Wochen weitere 1,5 Kilogramm. Am 12. September wog ich 89 Kilogramm und hatte die erste Kleidergröße verloren.
Mit meinem Berliner Arzt war vereinbart, dass wir uns, sollte ich keine Nebenwirkungen bemerken, dann wiedersähen, wenn mein Therapieziel, Normalgewicht, ein BMI von 25 und damit 75,69 Kilo, erreicht sei. Bis dahin würde ich mir das Rezept alle drei Monate von ihm abholen.
Doch als ich mit dem nächsten, meinem dritten Rezept in meine Apotheke ging, verweigerte mir die Apothekerin das Medikament. Mein Rezept sei falsch, sagte sie, weil keine Diagnose draufstehe. Als ich erwiderte, dass dies nicht mein erstes Rezept sei, antwortete sie: Das Medikament sei für Patienten mit Diabetes reserviert und der unterschreibende Arzt außerdem kein Diabetologe.
Ich hätte ihr sagen können, dass ich Diabetes in der Familie habe und dass ich dieses Medikament nicht zum Lifestyle benutze, also um ein paar Kilos für die Ästhetik abzunehmen, sondern weil ich krank bin.
Ich hätte ihr auch sagen können, dass ich es unmenschlich finde, zwei Krankheitsbilder, Adipositas und Diabetes, gegeneinander auszuspielen. Oder wie gut es mir mittlerweile ging, weil meine ständigen Gedanken ans Essen endlich unterbrochen waren und ich mich im Spiegel mittlerweile anlächelte, weil ich nicht mehr nur Schwarz trug, sondern endlich auch wieder das bordeauxrote Kleid, das ich auf der standesamtlichen Hochzeit meiner besten Freundin anhatte.
Doch ich sagte nichts und lief in die nächste Apotheke. Dort stellte die Apothekerin keine Fragen.
"Du hast ganz schön abgenommen"
Dezember 2023
Im Herbst sagte den Satz, den ich die Hälfte meines Lebens hören wollte, erst ein Freund zu mir, später an Weihnachten sagten ihn dann meine Mutter, mein Stiefvater und meine Großeltern: "Du hast ganz schön abgenommen." Ich wusste, dass sie es alle als Kompliment meinten, und mein innerer Teenager grinste auch, doch ich selbst haderte damit.
Bedeuteten all das Strahlen in den Augen der anderen, all die zustimmenden Worte nicht auch ihre vorherige Abwesenheit? War es gleichzeitig aber nicht mein eigener Wunsch gewesen, so auszusehen und gesünder zu werden – und ihre Komplimente de facto nur ein Beglückwünschen genau dieses Erfolges?
Zumindest meine Mutter stoppte dieses Gedankenkarussell schnell, als ich ihr später beim Weihnachtsfest davon erzählte, dass meine Abnahme von Medikamenten begleitet wurde. Dass ich Ozempic nahm. Sie schaute mich an und fragte dann, als hätte sie an ihren eigenen Ohrwurm gedacht: "Kann ich das auch bekommen?"
Mein Abnehmen hatte mir die Tür zu einer neuen Welt geöffnet
Sucht ist keine Wahl, sie ist eine Krankheit. Doch so wie man nach Essen süchtig werden kann, so kann man es nach dem, was unsere Gesellschaft als schön definiert: "Nothing tastes as good as skinny feels", wird Kate Moss bis heute zitiert, als Mahnung, wie ungesund die Schönheitsideale der Neunziger- und Nullerjahre waren.
Dabei gilt ihr Satz doch noch immer. Und das nicht, weil das Dünnsein oder die Form des Kate-Moss-Dünnseins sich so gut anfühlte oder weil die diet culture, also der gesellschaftliche obsessive Fokus auf Körpergewicht, Kalorienkontrolle und Schönheitsideale, recht hätte. Er stimmt, weil er die gesellschaftliche Ordnung dahinter beschreibt.
