Laut Donald Trump gefährdet China auf Grönland die Sicherheit der USA. Ein Experte sagt: Trump sollte lieber eine andere Arktis-Region ins Visier nehmen. Eine Analyse.
Hilfst du mir, helf ich dir: Mit diesem Ansatz versuchte es Chinas Außenminister Wang Yi im Mai bei einem Treffen mit seinem dänischen Amtskollegen Lars Løkke Rasmussen. „Die chinesische Seite respektiert in der Frage Grönlands uneingeschränkt die Souveränität und territoriale Integrität Dänemarks“, sagte Wang im Mai in Peking. Und schob gleich hinterher, er hoffe, „dass Dänemark weiterhin die legitime Position Chinas in Fragen seiner Souveränität und territorialen Integrität unterstützt“. Soll heißen: dass Dänemark sich im Konflikt um Taiwan, das Peking als abtrünnige Provinz betrachtet, auf die Seite Chinas stellt. So wie Grönland ein Teil Dänemarks ist, ist Taiwan ein Teil Chinas, lautet Pekings Botschaft in Richtung Kopenhagen.
Dass Grönland völkerrechtlich zu Dänemark gehört, Taiwan hingegen ein souveräner Staat ist, ignoriert Peking dabei geflissentlich. Angesichts von Donald Trumps Drohungen, Grönland unter Kontrolle der USA zu stellen und damit Dänemark zu entreißen, gibt sich Peking in diesen Tagen allerdings nur zu gerne als Advokat einer regelbasierten Weltordnung. „China vertritt stets die Auffassung, dass die Beziehungen zwischen Staaten im Einklang mit den Zielen und Grundsätzen der Charta der Vereinten Nationen gestaltet werden sollten“, hieß es vor einigen Tagen aus dem Außenministerium zu Trumps Grönland-Drohungen.
„Chinas Aktivitäten auf Grönland sind sehr begrenzt“
Peking tut das auch, weil Trump seine Ansprüche auf Grönland immer wieder damit begründet, China baue seinen Einfluss in der Arktis aus – und bedrohe damit die Sicherheit der USA. Sollten die USA nicht bald Grönland kontrollieren, wären dort „überall chinesische Zerstörer und U-Boote“ unterwegs, behauptet Trump. Eine Sichtweise, die Peking freilich empört zurückweist. „Chinas Aktivitäten in der Arktis zielen darauf ab, den Frieden, die Stabilität und die nachhaltige Entwicklung der Region zu fördern“, sagte am Montag eine Außenamtssprecherin. „Sie stehen im Einklang mit dem Völkerrecht.“
China bezeichnet sich selbst als „arktisnahen Staat“, obwohl die nördlichste Stadt der Volksrepublik etwa auf derselben geografischen Breite liegt wie Hamburg. „Geografisch gesehen“ sei China dennoch „einer der Kontinentalstaaten, die dem Polarkreis am nächsten liegen“, behauptet Peking in einem Regierungspapier zur chinesischen Arktis-Strategie aus dem Jahr 2018. Staats- und Parteichef Xi Jinping hat das Ziel ausgerufen, China bis 2030 zur „polaren Großmacht“ zu machen.
So weit das Selbstverständnis. Die Realität sei eine andere, sagt Tobias Etzold, Politologe und ausgewiesener Nordeuropa- und Arktiskenner. „Chinas Aktivitäten in der westlichen Arktisregion sowie auf Grönland sind sehr begrenzt. Ab und zu tauchen vielleicht ein paar Schiffe auf, mehr ist es nicht“, sagte Etzold dem Münchner Merkur von Ippen.Media.
Chinas arktische Ambitionen sind nicht neu, seit Ende der Neunziger zeigt Peking in der Region mit dem Eisbrecher „Xue Long“ („Schneedrache“) Präsenz, 2003 eröffnete Peking auf Spitzbergen eine Forschungsstation. Laut Etzold ist China allerdings „vor allem im russischen Arktisgebiet aktiv“ – und nicht auf Grönland.
Moskau hatte lange Zeit versucht, Peking in der Region auf Abstand zu halten, den Widerstand aber mit Beginn der Vollinvasion der Ukraine weitgehend aufgegeben. „Die Russen haben Probleme, ihre eigenen Rohstoffe zu fördern, es fehlt an Technologie und Investitionen aus dem Westen seit dem Beginn des Ukraine-Kriegs. Deshalb ist Russland aktuell auf China angewiesen“, sagt Etzold. So kann Peking beispielsweise russische Häfen in der Region nutzen. Beide Länder treiben zudem den Schiffsverkehr von China nach Europa entlang der russischen Nordküste voran. Die Route, die aufgrund des Klimawandels immer öfter eisfrei und befahrbar ist, verkürzt die Reisedauer von chinesischen Schiffen nach Europa um etwa die Hälfte. An Grönland führt sie allerdings nicht vorbei.
China interessiert sich auf Grönland für seltene Erden
Im Arktischen Rat, dem acht Anrainerstaaten angehören, will sich China derweil mit russischer Hilfe mehr Einfluss sichern. „China hat als Beobachter im Arktischen Rat ein Rede- und Vorschlagsrecht, aber kein Stimmrecht, was sein Handeln in der Arktis einschränkt. Die maritime Zusammenarbeit zwischen China und Russland hat diese Situation verändert“, analysierte 2024 der chinesische Marineexperte Yang Zhen von der Shanghai University of Political Science and Law.
Wer Chinas Arktis-Strategie liest, bekommt den Eindruck, Peking gehe es in der Region vor allem um Forschung. „Um die Arktis besser zu verstehen, wird China seine Kapazitäten und Fähigkeiten in der wissenschaftlichen Forschung über die Arktis verbessern“, heißt es dort etwa. Peking geht es allerdings auch um Rohstoffe, die auf Grönland vermutet und mit fortschreitender Erderwärmung in Zukunft leichter ausgebeutet werden könnten.
Bislang hat Peking dabei jedoch kaum Erfolge vorzuweisen. Ein Projekt mit chinesischer Beteiligung in der Region Kvanefjeld im Süden Grönlands, wo sich große Mengen kritischer seltener Erden befinden, wurde 2021 wegen Umweltbedenken gestoppt. Ein weiteres Vorkommen, an dem Peking Interesse gezeigt hat, wurde 2024 nach Druck der USA nicht an China vergeben.
Neben dem russischen Arktisgebiet sei China vor allem in der Beringstraße aktiv, also in der Nähe Alaskas, sagt Experte Etzold. „Immer wieder führt China dort Seenot-Übungen durch und ist auch mit militärischen Übungen aktiv.“ So näherten sich etwa im Juli 2024 bei einem gemeinsamen Manöver zwei chinesische und zwei russische Kampfbomber vor Alaska der US-Küste. Washington habe diese Bedrohung lange vernachlässigt, sagt Etzold. „Dort könnte es viel eher zu Spannungen kommen als auf Grönland“, mahnt er. (Quellen: Tobias Etzold, chinesische Regierung, chinesisches Außenministerium, Stiftung Wissenschaft und Politik, AFP, Center for Strategic and International Studies, Institut für Seltene Erden und Metalle)