Pokrowsk steht im Zentrum heftiger Gefechte. Selenskyj warnt vor der Eskalation. Welche strategische Bedeutung hat die Stadt wirklich?
Kiew – In einer Videobotschaft am Sonntag hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die schwierige Situation seiner Truppen in Pokrowsk offengelegt. Er berichtete, dass die Intensität der Kämpfe weiterhin hoch sei und das russische Militär zahlreiche Einheiten zusammengezogen habe: „Die Besatzer versuchen mit allen Mitteln, sich dort festzusetzen“.
Pokrowsk liegt in der Industrieregion Donezk, die bereits in der Vergangenheit Schauplatz heftiger Schlachten im Ukraine-Krieg war, etwa in Bachmut, Mariupol und Awdijiwka. Im September 2022 erklärte die russische Regierung die Regionen Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja für annektiert. Wladimir Putins Interesse an der Region hat vielfältige Gründe.
Ukraine-Krieg: Pokrowsk im Fokus – Putins Armee drängt vor
Seit über einem Jahr verteidigen die ukrainischen Streitkräfte die Stadt im Osten der Ukraine, wobei die Lage zunehmend kritischer wird. Sowohl ukrainische als auch russische Militärblogger berichten, dass immer mehr russische Soldaten von Süden in das Zentrum der Bergbaustadt vordringen. Der militärnahe ukrainische Blog DeepState schreibt, dass die Russen Straßenkämpfe mit ukrainischen Truppen führen und deren Nachschubwege mit Drohnen und Mörsern angreifen.
Pokrowsk, einst eine Stadt mit etwa 60.000 Einwohnern, liegt im Donbass und ist stark zerstört. Das russische Vordringen erschwert die Verteidigung eines östlich gelegenen Brückenkopfes der Ukrainer um Myrnohrad erheblich. Das 7. Korps der ukrainischen Armee teilte auf Facebook mit, dass die russische Armee mit etwa 11.000 Mann versucht, bei Pokrowsk einen Kessel zu schließen.
Bereits seit 2014 kontrollieren prorussische Separatisten Teile des Donbass. Laut einer AFP-Auswertung von Daten des Institute for the Study of War (ISW) vom August werden 99 Prozent der Region Luhansk und 79 Prozent der Region Donezk, einschließlich ihrer Hauptstädte, von russischen Truppen kontrolliert.
Pokrowsk an der Ukraine-Front: Putins und Selenskyjs Ringen um das rohstoffreiche Gebiet im Donbass
Die östlichen Gebiete der Ukraine waren seit Beginn des Ukraine-Krieges immer wieder Gegenstand von Verhandlungen. Besonders bei dem Vorschlag des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump, den Krieg bei den aktuellen Frontverläufen einzufrieren, waren Gebietsverluste im Donbass abzusehen. Historisch ist der Donbass das industrielle Zentrum der Ukraine, bekannt für Kohle und Schwerindustrie. Im Jahr 2012 machte die Region laut Bundeszentrale für politische Bildung 22 Prozent der nationalen Industrieproduktion aus. Donezk allein lieferte 16,3 Prozent und war damit führend. Heute rücken jedoch andere Ressourcen in den Fokus: Der Donbass ist reich an Lithium, Uran, Titan und seltenen Erden. Viele dieser Vorkommen liegen jedoch in besetzten oder umkämpften Gebieten und sind nicht zugänglich.
Im Mai unterzeichneten die USA und die Ukraine ein Abkommen, das den USA Zugang zu den ukrainischen Vorkommen an seltenen Erden und anderen Rohstoffen sichert. Das ISW hebt hervor, dass die Ukraine „in den vergangenen elf Jahren Zeit, Geld und Mühe in die Verstärkung des Festungsgürtels investiert“ habe. Daher hätten die russischen Streitkräfte „derzeit keine Mittel, um die Kette von Befestigungen schnell einzukesseln oder zu durchdringen“, was wahrscheinlich Jahre dauern würde.
Symbolischer Kampf um strategische Stadt im Ukraine-Krieg: Selenskyj warnt vor Eskalation
Der Kampf um Pokrowsk ist ein Duell der Symbolik und Strategie. Militärexperte Gustav Gressel analysierte gegenüber dem Tagesspiegel die kritische Lage: Der Frontbogen um Pokrowsk binde erhebliche Kräfte und lasse den Personalbestand der Armee sinken. Die Verteidigung von Pokrowsk erscheine zunehmend sinnlos. Bereits im Sommer erklärte Gressel gegenüber dem ZDF, die Stadt sei als Festungsstadt nicht mehr so bedeutend wie früher und auch kein Nachschubknotenpunkt mehr, da die Transportwege in russischer Hand lägen.
Der Tagesspiegel berichtet, dass hinter der Stadt neue Verteidigungsstellungen errichtet wurden, auf die sich die Truppen zurückziehen könnten. Die finnische Analysefirma Black Bird Group teilt diese Einschätzung: Zwar gewinne Russland eine „wichtige Kreuzungsstadt“, doch „Je mehr Zeit vergeht, desto schwieriger wird der Rückzug“.
Der Kampf um Pokrowsk ist auch ein Kampf um Symbolik: Militärexperte Gressel betont, dass Selenskyj „den moralischen Schaden“ bei einer Aufgabe der Stadt fürchtet. Auch Wladimir Putin ist sich der symbolischen Bedeutung der Stadt bewusst. (Quelle: AFP, dpa, DeepState, Facebook, ISW, Bundeszentrale für politische Bildung, Tagesspiegel, Black Bird Group, ZDF) (kox).