Die Bürgerinformationsveranstaltung am Mittwochabend zur künftigen Bebauung des TSV-Geländes in Augustenfeld war intensiv.
Dachau - Mehr als 100 Interessierte und Anwohner machten ihre Sorgen bezüglich des Großprojekts deutlich. Die Vertreter der Stadt und der Planungsbüros gaben sich alle Mühe, diese Sorgen zu zerstreuen. Gelungen ist ihnen dies aber nicht.
Es geht zuweilen recht hitzig zu
Es ging engagiert, ja zuweilen hitzig zu, bei der Infoveranstaltung zur Bebauung des TSV-Stammgeländes in Augustenfeld. Über 100 Anwohner und Interessierte kamen dazu in die Vereinsgaststätte „Casa Paese“, drei Stunden lang wurde erklärt, gefragt, diskutiert – und auch gestritten. Die Anwohner, so viel wurde schnell klar, lehnen das Bauprojekt auf dem rund 33 000 Quadratmeter großen Areal ab. Zu massiv sei die geplante Bebauung mit Wohngebäuden, Büros, Geschäften, einem Altersheim und einer Kita; zu offen sei die Frage, wie der Verkehr dieses neuen „Quartiers“ für die Nachbarschaft verträglich geregelt werden kann.
Vor allem die zwei Verkehrs- und Mobilitätsexperten Manuel Hitscherich und Anna Helm von der Karlsruher PTV Group boten den Anwesenden mit ihren Ausführungen – vorsichtig formuliert – Angriffsflächen. Die zwei führten aus, dass das künftige Wohnviertel so gut wie autofrei werden sollte. Die „Bewohnenden“ würden stattdessen Lasten-E-Bike-Sharing betreiben, die „tolle S-Bahn-Verbindung“ nach München nutzen oder viel zu Fuß gehen. Ausflugsfahrten am Wochenende würden sich langfristig auch erledigen. Das neue Quartier werde so grün und so schön, dass die Leute sich sagten: „Warum soll ich wegfahren? Es ist doch hier auch so schön!“
Wortführer stellen alles in Frage
Völlig fassungslos machte Expertin Helm ihr Publikum, als sie erklärte, dass man angesichts der nahen Einkaufsmöglichkeiten ohnehin kein Auto brauche. Es gebe beispielsweise „den Edeka gegenüber“. Auf die Nachfrage der Anwesenden, wo genau denn dieser „Edeka gegenüber“ sei, erklärte Helm nach kurzem Nachdenken: „Vorne, an der Schleißheimer Straße“. Helm hatte ganz offensichtlich eine andere Definition von „gegenüber“ als der Rest des Publikums.
Derlei Ausführungen führten dazu, dass die Anwesenden am Ende alles Gesagte in Frage stellten. Man wähnte sich auf einer „Alibiveranstaltung“, die Stadt würde ohnehin bauen, was sie wolle, und die Verkehrsprognosen von Helm und Hitscherich seien unwissenschaftlich. Oberbürgermeister Florian Hartmann meinte denn auch irgendwann genervt: „Wenn Sie jetzt auch noch unsere Verkehrszählung anzweifeln, dann können wir gleich aufhören!“ Und: Es stimme einfach nicht, dass sich die Stadt nicht für die Sorgen der Bürger interessieren würde!
Tatsächlich betonten Hitscherich und Helm, unterstützt vom städtischen Mobilitätsmanager Korbinian Feil, mehrfach, dass ihre Verkehrsprognosen „nicht schöngerechnet“ seien und tatsächlich ergeben hätten, dass durch das neue Wohngebiet nur wenig mehr Autofahrten pro Tag entstünden als heute mit dem Sportgelände. Eine Verkehrszählung am 30. März 2023, einem laut Hitscherisch „ganz normalen Wochentag außerhalb der Ferien“, habe den Knotenpunkten Schleißheimer und Jahnstraße, Schleißheimer und St.-Peter-Straße sowie Jahnstraße und Wienerstraße eine insgesamt gute Leistungsfähigkeit bescheinigt. Die Erschließung des neuen künftigen Wohngebiets von Norden her über die Jahn- und Salzburger Straße sei daher praktikabel.