Denn nicht nur das Essen ist ein Ohrwurm in unseren Köpfen, auch die Gesellschaft summt unaufhörlich den Ohrwurm des Dünnseins als Ausdruck von Leistung in einem von Ordnung und Kontrolle durchdrungenen Raum. Körper, die daraus ausbrechen, bestraft sie mit Abwertung. Körper, die sich unter Strapazen verformen, hingegen mit dem Privileg des Dazugehörens.
Deswegen rief ich auch "Yes!", als ich an Silvester auf die Waage stieg und sah, dass ich "nur" noch 80 Kilo wog. So viel wie in meinem ersten Semester. Mein Abnehmen hatte mir, so gesellschaftskritisch ich auch sein mochte, die Tür zu einer neuen Welt geöffnet.
Einer, in der mich Fremde anlächelten und mir die Tür aufhielten, in der Männer im Club, selbst im Supermarkt mit mir flirteten und mir Verwandte, Kollegen, Bekannte, im Grunde alle, das Gefühl gaben, ein besserer Mensch zu sein, weil ich mich endlich angepasst hatte. Die neue Welt gab mir das bittersüße Gefühl von Aufstieg.
Wenn mich jemand darauf ansprach, wie ich "es gemacht hätte", antwortete ich mit einer white lie
März 2024
Das Schöne am Reisen ist, dass man jedem Menschen dabei genau so begegnet, wie man gerade ist. Als ich im Januar und Februar durch Südafrika reiste, wusste also niemand, dass ich gerade 20 Kilo abgenommen hatte, geschweige denn sprach mich jemand darauf an.
Als ich ins Büro zurückkehrte, änderte sich das sofort. "Du bist so schön schmal geworden", sagte eine Kollegin zu mir. "Du hast krass abgenommen", eine Freundin. Anfangs freute ich mich noch darüber, war es ja eben die Bestätigung meiner Disziplin und des Aufstiegs ins Reich der normalen Körper, doch bald bedankte ich mich nur noch brav und lenkte vom Thema ab.
Nicht weil ich dächte, dass man über Körper, Abnehmen, Body-Positivity und all das nicht sprechen sollte, sonst würde ich diesen Text nicht schreiben, sondern weil die Kantine, das Büro oder das Familienfest meiner Meinung nach vielleicht kein guter Ort für eine körperpolitische Diskussion sind. Und weil jeder selbst entscheiden sollte, ob er oder sie seinen Körper zum Gegenstand dieser Diskussion machen möchte. Oder eben nicht.
Wenn mich jemand darauf ansprach, wie ich "es gemacht hätte", also das Abnehmen, antwortete ich daher mit einer white lie. Ich sagte nicht "Mit Ozempic", sondern dass ich weniger gegessen und mich mehr bewegt hätte. Nicht ganz die Wahrheit, aber auch nicht falsch. Die Gründe, aus denen ich log, waren ganz unterschiedlich. Mal schämte ich mich, dass ich überhaupt in diese Situation gekommen, also überhaupt dick geworden war, weil ich trotz besseren Wissens es ja selbst manchmal dachte: Vielleicht bin ich doch zu faul?
Stehen dicke Menschen jetzt in der Pflicht, sich diese Spritze zu holen?
Mal wollte ich einfach der unvermeidlichen Frage aus dem Weg gehen, die mir auch meine Schwester schon gestellt hatte: "Wie lange wirst du das eigentlich nehmen?" Denn in ihr steckt ja etwas viel Tiefgreifenderes: die Möglichkeit, dass der Ohrwurm und der Kampf gegen ihn zurückkehren könnten.
(Die Antwort auf die Frage ist übrigens: Auch wenn die Nebenwirkungen einer Langzeiteinnahme noch nicht vollends erforscht sind – ich hätte kein Problem damit, es mein Leben lang zu nehmen, wenn das bedeuten würde, dass ich für immer Ruhe vor dem Ohrwurm hätte.)
Und mal wollte ich der größeren Debatte aus dem Weg gehen, die sich nun aufgetan hatte: Stehen dicke Menschen jetzt in der Pflicht, sich diese Spritze zu holen? Wenn es doch so einfach geht?
