Agnes Berger aus Pullach blickt auf ein sehr bewegtes Leben zurück. Heute feiert sie ihren 100. Geburtstag und sagt: „Im Grund sag‘ ich, geht es mir gut.“
Pullach - Als Agnes Berger geboren wurde, war der Erste Weltkrieg gerade mal seit sechs Jahren vorbei. Sie war acht, als Hitler an die Macht kam. Und mit 21 konnte sie dann endlich mal daran denken, sich ein eigenes Leben in Frieden aufzubauen. Am heutigen Freitag wird die Wahl-Pullacherin 100 Jahre alt. Sie feiert bei einer Schifffahrt auf dem Ammersee, mit Familie und Freunden.
„Im Grund sag ich: Mir geht es gut“, erzählt sie, als man sie kurz vor dem Geburtstag besucht bei sich zuhause. Auf dem Tisch liegt Papier, dort liegen auch ihre Medikamente. Sie kocht sich immer noch selbst, aber sie muss sich während des Kochens immer mal wieder hinlegen. Sie sagt auch: „Manchmal kann ich einfach nicht mehr.“ Agnes Berger ist eine freundliche Frau voller Humor, sie sagt: „Ich wünsche jedem, dass es ihm gut geht.“
Aufgewachsen ist sie in Backnang bei Stuttgart, die Eltern hatten ein Lebensmittelgeschäft. Der Vater machte Zitronensprudel selbst, die anderen Kinder beneideten sie darum. Aber sie mochte das Limo gar nicht so gern.
Sie wurde Sprechstundenhelferin bei einem Arzt, sie sagte, sie machte gar keine geregelte Ausbildung, „ich wurde angelernt“. Aber was sie machte, machte sie mit Herzblut, „ich ging völlig auf in dem Beruf“. Sie gab den Patienten Spritzen, sie war bei Narkosen dabei, bei Geburten, sie erlebte auch, wie Leute starben. Sie arbeitete 80 Stunden die Woche, abends fuhr sie mit zu Krankenbesuchen, und auch die Abrechnungen hat sie gemacht. Sie wäre selbst gern Ärztin geworden, aber die Zeiten waren nicht danach, dass sie die Möglichkeit dafür bekam.
Tragische Familienschicksale
Agnes Berger war zweimal verheiratet, das erste Mal sehr glücklich, aber ihr Mann starb nach zwei Jahren Ehe. Mit dem zweiten Mann hatte sie es weniger gut getroffen, er sei, sagt sie, unberechenbar gewesen, nachdem auch er tot war, stellte sich heraus, dass er Metastasen im Gehirn gehabt hatte. Mit ihm hat sie ein Mädchen adoptiert, das sie liebte wie ein eigenes Kind. Auch die Tochter starb relativ früh, sie war Epileptikerin und wurde nur 28 Jahre alt. Agnes Berger sagt: „Ich hab viel mitgemacht.“
Ich habe keine Angst vor dem Tod, nur vor Siechtum.
Sie trägt einen pinken Pullover, sie ist noch immer eine schöne Frau. Die viel jünger aussieht als sie ist. Beim Reden schließt sie oft die Augen. Sie hat immer gern gelesen, sie liest noch immer, jetzt eben mit Lupe. Sie hat viele kunstvolle Scherenschnitte gemacht, sie hat getöpfert, „ich bin vielseitig begabt“, meint sie und lächelt fast verschmitzt.
Meine news
Reisen nach China und in die Antarktis
Mit 70 fing sie an, Reisen zu machen, sie machte Kreuzfahrten, sie war in China, in den USA, in der Antarktis, „von den Jahren zehre ich noch“. Sie hatte mal an einer Bahnschranke einen Mann getroffen, der hatte ihr geraten: „Reisen Sie, soviel Sie können.“ Das machte sie dann auch. Agnes Berger hat sich immer gesund ernährt: viel Gemüse, wenig Fleisch.
Keine Angst vor dem Tod
Vor dem Tod hat sie keine Angst, sagt sie, nur „vor Siechtum“. Aber erstmal feiert sie heute ihren Geburtstag – wenigstens auf halbhoher See. Auf dem Schiff wird es ein herzhaftes Buffet geben und nichts Süßes. Auch wenn sie selbst früher „mit Wonne“, wie sie munter erzählt, die besten Kirschkuchen gebacken hat.