Rente unter Druck: Finnlands radikale Lösung für Deutschlands Probleme

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Die deutsche Rente ist unter Druck. Ein Blick nach Finnland zeigt, was Deutschland drohen kann – und wie mögliche Reformen aussehen können. Rente mit 69 inklusive.

Helsinki/Berlin – Nötige Investitionen in Verteidigung, hohe Schulden, hohe Sozialausgaben: Die Situation von Finnland und Deutschland ist angesichts des russischen Angriffs auf die Ukraine, wirtschaftlichen Umbrüchen und der Alterung der Gesellschaft und damit steigenden Sozialleistungen sehr ähnlich. Gerade bei der Rente ist das skandinavische Land Deutschland voraus – und ermöglicht damit einen Blick auf eine mögliche Entwicklung hierzulande.

Rente als Treiber der Sozialausgaben: Finnland mit hoher Schuldenlast konfrontiert

Finnland hat über die vergangenen Jahre die Schuldenlast von ehemals 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf über 80 Prozent fast verdoppelt. 2025 kommen allein mehr als 13 Milliarden Euro neue Schulden hinzu, wie die Welt berichtete. Matthias Strifler, Ökonom beim finnischen Stabilitätsrat VTV, befürchtet demnach eine Schuldenquote von über 90 Prozent in den kommenden Jahren, „wenn die Regierung nichts unternimmt“.

Friedrich Merz und Finnlands Ministerpräsident Petteri Orpo geben beim Besuch des Bundeskanzlers in Finnland eine Pressekonferenz.
Hört Bundeskanzler Friedrich Merz dem finnischen Ministerpräsidenten Petteri Orpo zu? Finnland hat einige Renten-Reformen angestoßen, die auch in Deutschland kommen könnten. © Kay Nietfeld/dpa

Die Rente und die Gesundheitsversorgung seien die am stärksten wachsenden Haushaltsposten, die Sozialausgaben damit Treiber der Verschuldung, heißt es in der Welt. Dabei ist – wie in vielen anderen westlichen Ländern auch – die demografische Entwicklung ein Grundproblem. „Finnland ist eines der am schnellsten alternde Länder in Europa“, sagte Minna van Gerven, Professorin für Sozialpolitik an der Universität in Helsinki, der Zeitung. „Schon heute gehört Finnland zu den Industrieländern, die am meisten für Soziales ausgeben und in den kommenden zehn, zwanzig Jahren werden gewaltige Kosten auf das Gesundheits- und Sozialsystem zukommen.“

Alterung der Gesellschaft belastet bereits Finnland – auch deutsche Rente stärker unter Druck

„Der starke Anstieg der Ausgaben für Renten und Gesundheitsversorgung wird mit gewisser Verzögerung auch auf viele andere europäische Länder zukommen, in denen die Geburtenraten niedrig sind“, sagt Strifler der Welt. Das betreffe auch Deutschland. „Die deutsche Sozialversicherung steht vor sehr großen Herausforderungen.“

Die Rücklagen der Deutschen Rentenversicherungen gehen schon jetzt immer stärker zurück. Diese muss immer mehr Rentnern Leistungen auszahlen, während im Verhältnis weniger Erwerbstätige Beiträge zahlen. Die Finanzrücklage der DRV könnte dann laut einer Schätzung 2027 auf die Mindestrücklage von 0,2 Monatsausgaben zurückgehen. Im Herbst 2027 könnte sie damit „vorübergehend nicht in der Lage sein, aus eigenen Mitteln die Rente zu zahlen“, hatte DRV-Vorstand Alexander Gunkel Ende 2024 gewarnt.

Der Bund könnte damit stärker in die Verantwortung gezogen werden – dabei machen die Rentenzuschüsse mit über 134 Milliarden Euro bereits den größten Haushaltsposten aus. Und auch Arbeitnehmer und Arbeitgeber müssen höhere Rentenbeiträge zahlen.

Fachleute mahnen dringende Reformen der gesetzlichen Rente an – Regierung zögert

Ökonomen mahnen schon länger den dringenden Reformbedarf bei der Rente an. Der Sachverständigenrat für die wirtschaftliche Entwicklung, umgangssprachlich die Wirtschaftsweisen, hatten bereits 2023 im Jahresgutachten mehrere Maßnahmen zur Stabilisierung der Rente vorgeschlagen. Im Fokus ist dabei das Renteneintrittsalter. Es solle an die Lebenserwartung gekoppelt werden. Dazu sollte die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren, die umgangssprachliche „Rente mit 63“, abgeschafft und ein früherer Ruhestand als zur Regelaltersgrenze mit höheren Abschlägen bedacht werden.

Die Bundesregierung von Kanzler Friedrich Merz (CDU) hält jedoch an der bisherigen Regelaltersgrenze von 67 Jahren fest. Auch der frühere, abschlagsfreie Ruhestand nach 45 Beitragsjahren ist damit weiterhin möglich. „Statt einer weiteren Erhöhung des gesetzlichen Renteneintrittsalters wollen wir mehr Flexibilität beim Übergang vom Beruf in die Rente“, erklären Union und SPD im Koalitionsvertrag. Stattdessen setzen sie auf Freiwilligkeit und Anreize zu arbeiten, wie etwa über die Aktivrente, die Rentnern ermöglicht, bis zu 2000 Euro im Monat steuerfrei dazuverdienen zu können. Weitere Maßnahmen soll eine Kommission beraten.

Pläne der Merz-Regierung zur Rente belastet Bundeshaushalt zusätzlich

Dazu belasten Pläne wie die Stabilisierung des Rentenniveaus bei 48 Prozent bis 2031 sowie die Ausweitung der Mütterrente den Bundeshaushalt zusätzlich. Denn die Kosten der Maßnahmen sollen aus dem Bundeshaushalt gezahlt werden.

„Die Bundesregierung nutzt die zusätzlichen Spielräume, um den Anstieg der Sozialausgaben nicht eindämmen zu müssen“, hatte die Wirtschaftsweise Veronika Grimm mit Blick auf die Sondervermögen in der Bild kritisiert. Die Ökonomin plädiert für eine Verschlankung des Sozialstaats, im Bereich der Rente etwa auch für ein Ende der „Rente mit 63“.

Finnland als Vorbild für deutsche Renten-Reform: Regelaltersgrenze an Lebenserwartung gekoppelt

Zurück nach Finnland: Die Skandinavier sind bei den Kürzungen der Sozialausgaben, gerade auch bei der Rente, ein mögliches Vorbild. Die Regierungen dort haben bereits Reformen durchgesetzt. Seit 2017 ist laut Welt das gesetzliche Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung geknüpft, wie es die Wirtschaftsweisen und auch die OECD empfehlen. Wer im Jahr 2000 geboren wurde, kann nach derzeitigen Regeln etwa im Mai 2069 in Rente gehen.

Dazu wurde auch die Frühverrentung deutlich erschwert. Zudem sollen ab 2027 Anteile aus dem staatlichen Pensionsfonds verkauft werden. Die Maßnahme soll darauf abzielen, die Bruttoverschuldung rechnerisch zu drücken, wie die Welt schreibt. Doch die Maßnahme ist deshalb umstritten. Ökonom Strifler kritisierte die Maßnahme als „Trickserei“, denn: „Diese Maßnahme verbessert nicht die Schuldentragfähigkeit, sondern ist nur ein Verschiebebahnhof.“

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