„Wer möchte, sollte es auch bekommen“ – Bürger gehen wegen Merz‘ Teilzeit-Debatte auf die Barrikaden

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Viele Deutsche sind empört über den CDU-Plan zur Teilzeit-Einschränkung. Viele sehen darin einen Angriff auf Familien und Alleinerziehende.

München – CDU-Politiker wollen das Recht auf Teilzeitarbeit abschaffen. „Wer mehr arbeiten kann, sollte mehr arbeiten“, sagte die CDU-Politikerin Gitta Connemann dem Stern. Wegen Deutschlands Fachkräftemangel solle „freiwillige Teilzeit aus Gründen der individuellen Lebensgestaltung“ nicht dauerhaft „durch den Sozialstaat abgesichert“ werden dürfen. Die CDU solle auf ihrem Parteitag beschließen, dass es keinen Rechtsanspruch „auf Lifestyle-Teilzeit“ mehr geben soll – und schob bei RTL und NTV hinterher: „Es geht uns um anlasslose Teilzeit“.

Die Teilzeit-Debatte führt zu viel Kritik.
Die Teilzeit-Debatte führt zu viel Kritik. © IMAGO/BODE

Laut Statistischem Bundesamt haben 2024 29 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland in Teilzeit gearbeitet – fast jede zweite Frau (49 Prozent) und 12 Prozent der Männer. Laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) erreichte die Teilzeitquote im dritten Quartal 40,1 Prozent – den höchsten Wert in so einem Quartal. Die Hintergründe sind vielfältig: Unter anderem liegt es an einem Beschäftigungszuwachs in Branchen mit einem hohen Teilzeitanteil – laut IAB etwa dem Gesundheits- und Sozialwesen, Erziehung und Schule. Im verarbeitenden Gewerbe mit seinen vielen Vollzeitstellen sank dagegen die Beschäftigung.

Arbeitsdebatte sorgt für heftige Reaktionen: „Wer Teilzeit möchte, sollte es auch bekommen“

In den sozialen Medien sorgt die Diskussion für heftige Reaktionen. So schreibt ein User bestätigend zu den Ergebnissen des IAB, dass Arbeitgeber oft selbst nur Teilzeitstellen anbieten würden, obwohl Vollzeitstellen ausgeschrieben seien. „Wer Teilzeit möchte, sollte es auch bekommen, aber auch der Arbeitgeber ist hier in der Regel schuld daran – Arbeitsplätze wurden in Vollzeit ausgeschrieben und man bekommt nur Teilzeit“, heißt es auf Facebook unter einem Bericht von Merkur.de von Ippen.Media. Ein anderer warnt: „Die CDU soll sich fernhalten, sonst werden solche Leute auf ALG und Bürgergeld landen.“ Wer in Teilzeit arbeitet, bekommt später auch hunderte Euro weniger Rente.

Teilzeit-Arbeit: Nicht immer eine freiwillige Entscheidung – „Es wird einen Grund haben“

Freiwillig ist eine Entscheidung für Teilzeitarbeit nicht immer – laut Statistischem Bundesamt arbeiten nur 28 Prozent der Teilzeit-Beschäftigten aus eigenem Wunsch weniger. Gerade viele Mütter würden nach eigenen Angaben gern länger arbeiten. Jede siebzehnte Teilzeitkraft wollte demnach 2024 Vollzeit arbeiten. Viele fanden keine Vollzeitstelle, vor allem junge und ältere Beschäftigte. Früher waren es aber noch mehr.

Die Hälfte der Teilzeitbeschäftigten gibt demnach an, Teilzeit arbeiten zu wollen, oder hatte andere persönliche Gründe. 33 Prozent der Frauen nannten familiäre Pflichten, unter den Männern waren es neun. „Insbesondere mit Blick auf die Betreuung von Kindern und Angehörigen, ist davon auszugehen, dass Veränderungen bei Angeboten für Kinderbetreuung und Pflege die Wünsche nach Vollzeit- oder Teilzeitarbeit beeinflussen“, so das Statistische Bundesamt. Die CDU-MIT will den Rechtsanspruch auf Teilzeit künftig nur noch bei „besonderen Gründen“ wie Kindererziehung, Pflege von Angehörigen oder Weiterbildung gewähren.

Ein Nutzer kritisiert auf Facebook: „Dann soll die CSU doch mal dafür sorgen, dass sich Vollzeit lohnt.“ Er verweist darauf, dass bei einer Teilzeitarbeit mit staatlichen Hilfen oft fast das gleiche Einkommen herauskomme, wie bei einer Vollzeitstelle. Eine Frau unterstreicht mit ihrem Kommentar, dass insbesondere Mütter oft nicht freiwillig Teilzeit arbeiten: „Es wird einen Grund haben, warum man nur Teilzeit arbeiten kann! Kinder, um die man sich kümmert, oder auch gesundheitliche Gründe. Ich würde gern Vollzeit arbeiten, wenn ich nur könnte!“ Eine andere Person fragt: „Alleinerziehende? Wie sollen die Vollzeit arbeiten können?“ Eine Mutter fügt sarkastisch an: „Und auf die Kinder sowie auf die kranken Eltern passt dann Frau Reiche auf“.

Empörung in der Teilzeit-Debatte: Kritik von vielen Seiten, Bürgergeld-Empfänger mittendrin

„Vielleicht sollte man erst mal die Leute arbeiten schicken, die arbeiten könnten, aber keine Lust haben“, heißt es in einem anderen Kommentar. Auch Bürgergeldempfänger werden von den Kommentierenden in die Debatte mit hineingezogen. Aufgrund drastischer Unterschiede bei Mietpreisen ist in manchen Regionen der Abstand zwischen Bürgergeld und Lohn nur gering. Laut einer Studie haben Menschen aber durchschnittlich über 500 Euro mehr Netto durch Arbeiten als beim Bürgergeld. Eine fatale Bürgergeld-Bilanz sollte hier zu denken geben.

Aber nicht nur von Bürgern erhält der Vorschlag starke Kritik. Auch der Unternehmerverband hält die Debatte für falsch. Für andere steht fest: Der Vorschlag werfe eine notwendige Frage auf und verdiene weniger Empörung, dafür aber mehr ernsthafte Diskussion darüber, was ein Rechtsanspruch leisten soll. (Quellen: dpa, Statistisches Bundesamt, Facebook, rtl/ntv, Stern, eigene Recherche) (jh)