„Etwas Wunderbares“: Michael Eibl verfilmt Fluchtgeschichte seiner Großmutter

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Eine Reise in die Vergangenheit: Christl Eibl erzählt in „30 Kilo Heimat“ von schönen und schweren Erlebnissen aus ihrer Kindheit. © ar

Im Kleinen Theater Haar präsentierten Michael und Christl Eibl ihren Film "30 Kilo Heimat" über Vertreibung und Erinnerungen.

Wie die Geschichte seiner Großmutter sein eigenes Leben betrifft, war Michael Eibl (18) aus Haar lange nicht klar. Mit zwölf Jahren hörte er zum ersten Mal davon, dass seine Großmutter Christl Eibl (geborene Czech, 85) als Kind aus ihrer Heimat im heutigen Tschechien vertrieben wurde. Dem Enkel kam die Idee: Er möchte die Fluchtgeschichte seiner sudetendeutschen Großmutter als Film festhalten. Und das tat er: Es entstand der Film „30 Kilo Heimat“, der nun im Kleinen Theater Haar gezeigt wurde. Oma und Enkel berichteten dabei von seiner Entstehung.

Erst habe Christl Eibl gedacht, das sei ein Hirngespinst. Als ihr filmbegeisterter Enkel sie ein paar Jahre später wieder danach fragte, war die Großmutter einverstanden: „Wenn er das wirklich will, dann soll er das machen.“ Dreimal reisten Michael und Christl Eibl mit einem Team aus Freunden und Verwandten in die alte Heimat der Großmutter, die 1940 in Heiligenkreuz geboren wurde. Die Gemeinde ist ungefähr neun Kilometer von der Grenze zu Deutschland entfernt.

Emotionale Fahrt zum Elternhaus

Besonders emotional war für Christl Eibl die Fahrt zum Elternhaus in Heiligenkreuz. „Als ich es gesehen habe, wo wir gewohnt haben, da sind mir die Tränen gekommen“, sagt die Großmutter. Sie hatte die Befürchtung, dass die heutigen Bewohner sie nicht hineinlassen. Aber sie hatte Glück: Die Frau, die jetzt in dem rosa Haus wohnt, führte Christa Eibl durch die Räume, umarmte sie und schenkte ihr ein Glas Marmelade mit Birnen aus dem Garten. „Oh, Kindheit“, sagte Christa Eibl, als sie zwei Zimmer aus ihrer Kindheit 79 Jahre später wiedererkannte. Der Ort ruft Erinnerungen hervor: Wie sie im Kleinkindalter am Fenster saß und die Blüten von den Geranien zupfte.

„Sie haben den Faden zu Ende gesponnen, indem sie zurückkamen. Auch für die Frau, die jetzt dort wohnt, ist etwas zu Ende gekommen, indem jemand vorbeigeschaut hat“, sagt Heike Gattnar. Die Körperpsychotherapeutin aus München ordnete nach der Filmvorführung in einer Gesprächsrunde einige Erfahrungen aus dem Filmprojekt ein. „Mit dem Film ist etwas Wunderbares gelungen: Etliche Dinge sind zu einem Ende gekommen – für alle Generationen“, sagt Gattnar. Ein Besuch der Kindheitsorte wurde für Heimatvertriebene erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs möglich und nicht alle Familien sprachen offen über Vertreibung und Flucht.

Michael Eibls ehemaliger Mittelschullehrer Peter Schießl ,Michael Eibl, Christl Eibl, Trauma-Expertin Heike Gattnar, Vorstand der Volkshochschule Haar Gabriele Müller, Leiterin der Volkshochschule Haar Lourdes María Ros de Andrés
Film ab im Kleinen Theater: der junge Filmemacher Michael Eibl (2.v.l.) mit seinem ehemaligen Mittelschullehrer Peter Schießl, seiner Oma Christl Eibl, Trauma-Expertin Heike Gattnar, VHS-Vorsitzende Gabriele Müller und VHS-Leitering Lourdes María Ros de Andrés (v.l.). © Anna Ratzinger

Eine Gelegenheit, ins Gespräch zu kommen, ist das jährliche Anna-Fest der Vertriebenen aus dem Sudentenland Heimatkreis Plan-Weseritz in Mähring an der tschechischen Grenze. „Die Sankt Anna Kirche ist für mich Sehnsuchtsort, Zufluchtsort, ein Ort der Stille, des Zusammenkommens und der Treffen“, sagt Franz Schöner, Bürgermeister in Mähring, im Film. Christl Eibl steigt auf den Kirchturm und wirft einen Blick durch die großen Panoramafenster auf die ehemaligen Heimatdörfer der Vertriebenen. „Eines Tages hat es geheißen, die Deutschen müssen Radios und Instrumente abgeben“, erinnert sich Christl Eibl in einer Interviewszene, hinterlegt mit Zitherklängen. Ihre Mutter spielte Zither und die kleine Christl war dabei, als sie das Instrument im Gemeindehaus abgeben mussten.

Im Frühjahr 1946 klopfte es bei der Familie an der Tür und aus der vagen Ahnung davon, dass sie fort müssen, wurde Gewissheit. „Es hat geheißen, in drei Stunden müssen wir fertig sein am Dorfplatz“, sagt Christl Eibl. Nur 30 Kilo Gepäck, die namensgebend für den Film sind, durften sie mitnehmen. „Da kannst du dir denken, was das für eine Aufregung war. Was nimmst du mit, was lässt du da?“, erinnert sich Christl Eibl. Sie entschied sich für Kleidung, Bettzeug, etwas Geschirr und ihre Puppe mit echten Haaren und Schlafaugen, die sie zu Weihnachten bekommen hatte. In stickigen Holzwaggons wurden Christl Eibl und die anderen Vertriebenen weggebracht. „Als Kind war das ein Abenteuer: Zug fahren, mit dem Lastwagen fahren.“ Für die heute 85-Jährige endete die Flucht im Landkreis Erding.

Trauma überträgt sich über Generationen

„Trauma ist die Folge von überwältigenden Erfahrungen, die das Nervensystem in dem Moment nicht angemessen verarbeiten kann“, sagt Gattnar, die sich mit dem Thema transgenerationales Trauma auseinandersetzt. Dieses Offengebliebene, das sei das Trauma. „Manchmal überträgt es sich auch auf die nächsten Generationen“, sagt die Trauma-Expertin. Vielleicht ist das unbewusst der Grund, weshalb Enkel Michael das Bedürfnis hatte, den Film zu drehen, und warum die Geschichte der Flucht die Besucher berührt. „Vorher hätte ich nicht gedacht, dass die Geschichte so tiefgreifend wird“, sagt Michael Eibl, der am SAE Institute in München Film-Produktion studiert. Jetzt plane er, „30 Kilo Heimat“ Schulen und Kinos in und um München anzubieten.

Anna Ratzinger

Информация на этой странице взята из источника: https://www.merkur.de/lokales/muenchen-lk/haar-ort104496/michael-eibl-verfilmt-fluchtgeschichte-seiner-grossmutter-94030598.html