Forscher widerlegen bisherige Theorien zum Eisschmelzen in der Antarktis. Der wahre Übeltäter kommt aus einer unerwarteten Richtung.
Seattle – Das Eis der Antarktis schmilzt in beunruhigendem Tempo, mit potenziell dramatischen Folgen für den Meeresspiegel weltweit. Doch was treibt diesen Prozess wirklich an? Forscher der University of Washington haben eine überraschende Entdeckung gemacht: Nicht Westwinde, wie bisher angenommen, sondern ein anderer Mechanismus spielt die entscheidende Rolle beim Abschmelzen des westantarktischen Eisschildes.
Seit Jahren gingen Wissenschaftler davon aus, dass verstärkte Westwinde für den beschleunigten Eisverlust in der Antarktis verantwortlich sind. Diese Theorie schien plausibel, da sich die westlichen Winde über den hohen Breitengraden der Südhalbkugel als Reaktion auf den menschengemachten Klimawandel verstärkt haben. Doch als Gemma O‘Connor, Hauptautorin der Studie und Postdoktorandin für Ozeanografie an der University of Washington, die Daten genauer untersuchte, stieß sie auf Unstimmigkeiten.
Winde in der Antarktis sorgen dafür, dass das Eis schneller schmilzt
„Wir dachten, dass wir die Ergebnisse der Klimamodelle bestätigen würden, die zeigten, dass die Westwinde in der Nähe der Küste der Antarktis stärker wurden“, erklärt O‘Connor in einer Mitteilung. „Aber es gab keine Hinweise darauf, dass sich die Westwinde in diesem Teil der Antarktis verstärkten.“
Die Forscher führten eine Reihe hochauflösender Eis-Ozean-Simulationen durch, um herauszufinden, welche Klimamuster tatsächlich für das Schmelzen des Eisschelfs in dieser kritischen Region der Antarktis verantwortlich sind. Sie speisten das Modell mit verschiedenen Windmustern und maßen, wie viel Masse das Eis verlor. Die Ergebnisse, die im Fachjournal Nature Geoscience veröffentlicht wurden, waren eindeutig: Nordwinde verstärkten den Eisverlust konsequent, während Westwinde nicht denselben Effekt hatten.
Überraschender Mechanismus der Nordwinde in der Antarktis
Der Mechanismus dahinter ist überraschend: Die Nordwinde, die in der Antarktis mit großer Kraft wehen, ordnen das Meereis um und verschließen kleine, aber wichtige Lücken, sogenannte Polynyas. „Meereis ist ein sehr guter Isolator, es hält den Ozean relativ warm im Vergleich zur Luft“, erklärt Kyle Armour, ein Co-Autor der Studie. „Wenn Nordwinde die Polynyas schließen, reduziert das den Wärmeverlust des Ozeans, was wärmeres Wasser und mehr Schmelzen von Eisschelfen unter der Oberfläche bedeutet.“
Die Forscher vermuten, dass Treibhausgasemissionen die Nordwinde verstärken könnten. Frühe Studien deuten darauf hin, dass der menschengemachte Klimawandel den Luftdruck über der Amundsensee verringert. Dieses Gebiet beherbergt ein einflussreiches Tiefdruckgebiet, das viele der antarktischen Wettermuster steuert. Wenn der Luftdruck noch weiter sinkt, nimmt die Windgeschwindigkeit aus dem Norden zu.
Was ist eine Polynya?
Polynyas sind im antarktischen und arktischen Meereis offene Wasserflächen oder dünne Meereisschichten, die relativ beständig und ausgedehnt sind. In der Regel entstehen sie durch Windeinwirkung, Gezeiten oder aufsteigendes warmes Meerwasser. Teilweise können sie über lange Zeiträume – so gar über Jahre hinweg – bestehen bleiben.
Eisverlust in der Antarktis: „Anderer Mechanismus, als wir bisher vermutet haben“
„Dieser Mechanismus stellt eine Verbindung zwischen dem westantarktischen Eisverlust und dem menschengemachten Klimawandel her, wenn auch durch einen anderen Mechanismus als wir bisher vermutet haben“, erklärt O‘Connor. Dies sei wichtig, so die Forscher, denn wenn Emissionen zum Eisverlust beitragen, könnte ihre Reduzierung diesen möglicherweise eindämmen.
Die Entdeckung könnte weitreichende Folgen für das Verständnis des antarktischen Eisverlusts haben. Der westantarktische Eisschild bedeckt eine Fläche, die größer ist als die USA und Mexiko zusammen. Würde er vollständig schmelzen, könnte der globale Meeresspiegel um bis zu sechs Meter ansteigen. „Ich denke, was Gemma geleistet hat, wird zu einer vollständigen Revolution im Verständnis dessen führen, was den antarktischen Eisverlust antreibt“, betont Armour. „Wir hatten alle möglichen Theorien über die Winde, die von West nach Ost wehen, aber die Nordwinde waren nicht einmal auf unserem Radar. Wir lagen um 90 Grad daneben.“ (Quellen: Pressemitteilung, eigene Recherche) (tab)