Ein Streit bei dem US-Sender "CBS News" über einen Beitrag in der Sendung "60 Minutes", der Kritik an der Trump-Regierung übt, ist öffentlich eskaliert. Ein "CBS"-Korrespondent warf seinem Sender vor, den Beitrag aus politischen Gründen nicht ausgestrahlt zu haben, während "CBS"-Nachrichtenchefin Bari Weiss den Beitrag inhaltlich kritisierte und sagte, er habe "nichts gebracht“.
Zwei Stunden vor der Ausstrahlung am 21. Dezember gab "CBS" bekannt, dass der Beitrag über Deportationen in das berüchtigte CECOT-Gefängnis in El Salvador, nicht Teil der Sendung sein würde. "60-Minutes"-Korrespondentin Sharyn Alfonsi interviewt in dem Beitrag Betroffene.
Weiss, die im Oktober zur Chefredakteurin von "CBS News" ernannt wurde, sagte, es sei ihre Entscheidung gewesen, den Beitrag zu streichen.
Der nun öffentlich ausgetragene Streit von "CBS"-Angestellten rückt eine der angesehensten Marken des Journalismus – und ein häufiges Ziel von Präsident Donald Trump – wieder ins Rampenlicht und verstärkt die Frage, ob die Ernennung von Weiss ein Signal dafür war, dass CBS News eine Trump-freundlichere Richtung einschlägt.
Trump-Regierung habe "Kill-Schalter" für unliebsame Berichterstattung
Alfonsi erklärte in einer E-Mail an ihre Kollegen von "60 Minutes", dass ihr Beitrag sachlich korrekt sei und von den Anwälten von "CBS"geprüft worden sei. Die Trump-Regierung habe sich jedoch geweigert, zu der Geschichte Stellung zu nehmen. Weiss habe demnach gefordert, dass größere Anstrengungen unternommen würden, um deren Standpunkt einzuholen.
"Meiner Meinung nach ist es keine redaktionelle, sondern eine politische Entscheidung, den Beitrag jetzt zurückzuziehen, nachdem alle strengen internen Prüfungen erfüllt wurden", schrieb Alfonsi in der E-Mail. Sie reagierte nicht sofort auf Anfragen der Associated Press nach einer Stellungnahme.
Alfonsi schrieb in der E-Mail, dass Interviews mit oder Fragen an das Weiße Haus, das Außenministerium und das Ministerium für Innere Sicherheit angestrebt wurden – erfolglos.
"Das Schweigen der Regierung ist eine Aussage, kein VETO", schrieb Alfonsi. "Ihre Weigerung, Interviews zu geben, ist ein taktisches Manöver, um die Geschichte zu verhindern. Wenn die Weigerung der Regierung, sich zu beteiligen, zu einem triftigen Grund wird, eine Geschichte zu verhindern, haben wir ihnen effektiv einen 'Kill-Schalter' für jede Berichterstattung gegeben, die ihnen ungelegen kommt."
In einer Erklärung sagte Weiss jedoch, dass sie sich darauf freue, Alfonsis Beitrag "zu senden, sobald er fertig ist".
Weiss: "Wir müssen mehr tun"
Bei der täglichen internen Redaktionssitzung von "CBS News" am Montag zeigte sich Weiss deutlich verärgert über Alfonsis Memo. Eine Abschrift von Weiss' Botschaft wurde von "CBS News" zur Verfügung gestellt.
"Die einzige Redaktion, die ich leiten möchte, ist eine, in der wir kontroverse Meinungsverschiedenheiten über die heikelsten redaktionellen Themen mit Respekt austragen können und in der wir vor allem von den besten Absichten unserer Kollegen ausgehen", sagte Weiss. "Alles andere ist völlig inakzeptabel."
Sie sagte, dass Alfonsis Bericht zwar eindrucksvolle Zeugenaussagen über Folter im CECOT-Gefängnis enthalte, die New York Times und andere Medien jedoch bereits ähnliche Arbeit geleistet hätten. "Um zwei Monate später einen Beitrag zu diesem Thema zu bringen, müssen wir mehr tun", sagte sie. "Und das ist '60 Minutes'. Wir müssen in der Lage sein, die Hauptakteure vor die Kamera zu holen und ihre Aussagen zu Protokoll zu geben."
Trump kritisiert "60 Minutes" scharf
Trump hat "60 Minutes" in der Vergangenheit immer wieder scharf kritisiert. Er weigerte sich unter anderem, der Sendung vor den US-Wahlen im vergangenen Herbst ein Interview zu geben, und verklagte dann den Sender wegen dessen Umgangs mit einem Interview mit seiner Wahlgegnerin Kamala Harris.
Die Muttergesellschaft von "CBS", Paramount Global, erklärte sich bereit, den Rechtsstreit beizulegen, indem sie Trump im vergangenen Sommer 16 Millionen Dollar zahlte. Vor kurzem reagierte Trump verärgert auf das Interview der Korrespondentin Lesley Stahl mit seiner ehemaligen Verbündeten und jetzigen Kritikerin Marjorie Taylor Greene.
"60 Minutes" ging in den ersten Monaten seiner zweiten Amtszeit besonders hart mit Trump ins Gericht, insbesondere in den Beiträgen des Korrespondenten Scott Pelley. Als Pelley Anfang des Monats eine Auszeichnung der USC Annenberg für seinen Journalismus entgegennahm, merkte er an, dass die Beiträge im vergangenen Frühjahr "mit einem absoluten Minimum an Einmischung" ausgestrahlt worden seien.
Pelley sagte, dass die Mitarbeiter von "60 Minutes" besorgt darüber seien, was die neuen Eigentümer, die diesen Sommer bei Paramount eingezogen sind, für die Sendung bedeuten würden. "Es ist noch früh, aber ich kann Ihnen sagen, dass wir weiterhin die gleichen Reportagen mit der gleichen Sorgfalt produzieren und keinerlei Einmischung seitens des Unternehmens erfahren haben", sagte Pelley laut "deadline.com".
Associated Press