Das jedenfalls sagte meine beste Freundin, die selbst übergewichtig ist, einmal bei einem Abendessen. Für sie bedeutet Ozempic vor allem noch mehr Druck auf fette Körper. Im Sinne von: Wer jetzt noch dick ist, der ist selbst schuld. Der hat sich wirklich gar nicht im Griff.
Und dann hörte ich es ein paar Monate später leicht abgewandelt von einer Kollegin, die zu Ozempic recherchiert hatte. Als ich sie fragte, was sie dabei gelernt hatte, sagte sie: "Ich dachte früher, die Leute sind dick, weil ihnen die Disziplin fehlt."
Ozempic hat mich begreifen lassen, dass ich krank war, dass ich krank bin
Es gibt aber noch einen anderen solchen Satz. Einen, den Übergewichtige oft sagen, wenn sie vom Initialmoment ihrer journey, ihrer Reise in ein gesundes und schlankeres Leben, berichten, etwa in den sozialen Medien oder in Shows wie The Biggest Loser.
Er lautet: "Und dann hat es klick gemacht." Seit ich Ozempic spritze, denke ich oft über ihn nach. Nicht weil es klick machen müsste, sich jetzt endlich zusammenzureißen. Sondern Ozempic hat mich begreifen lassen, dass ich krank war, dass ich krank bin.
So wie man erst richtig versteht, wie sehr man unter einer toxischen Beziehung gelitten hat, wenn man sie verlassen hat, war es auch ein Medikament, das mir erst gezeigt hat, wie süchtig ich war nach unnötigen Mengen an Zucker und Fett.
Dass sich diese Erkenntnis wiederum positiv auf mein Körperbild ausgewirkt hat, merke ich daran, dass ich nicht mehr denke: "Ich wünschte, es wäre noch weniger, wie toll wäre es, bloß 60 Kilo zu wiegen."
Laut BMI bin ich mit 80 Kilo immer noch leicht übergewichtig, und auch die Modeindustrie sortiert mich mit Kleidergröße 40 als Mid Size ein. Doch das ist mir egal. Ich bin einfach nur dankbar, dass mich der Gedanke an Essen endlich in Ruhe lässt. Und sich mein Körper irgendwie eingependelt hat.
Im Mai schrieb mir meine Schwester: "Ich fühle mich gerade so scheiße in meinem Körper lol. Ich bin diese ganze Ozempic-Nummer noch mal in meinem Kopf durchgegangen, und an sich wird’s helfen, aber habe Angst vor diesem potenziellen Jo-Jo-Effekt und dass ich es mein Leben lang nehmen muss."
Ich antwortete: Eine chronische Krankheit brauche eben auch eine chronische Therapie. Und am Schluss: "Ich sag dir, wie es ist, ich hab kein Problem, das mein Leben lang zu nehmen."
Dann vereinbarte auch meine Schwester einen Termin beim Arzt.
Es ist der Ohrwurm
August 2024
Den Sommer dieses Jahres verbringe ich in den USA und damit dem Land, das die Abnehmspritze berühmt gemacht hat. Um mein Gewicht zu kontrollieren – ich halte seit acht Monaten 80 Kilogramm –, habe ich mir neben Ozempic eine Reisewaage mitgenommen.
Außerdem koche ich viel und notiere in einer App weiterhin alles, was ich esse. Leicht fällt mir das nicht, und auch die Bewegung fehlt. Weil ich wegen des quasi nonexistenten öffentlichen Nahverkehrs in Phoenix, Arizona, jede Strecke mit dem Auto fahre, bewege ich mich kaum.
Dass hier 29,6 Prozent der Menschen übergewichtig sind, wundert mich also nicht. Doch in Deutschland sieht es ja nicht viel besser aus. Nicht mit dem Übergewicht und auch nicht damit, wie die Gesellschaft damit umgeht.
Auf Instagram lese ich von einer repräsentativen Umfrage, nach der 43 Prozent der unter 30-Jährigen sagen: "Übergewichtige sollten sich nicht in Badekleidung zeigen." Die Menschen, denen ich auf Social Media folge, wüten. Doch es überrascht mich nicht.
Es ist der Ohrwurm.