Später in Rente, weniger Teilzeit? Unternehmer und Verbände uneins

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Sollen die Deutschen künftig länger arbeiten? In jedem Beruf kommt das vermutlich nicht infrage. © Jan Woitas

„Wir müssen mehr und länger arbeiten“: Diese Devise gab kürzlich Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) aus. Im Landkreis gibt es dazu die unterschiedlichsten Perspektiven.

Bad Tölz - Von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) stammt das Zitat: „Mit Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance werden wir den Wohlstand dieses Landes nicht erhalten können.“ Politische Schlüsse daraus könnten ein höheres Renteneintrittsalter sein oder auch eine Reduzierung der Teilzeitquote. Was denkt man im Landkreis darüber ? Andreas Roß, Wirtschaftsförderer im Tölzer Landratsamt, bemüht sich um eine sachliche Grundlage für das Thema. „In der letzten Konjunkturumfrage der IHK für München und Oberbayern haben 51 Prozent der Unternehmer gesagt, dass sie einen Personalmangel haben“, berichtet er. Und der Arbeitsmarkt sei im Landkreis „relativ leer“. Daher stelle sich die Frage, wie man diesem Problem entgegentreten könnte.

Mit 70 aufs Dach: Das geht nicht

Eine Maßnahme könnte aus Roß‘ Sicht sein, Menschen, die in Teilzeit arbeiten, zu einer Erhöhung ihrer Arbeitsstunden zu bewegen. „Um das zu ermöglichen, müssten Kinderbetreuungsplätze geschaffen werden“, so der Wirtschaftsförderer. Laut einer Studie der IHK würde die Schaffung von 60 000 Plätzen in Bayern ein Arbeitskräftepotenzial von rechnerischen 10 000 Vollzeitäquivalenten erschließen.

Weitere 26 000 solche Vollzeitäquivalente stünden demnach zur Verfügung, wenn die Möglichkeit abgeschafft würde, nach 45 Beitragsjahren vorzeitig abschlagsfrei in Rente zu gehen. Und 80 000 rechnerische Vollzeitkräfte stünden dem Arbeitsmarkt bei Erhöhung des Renteneintrittsalters von 67 auf 69 zur Verfügung. Dem Wirtschaftsförderer ist freilich bewusst, dass es stark von Beruf, Betrieb und persönlichen Umständen abhängt, ob jemand tatsächlich länger arbeiten kann.

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Das stellt auch der Lenggrieser Bauunternehmer und Kreisvorsitzende der Mittelstandsunion, Bernhard Simon, im Gespräch mit unserer Zeitung klar. „Ich sehe die Tendenz, dass Leute weniger arbeiten und dabei das Gleiche verdienen wollen“, sagt er. „Aber man muss aufpassen, nicht alles über einen Kamm zu scheren.“

In seiner eigenen Firma „Simon Haus und Holzbau“ sei es sicher nicht möglich, einen Mitarbeiter noch mit 70 bei Wind und Wetter zur schweren Arbeit auf dem Dach einzuteilen. In seinem Betrieb bemühe er sich, Angestellte über 50 zum Beispiel eher in der Werkstatt einzusetzen. Denn im Betrieb halten möchte er sie auf jeden Fall. „Die Leute mit Erfahrung sind sehr wichtig.“ In anderen Jobs sei es eher möglich, bis ins höhere Alter weiterzumachen. Gut findet Simon, wenn Menschen in der Rente mehr dazuverdienen können, „ohne dass alles abgezogen wird“.

Sport-Angebote und lebenslanges Lernen

„Es gibt viele, die mit 70 noch topfit sind“, beobachtet auch Marianne Estner, Vorsitzende des VdK-Kreisverbands Bad Tölz/Wolfratshausen und Miesbach. In der alltäglichen Arbeit des Sozialverbands spielt allerdings eher das Gegenteil eine Rolle. „Wir kämpfen für das Recht der Menschen, früher in Rente zu gehen – und das sehr erfolgreich“, sagt Estner. Denn es sei eben individuell sehr verschieden, wie lange man in einem Beruf arbeiten könne. „Länger als bis 67 finde ich aber im Großen und Ganzen übertrieben. Eine generell verlängerte Lebensarbeitszeit würde ich nicht befürworten.“

„Rahmenbedingungen, die ein längeres Arbeiten – freiwillig und gesund – ermöglichen“: Die gehören nach den Worten von Alexander Potzka, Abteilungsleiter Vorstandsstab/Personal, zur Politik bei der Sparkasse Bad Tölz-Wolfratshausen. Zu diesem Zweck setzt die Sparkasse auf Betriebliches Gesundheitsmanagement, zum Beispiel mit Sportangeboten. Außerdem unterstütze die Sparkasse das lebenslange Lernen. „Damit wollen wir unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern individuell die Möglichkeit bieten, um über das gesetzliche Rentenalter hinaus tätig zu bleiben.“

Sparkasse: 44 Prozent der Mitarbeitenden in Teilzeit

Eine pauschale Erhöhung des Renteneintrittsalters allein werde die Herausforderungen des Fachkräftemangels aber nicht lösen, ist Potzka überzeugt. Und weniger Teilzeit? „Abhängig vom Bedarf sehen wir es in Zeiten des demografischen Wandels als hilfreich an, wenn Teilzeitkräfte ihre Stunden erhöhen“, antwortet Potzka. Initiativen zur Aufstockung würden aber immer „im Dialog mit unseren Mitarbeitenden“ erfolgen, betont er.

Außerdem hebt er die Vorteile der hohen Teilzeitquote hervor, die bei der Sparkasse aktuell bei 44 Prozent liegt. Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht sei sie vorteilhaft, „da sie Anreize schafft, damit mehr Menschen ihre Kompetenzen und Fähigkeiten in den Arbeitsmarkt einbringen“. Und die Sparkasse erhöhe damit ihre Attraktivität als Arbeitgeber.

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