„Aus dem Nichts, ohne Vorwarnung und Anlass“ –Schäferhund beißt Joggerin und Havaneser

  1. Startseite
  2. Lokales
  3. Garmisch-Partenkirchen
  4. Garmisch-Partenkirchen

KommentareDrucken

Ein Schäferhund (Symbolbild) hat in Garmisch-Partenkirchen eine Joggerin und ihren kleinen Havaneser angegriffen. © dpa

Eine Garmisch-Partenkirchnerin und ihr kleiner Hund sind an der St. Martins Straße von einem Schäferhund angefallen worden. Wie sich herausstellt, war das Tier früher bei einer Security-Firma in Einsatz. Die angegriffene Frau ist fassungslos und appelliert: Das Tier gehört in sichere Hände.

Es passierte zur Mittagszeit. Am helllichten Tag. Eine Garmisch-Partenkirchnerin, die namentlich nicht genannt werden möchte, ging mit ihrer Hündin, einem kleinen Havaneser, an der St. Martin-Straße joggen. Sie war in Richtung Hammersbacher Fußweg unterwegs. Dann kam ihr eine Passantin entgegen, laut Beschreibung der Frau aus der Marktgemeinde war sie mittleren Alters, schmal und hatte einen Schäferhund dabei.

„Er wirkte unruhig und aggressiv“, erinnert sich die Garmisch-Partenkirchnerin. „Ich wollte schon die Straßenseite wechseln.“ Doch dazu kam sie nicht mehr. Der Schäferhund rannte „aus dem Nichts, ohne Vorwarnung und Anlass“ los. Das Tier stürzte, wie die Polizei bestätigte, auf die Joggerin und ihren Havaneser zu. Der Schäferhund griff Mensch und Tier brutal an. Früher war der Hund bei einer Sicherheitsfirma im Einsatz. Das bestätigte das Unternehmen auf Tagblatt-Nachfrage.

Schäferhund greift Joggerin und Havaneser an: Mehrere Wochen in der Tierklinik

Er biss der Frau in die Hand, sie fiel nach eigenen Angaben über die Bank am Straßenrand und wurde von dem Schäferhund „so stark gegen einen angrenzenden Gartenzaun geworfen, dass sogar Latten heraussprangen“. Ihr Havaneser wurde so schwer verletzt, dass er mehrere Wochen als Intensiv-Patient in der Tierklinik verbringen musste. „Die Bisse gingen bis in die Bauchhöhle, wodurch sich Abszesse im Bauchraum bildeten.“ Die Bakterien mussten über Tage ausgepumpt werden, es folgten sechs weitere Eingriffe unter Narkose. Die Behandlungskosten in Höhe von mehreren zehntausend Euro hat die Garmisch-Partenkirchnerin zuerst mal selbst zahlen müssen. Erstattet worden ist ihr bisher kein Cent, sagt sie. Und nicht nur körperlich, sondern auch psychisch hat der schwere Hundeangriff Wunden hinterlassen.

„Ich leide nach wie vor an Schlafstörungen und Angstzuständen und bin bis dato in therapeutischer Behandlung“, sagt die Garmisch-Partenkirchnerin. Sie bekam einen Schock. Auch die Halterin des Schäferhundes war nach dem Unfall „bestürzt“, erklärt Paul Klette, Sprecher der Polizei Garmisch-Partenkirchen. „Sie hat sich sehr einsichtig und kooperativ gezeigt.“ Die Frau verpflichtete sich, seitdem den Hund stets mit Leine und Maulkorb zu führen. Das Sicherheits-Unternehmen erklärt, die Frau war die Lebensgefährtin des Hundeführers, der sich in der Firma um das Tier gekümmert hat. Nachdem der Mann verstorben war, übernahm die Partnerin den Vierbeiner.

