Schlafmediziner schlagen Alarm: Der Hype um das frühe Aufstehen macht Menschen krank und depressiv. Die Biologie lässt sich nicht überlisten.
Frankfurt – Der Wecker klingelt um 5 Uhr morgens. Draußen herrscht noch tiefste Dunkelheit, doch Millionen Menschen weltweit zwingen sich täglich aus den warmen Federn. Das Versprechen des „5-Uhr-Clubs“ auf Social Media: mehr Produktivität, bessere Leistung, erfolgreicheres Leben. Doch jetzt schlagen führende Schlafmediziner Alarm und warnen vor den dramatischen Folgen des Frühaufsteher-Trends. Auch ein anderer Schlaftrend bereitete Medizinern jüngst Sorgen.
Der amerikanische Schlafexperte Michael Breus findet drastische Worte für den 5-Uhr-Hype. „Der Trend, um 5 Uhr aufzustehen, ist das Zweitdümmste, was ich seit Langem gehört habe“, warnt der renommierte Schlafmediziner im Wall Street Journal. Die seiner Ansicht nach dümmste Idee? Den Mund nachts zuzukleben – ein weiterer gefährlicher Schlaf-Trend.
Für den Chronotyp Nachteule kann 5-Uhr-Trend gefährlich werden
Noch drastischer wird seine Prognose für Nachteulen: „Wenn Sie eine Nachteule sind, die etwas erledigen möchte, und versuchen, um 5 Uhr aufzustehen, werden Sie eine Woche durchhalten und dann selbstzerstörerisch und deprimiert werden.“ Auch die Zeitumstellung kann indes schwere Gesundheitsfolgen haben.
Schlafmediziner unterscheiden drei Haupttypen: Etwa 15 bis 20 Prozent sind „Lerchen“ (Frühaufsteher), 15- bis 20 Prozent sind „Eulen“ (Nachtmenschen) und 55 bis 65 Prozent sind „Bären“ (Normaltypen). Die Bären erreichen ihre Höchstleistung zwischen 10 und 14 Uhr. Der Chronotyp ist laut Sleep Foundation Ihre genetische Veranlagung, zu einer bestimmten Zeit zu schlafen, und kontrolliert neben Schlaf- und Wachzeiten auch Appetit, Sport und Körpertemperatur. Der Chronotyp steht in engem Zusammenhang mit dem zirkadianen Rhythmus, der den täglichen Schlaf-Wach-Zyklus kontrolliert.
Gesundheitsrisiken werden unterschätzt
Russell Foster, Professor für zirkadiane Neurowissenschaften an der Universität Oxford, warnt laut WSJ eindringlich: „Schlaf wird als etwas betrachtet, das unterworfen und in die Unterwerfung geprügelt werden muss, wenn er wirklich wie ein Teddybär umarmt werden sollte.“ Studien haben gezeigt, dass Schlafentzug zu Herzproblemen, Immunschwäche, Depressionen und einem erhöhten Demenzrisiko führen kann.
Besonders problematisch wird es für Menschen, die unter der Woche extrem früh aufstehen, am Wochenende aber ausschlafen. Doug Kirsch, Medizinischer Direktor und ehemaliger Präsident der American Academy of Sleep Medicine, erklärt: „Wenn Sie unter der Woche um 5 Uhr aufstehen und am Wochenende bis 8 Uhr schlafen, erleben Sie ein Gefühl ähnlich einem Jetlag.“
Neurowissenschaftlerin warnt vor biologischem Kampf
Die Neurowissenschaftlerin Rachel Barr bestätigt laut Daily Record diese Einschätzung auf drastische Weise: „Sie können sich nicht dazu zwingen, Bestleistungen zu erbringen, wenn Sie gegen Ihre Biologie arbeiten.“ Ihre klare Botschaft an Nachteulen: „Wenn Sie das genetische Profil einer Nachteule haben, bedeutet das, dass Sie etwas später schlafen und aufwachen, und 5 Uhr wird wahrscheinlich nicht ausreichen“ .
Foster rät zu einem einfachen Test: Wer lange braucht zum Aufwachen, nicht sofort loslegen kann, Kaffee zur Energieerhaltung benötigt oder am Wochenende länger schläft, steht zu früh auf. Die wichtigsten Tipps für besseren Schlaf: Morgenlicht tanken, Koffein bis spätestens 14 Uhr, Alkohol drei Stunden vor dem Schlafengehen beenden und Sport am Morgen statt am Abend.
Entscheidend sei vor allem: konstante Schlafenszeiten, auch am Wochenende. Eine Gallup-Umfrage zeigte: 57 Prozent der Amerikaner würden sich besser fühlen, wenn sie mehr Schlaf bekämen, aber Stress verhindert dies. Etwa 20 Prozent schlafen nur fünf Stunden oder weniger pro Nacht. (Quellen: Wall Street Journal, Sleep Foundation, Daily Record) (cgsc)