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Für praktikabel halten die Planer daher auch ihre Lösung der Parkplatzproblematik. Für die geplanten 198 Wohneinheiten im frei finanzierten Wohnungsbau sollen nur 139 Parkplätze in der „Quartiersgarage“ vorgehalten werden. Die „Bewohnenden“ der 14 geplanten Einheiten im Betreuten Wohnen sollen in der Quartiersgarage sieben Parkplätze bekommen. Im geförderten Wohnungsbau– hier sind 85 Wohnungen vorgesehen – soll es 43 Parkplätze auf Parkflächen im Gebiet geben. Einige Bürger brachte dies auf die Palme: „Sie können doch den Leuten nicht vorschreiben, wie viele Autos sie haben. Die parken doch dann irgendwo rum!“
TSV-Chef Moll wehrt sich gegen Kritik
Schließlich stellte ein TSV-Mitglied die Fragen, die zuvor zweieinhalb Stunden unausgesprochen durch den Raum schwebten: Warum muss der TSV Dachau 1865 sein Stammgelände überhaupt verkaufen und zu einem Wohngebiet werden lassen? Will der Verein, angeführt von Vorsitzendem Wolfgang Moll, im neuen Sportpark nur „einen Fußballtempel für dritt- und viertklassige Fußballer“ errichten, auf Kosten aller anderen Abteilungen des Vereins? Und schließlich: Wie realistisch sind die Planungen für das Wohngebiet überhaupt?
TSV-Chef Moll wurde deutlich: Er setze sich erstens für alle Abteilungen des TSV, dem er seit Kindertagen angehöre, ein. Zweitens habe der Verein, der in den vergangenen Jahren ein massives Wachstum hingelegt habe, an seinem jetzigen Standort keine Entwicklungsmöglichkeit: „Wir wollen kein Kind abweisen, wir wollen keinen Aufnahmestopp!“ Und selbst wenn es nicht zur Aussiedlung an die Theodor-Heuss-Straße komme, brauche es drittens eine umfassende Lösung für das Stammgelände: „Das muss jetzt wirklich jeder verstehen: Unsere Sportanlagen haben noch eine maximale Lebensdauer von fünf bis sieben Jahren. Dann muss was passieren“!
Das Problem: Das für die Aussiedlung nötige Geld muss der TSV über den Verkauf seines Geländes erlösen. Die Höhe des Erlöses hängt natürlich davon ab, wie dicht und damit lukrativ die künftige Bebauung der Fläche werden darf. Erste Versuche, das Gelände als Bauerwartungsland auf den Markt zu bringen, endeten vor einem Jahr dem Vernehmen nach wenig erfolgreich: Die abgegebenen Angebote entsprachen nicht im Ansatz dem, was der Verein sich an Einnahmen versprochen hatte.
Der aktuelle Bebauungsplanentwurf dürfte ebenfalls – gerade in der aktuellen Konjunkturlage – für wenig Begeisterung bei möglichen Investoren sorgen. Der Süden des überplanten Areals etwa ist komplett als Grünfläche vorgesehen. Die einzigen „Bewohnenden“ sollen dort Vögel und Insekten werden.
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So geht es weiter
Das Bebauungsplanverfahren für das Baugebiet „Augustenfeld Ehemaliges Sportgelände“ ist mit der sogenannten Beteiligung der Öffentlichkeit am Mittwoch in der TSV-Gaststätte seinen nächsten offiziellen Schritt gegangen. Die Bürger sowie Träger öffentlicher Belange haben nun bis 3. Dezember die Möglichkeit, fundierte Anmerkungen, Kritik oder Wünsche dem Bauamt vorzutragen. Weitere Informationen findet man unter www.dachau.de/rathaus/buergerbeteiligung/aktuelle-beteiligungsverfahren.