Fünffachmutter aus Ludwigsburg - Rita kämpfte sich vom Bürgergeld zurück in einen Job - und erlitt dann schweren Schlag

„Ich verheimliche nicht, dass ich Sozialleistungen beziehe. An die große Glocke hänge ich es aber auch nicht“, sagt Rita Albert, deren Name für diesen Artikel geändert wurde. Die 41-Jährige wohnt mit ihren fünf Kindern in einer kleinen Wohnung in Ludwigsburg. Die zwei Älteren haben jeweils ein eigenes Zimmer, die Jüngeren teilen sich einen Raum. Alberts Bett steht im Wohnzimmer. 

„Wir leben nicht im Luxus, aber das Geld reicht“, sagt die Mutter. Niemals käme sie auf die Idee, sich über die Höhe des Bürgergeldes zu beschweren.

Was die Ludwigsburgerin jedoch stört, sind die Vorurteile. „Als alleinerziehende Mutter mit Sozialleistungen ist man direkt unten durch – egal ob auf dem Arbeits- oder Wohnungsmarkt.“ 

Bild des faulen Langzeitarbeitslosen fest verankert 

Sie habe das Gefühl, dass bei einem Teil der Gesellschaft das Bild des faulen Langzeitarbeitslosen fest verankert ist. Die wenigsten wollen sich ernsthaft mit Armut beschäftigen. Nach den Gründen, warum sie die Existenzsicherung benötigt, werde sie kaum gefragt.

Besonders die Union und die FDP überbieten sich in den vergangenen Monaten mit immer neuen Schelten gegen das Bürgergeld. Die Debatte hat auch Auswirkungen auf die Leistungsbezieher, die durch die teils verächtliche Kritik an der Existenzsicherung weiter an den Rand der Gesellschaft gedrückt werden. 

Rita Albert wünscht sich deshalb mehr Aufmerksamkeit für die Vorteile der staatlichen Hilfe – und erzählt deswegen ihre Geschichte.

Alleinerziehend: Die Kinder an erster Stelle

Albert ist in der Ukraine geboren, lebt aber schon seit ihrer Kindheit in Ludwigsburg. Ihre Eltern seien liebevoll, aber selten da gewesen, es ging immer nur um die Arbeit. 

„Meine Geschwister und ich haben uns gegenseitig erzogen“, sagt Albert. „Ich wusste schon immer, dass ich das mit meinen Kindern anders machen will.“ Die Gelegenheit kommt früher als erwartet.

Rita Albert bekommt mit 18 Jahren ihren ersten Sohn, „dabei war ich selbst eigentlich noch ein Kind“. Ihre Zukunftsplanung wird auf den Kopf gestellt, ihren Traumberuf Hebamme hängt sie an den Nagel und steckt ihre gesamte Energie in die Erziehung. 

Mit den nächsten zwei Kindern steigt die finanzielle Abhängigkeit von ihrem damaligen Lebensgefährten, gleichzeitig bröckelt die Beziehung.

Trennung vom Mann: Ohne Job, mit drei Kindern

Nach jahrelangem Ringen schafft es Rita Albert, sich von ihrem Mann zu trennen. Ohne Job, ohne Perspektive und mit drei Kindern beginnt sie vor rund 15 Jahren ein neues Leben und braucht dabei Unterstützung – seitdem bezieht Rita Albert Arbeitslosengeld 2, später Bürgergeld.

Ohne die Unterstützung hätte die Familie den Boden unter den Füßen verloren, sagt Albert: „Jeder von uns kann den Job verlieren oder wird krank, es braucht ein Auffangnetz.“ 

Mit ihrem Teilzeitjob und der Gehaltsaufstockung des Jobcenters bleiben der Familie nach allen Fixkosten aktuell rund 700 Euro für Lebensmittel, Haushalt, Kinderklamotten und die Freizeit übrig. „Ich versuche immer so wenig Leistungen wie möglich anzunehmen“, sagt Albert.

Krebs-Diagnose bei Tochter wirft Familie zurück

In den Jahren nach der Trennung versucht sie trotz der staatlichen Hilfe und weiterem Nachwuchs auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. „Man bekommt aber kaum eine Chance.“ 

Wenn Arbeitgeber ihre Bewerbungen sehen – ohne Ausbildung, alleinerziehend und auf Leistungen angewiesen – würden die allermeisten abwinken.

Nach einigen Berufsvorbereitungskursen hat Albert jedoch Glück: Ein Fitnessstudio stellt sie im kleinen Rahmen an. Dort kümmert sie sich um Kinder, während deren Eltern trainieren. 

Sie fühlt sich wohl, will sich zur Trainerin fortbilden lassen, um mehr zu verdienen und die Leistungen herunterzuschrauben. 

Doch dann, mitten in der Pandemie, erhält ihre 17-jährige Tochter die Diagnose Krebs.

Krebs gilt  als besiegt, Tochter will Chirurgin werden

„Ich war zwei Jahre komplett raus und habe mich um sie gekümmert“, sagt Albert. Anstatt weniger staatlicher Hilfe braucht sie auf einmal wieder mehr Unterstützung. „Das lief zum Glück sehr flexibel, meine Beraterin hat sich auch immer wieder nach meiner Tochter erkundigt.“ 

Der Krebs gilt mittlerweile als besiegt, ihre Tochter macht das Abi und eifert ihrem Berufswunsch Chirurgin hinterher, berichtet Albert stolz. Auch sie habe wieder angefangen, Teilzeit im Fitnesscenter zu arbeiten, das Wichtigste seien jedoch weiterhin die Kinder – die Jüngste ist im Kindergartenalter.

Fälle wie Rita Albert erlebe man in der Beratung häufig, sagt Petra Tolksdorf, Leiterin der Abteilung Existenzsicherung bei der Caritas Ludwigsburg-Waiblingen-Enz. Viele Bürgergeldbezieher benötigen eine Aufstockung ihres Gehalts, sind alleinerziehend, durchlaufen einen Lebensbruch oder sind krank – fast ein Drittel sind Kinder und Jugendliche. 

Es gehe bei diesen Menschen um die Existenzsicherung, das öffentliche Bild sei jedoch ein ganz anderes – das des faulen Langzeitarbeitslosen.

Bürgergeld: Stammtischparolen verstärken den falschen Fokus

„Das Bild ist komplett verzerrt“, sagt Tolksdorf. Der Anteil der Menschen, die das Sozialsystem ausnutzen, sei verschwindend gering, trotzdem werde pauschal geurteilt. Durch Stammtischparolen und Aussagen mehrerer Politiker verstärke sich dieser falsche Fokus der Debatte auch noch. „Die Armen der Gesellschaft werden zum Sündenbock gemacht“, sagt Tolksdorf.

Rita Albert kann die Debatte zumindest teilweise nachvollziehen. Auch sie ärgere sich über die wenigen Verweigerer, die keine Hilfe annehmen und einfach nur Leistungen einstecken. „Das Verhalten ist unfair denen gegenüber, die es ernst meinen, die sich Mühe geben, ins Arbeitsleben zurückzufinden.“ 

Die 41-Jährige hofft, dass das Verständnis für das Bürgergeld steigt und Vorurteile abgebaut werden: „Wenn die Leute uns zuhören und sich interessieren, bekommen vielleicht auch alleinerziehende Mütter mit Sozialleistungen wieder mehr Chancen.“

Von Emanuel Hege

Das Original zu diesem Beitrag "Endlich ein Job - und dann kam die Krebsdiagnose der Tochter" stammt von Stuttgarter Zeitung.