Nach Hundeangriff: Garmisch-Partenkirchnerin ist fassungslos, dass das Tier erstmal bei der Halterin bleiben darf

Die angegriffene Joggerin ist fassungslos, dass das Tier erstmal bei der Halterin bleiben darf. „Sie ist nicht in der Lage, einen solchen Hund zu führen“, sagt sie. „Ein Security-Hund ist kein Schmusehund, er braucht eine Person, die ihn im Notfall festhalten kann.“ Die Sicherheitsfirma betont, der Hund sei als Spürhund eingesetzt worden, sei nie darauf trainiert worden, Menschen anzugreifen. Doch der Fall zeigt, dass bei dem Tier durchaus Aggressionspotenzial vorhanden ist. Für Spürhunde im Sicherheitsbereich wird bei den Tieren, ein „sehr guter Spiel- und Beutetrieb“ vorausgesetzt, heißt es auf Internetseiten von Hundeschulen.

Als Hundebesitzer muss man sein Tier in Griff haben, findet Tessy Lödermann, Erste Vorsitzende des Tierschutzvereins Garmisch-Partenkirchen. „Dessen muss man sich bewusst sein, wenn man sich einen Hund anschafft.“ Ein Tierhalter trage nicht nur Verantwortung für seinen eigenen Vierbeiner, „sondern auch für seine Umwelt“. Wer seinen Freund frei laufend nicht unter Kontrolle hat, „muss zu technischen Hilfsmitteln wie Leine oder Maulkorb greifen“, sagt Lödermann.

Bei einem Hund, der für eine Sicherheitsfirma im Einsatz ist, ist im Alltag besonders Vorsicht geboten. Als Halter müsse man seinen Vierbeiner genau kennen und wissen, auf welche Faktoren – Gerüche, ein bestimmtes Kleidungsstück oder die Körpersprache eines anderen Menschen – er aggressiv reagieren kann. „Es ist bedauerlich, dass es zu diesem Angriff gekommen ist“, stellt die Tierschützerin klar. Sie unterstreicht aber auch: So wie sich dieser Schäferhund verhalten hat, ist das für seine Rasse nicht üblich. Der Schäferhund war stets ein „Hütehund“, häufig bei Rettungsorganisationen, bei der Bergwacht oder bei der Polizei eingesetzt, und ist in der Regel „ein großer Helfer und Freund des Menschen“.

Schäferhund greift Joggerin an: Ordnungsamt Garmisch-Partenkirchnerin prüft sicherheitsrechtliche Maßnahmen

Doch Lödermann appelliert: Egal, wie sanftmütig ein Hund wirken mag: Man sollte sich ihn vor dem Kauf immer genau anzuschauen – und nicht ungesehen übers Internet kaufen. Die Tierheime in Bayern beraten Interessenten, schließen einen Kaufvertrag erst dann ab, wenn der Hund auf Probe bei der potenziellen künftigen Familie gewohnt hat. „Damit wir sehen können, ob Mensch und Tier auch wirklich zueinander passen“, erklärt die Leiterin des Tierheims Garmisch-Partenkirchen. Jede Woche würden Menschen bei ihr anrufen, die beklagen, „dass ihr Hund doch nicht so ist, wie sie ihn sich vorgestellt haben“, berichtet Lödermann. „Dann sollen wir das Tier nehmen.“

Die Attacke des Schäferhundes hat die Polizei aufgenommen. Die angegriffene Joggerin hat ihren Anwalt eingeschaltet, es steht eine Zivilklage wegen Körperverletzung und auf Erstattung der Behandlungskosten im Raum. Das Ordnungsamt Garmisch-Partenkirchen hat ein Verwaltungsverfahren eröffnet, erklärt Rathaussprecherin Silvia Käufer-Schropp. „Jetzt wird unter Anhörung aller Beteiligten geprüft, welche sicherheitsrechtlichen Maßnahmen gegenüber dem Hundebesitzer verhältnismäßig und anzuordnen sind.“ Käufer-Schropp bittet um Verständnis, „dass wir während des laufenden Verfahrens keine weiteren Auskünfte zu dem Fall geben können“.

Auch interessant

Kommentare