Im Landkreis München unterstützt Team der Psychosozialen Notfallversorgung für Einsatzkräfte seit zehn Jahren ehrenamtlich Einsatzkräfte nach belastenden Situationen.
Blaulicht kreist vor den Augen, Funksprüche sind zu hören, der Geruch von Benzin hängt in der Luft. Feuerwehrzüge und Sanitäter sind schon da, um Verletzte zu versorgen. Einsatzkräfte erfahren solche Situationen ständig, und oft belasten sie sie schwer. Erst wenn der Stress nachlässt, beginnen die Gedanken zu kreisen. Genau in diesem Moment kommt Benedikt Knoche ins Spiel.
Der 35-jährige Neubiberger ist Fachberater für Psychosoziale Notfallversorgung für Einsatzkräfte (PSNV-E) im Landkreis München. Er ist Notfallsanitäter, Sozialpädagoge und Psychotraumatologe, außerdem Zugführer der Feuerwehr Neubiberg. Seit fünf Jahren leitet er das Peer-Team, das Feuerwehrleute nach belastenden Einsätzen betreut.
Seit zehn Jahren gibt es die PSNV-E im Landkreis. Am 21. November wird das Jubiläum im Rahmen des Jahresempfangs des Kreisfeuerwehrverbands gefeiert. Das ehrenamtliche Team besteht aus vier psychosozialen Fachkräften und derzeit 18 ehrenamtlichen Feuerwehrkräften. Alle sind mindestens 25 Jahre alt, erfahren im Einsatz und über den Landkreis verteilt. Alarmiert wird jeweils der diensthabende Fachberater. Er spricht mit dem Einsatzleiter, schätzt die Lage ein und entscheidet, welche Maßnahme notwendig ist – von der Einordnung an der Unfallstelle bis zur ausführlichen Nachbesprechung in der Feuerwehr.
Knoche weiß, welche Einsätze besonders traumatisch sein können, zum Beispiel, wenn Kinder involviert sind. Aber im Landkreis kommt noch etwas dazu: „Wir haben ausschließlich Freiwillige Feuerwehren. Wer ausrückt, kennt häufig die Menschen, denen geholfen werden soll.“ So wird die Schutzkleidung, die mechanisch schützen soll, auch zur psychischen Barriere – und die fällt, sobald der Feuerwehrmann oder die Feuerwehrfrau jemanden erkennt. „Dann wird aus der Rolle wieder ein Mensch.“
Es muss nicht der Verkehrsunfall mit fünf Toten sein. Manchmal ist es die Wohnungsöffnung, hinter deren Tür jemand liegt, den man kennt.
Deshalb, sagt Knoche, müsse die PSNV-E dort ansetzen, wo es gar nicht um spektakuläre Einsätze geht. „Es muss nicht der Verkehrsunfall mit fünf Toten sein. Manchmal ist es die Wohnungsöffnung, hinter deren Tür jemand liegt, den man kennt.“ Ein junger Drehleitermaschinist etwa habe einen 21-jährigen Patienten geborgen – und danach begonnen, über die eigene Vergänglichkeit nachzudenken. Ein Gespräch habe geholfen, ihn zu stabilisieren.
Der Kommandant der Feuerwehr Ottobrunn, Eduard Klas, erinnert sich noch an jenen Einsatz auf der A99 am 17. Juli 2024 als „einen der schlimmsten überhaupt“. Eine Familie war auf der A99 verunglückt, ein Kind musste auf der Fahrbahn reanimiert werden. Aber vergeblich. Noch im Vorfeld forderte er das PSNV-Team an. Die erschütternden Bilder gehen schwer aus dem Kopf. Als die Verletzten abtransportiert waren, bildeten die Einsatzkräfte mit Rettungsdienst, Polizei und Notärzten noch am Unfallort einen Kreis und beteten das Vaterunser.
Später traf sich die gesamte Mannschaft noch einmal – auch Notärzte, Rettungsdienst und Polizei. Man sprach über den Einsatz, aß gemeinsam Brotzeit, erlebte Gemeinschaft. „Wenn sich dann eine Führungskraft hinstellt und sagt, sie habe zwei Nächte schlecht geschlafen, ist das unglaublich heilsam.“
Was Benedikt Knoche häufig sieht: Wutausbrüche, gemischt mit Verzweiflung und zurückgedrängten Tränen. Einfach aus der Tatsache heraus, dass man nicht schnell helfen konnte, zu spät da war. Besonders schwer trifft es oft jene, die am Rand eines Einsatzes stehen – die Absperrung übernehmen, den Verkehr lenken oder einfach nur warten müssen. Sie hören die Funksprüche, spüren die Anspannung, sehen vielleicht einen kurzen Blick auf das Geschehen – und sind doch machtlos.
Das Ziel ist eine Prävention, die verhindert, dass Symptome sich verfestigen und nach und nach ein Eigenleben mit Folgeerscheinungen entwickeln. „Das, was die Feuerwehrleute erleben, ist nicht normal. Aber das, was ihr Körper danach tut, ist normal“, sagt Knoche. Schlaflosigkeit, Schweißausbrüche oder Herzrasen nach Einsätzen sind normale Stressreaktionen. „Gefährlich wird es erst, wenn man die Signale verdrängt.“
Strukturell aber, sagt Knoche, sei noch viel zu tun. Zwar schreibt das Bayerische Feuerwehrgesetz vor, dass jede Kommune für Nachsorge zuständig ist. Im großen Landkreis München sei das jedoch nur über ein gemeinsames Team sinnvoll. „Rechtlich ist das aber nicht eindeutig geregelt“, so Knoche. Offiziell leisten die Peers ihren Dienst für ihre Heimatwehren – was anonyme Hilfe erschwert. „Manche haben Angst, ihr Kommandant könnte davon erfahren, auch wenn dieser ganz bestimmt viel Verständnis aufbringen würde.“ Der Landkreis unterstütze das Team stark, doch die rechtliche Konstruktion hinke hinterher. „Mein Wunsch wäre, dass wir eine echte Landkreiseinheit werden, unabhängig davon, welcher Feuerwehr jemand angehört.“