Garmisch-Partenkirchens Millionen-Mäzen Günter Leifheit war hochrangiger SS-Offizier

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Einträchtig hängen die Porträts der beiden Stifter im Eingangsbereich des Leifheit-Zentrums: Günter und Ingeborg Leifheit. © CF

Historiker Stefan Holler überrascht die Marktgemeinde mit Gutachten über den Unternehmer – Bürgermeisterin Koch kündigt lückenlose Aufarbeitung an

Garmisch-Partenkirchen – Stefan Holler ist Historiker. Er lebt in München, stammt aber aus Nassau in Rheinland-Pfalz. Er ist der Mann, der den Markt Garmisch-Partenkirchen nun vor eine große Bewährungsprobe stellt. Denn in der Corona-Zeit hat er begonnen, einen der großen Mäzene der Gemeinde unter die Lupe zu nehmen: Günter Leifheit. Dabei stieß er auf Informationen, die den Namensgeber des Leifheit-Zentrums rund ums alte Finanzamt in einem schlechten Licht erscheinen lassen.

Der 2009 verstorbene Geschäftsmann war ein hoher Offizier bei der NSDAP, gehörte der Waffen-SS und der Leibstandarte Adolf Hitlers an. Ob er ein Kriegsverbrecher war, „lässt sich heute nicht mehr nachweisen“. Sein Weg führte ihn bis zum Zugführer des Panzerregiment I, das laut Holler vom September 1943 bis Mai 1944 an vielen Verbrechen beteiligt war. „Ein Mitwisser und Täter war er in jedem Fall“, sagt Holler, der sich über Jahre mit der Person Günther Leifheit beschäftigt hat (siehe Zusatzartikel).

Anfang Juli geht das Gutachten an Nassau und Garmisch-Partenkirchen raus

Anfang Juli schickte er seine Abhandlung ans Garmisch-Partenkirchner Rathaus, noch am selben Tag meldete sich Elisabeth Koch (CSU) bei ihm. Für die Bürgermeisterin steht fest: „Wir müssen das lückenlos aufklären.“ Der Gemeinderat wurde am Donnerstag in nicht öffentlicher Sitzung informiert und votierte mit 20:3 Stimmen dafür, dass Viktor Wohlmannstetter als Geschäftsführer der Longleif gGmbh beauftragt wird, die Arbeiten zu koordinieren. „Wie das zeitlich ablaufen wird, können wir heute nicht sagen“, stellt er klar.

Zunächst einmal sind die Verantwortlichen im Markt froh, dass Holler diesen sanften Weg der Aufarbeitung gewählt hat. „Er hätte es auch mit anderen Motiven versuchen können“, stellt Wohlmannstetter klar. Die 54 Seiten seines Gutachtens sind mit belegbaren Fakten und Quellen gespickt, „und wo es diese nicht gibt, ist das auch klar herausgestellt“. Holler selbst begann in der Corona-Zeit mit den Recherchen über Leifheit. Ihn verwunderte, warum die Veteranen der Hitlerschen Leibstandarte von 1958 bis 1968 in seiner Heimat Nassau stets ein Treffen abhielten. Mit mehr als 1000 Besuchern. „Anderswo waren sie überall nach zwei oder drei Jahren hinauskomplimentiert worden.“ Nicht so im kleinen Luftkurort. „Da bin ich auf Leifheit gestoßen.“

Material aus dem Bundesarchiv zeigte NS-Karriere von Leifheit schonungslos auf

Überrascht zeigte sich der Geschichtsexperte und Autor davon, wie viel Material im Bundesarchiv lagerte. „Da war eine ganze Akte zur Person. Das deutete schon darauf hin, dass er eine besondere Stellung hatte.“ Die Informationen offenbarten sehr klar, welche NS-Karriere Leifheit hingelegt hatte. Mehrere Jahre trug Holler das Material zusammen, ehe er seinen Bericht an die Stadt Nassau wie auch die Marktgemeinde schickte.

Zur Person Günter Leifheit: Licht und Schatten sehr nah beieinander

„Ich habe aus der Sache gelernt, dass dort, wo Licht ist, oft auch Schatten ist“, sagt Viktor Wohlmannstetter von Longleif heute, wenn er an die Person Günter Leifheit denkt. Jenen Mann, der gemeinsam mit seiner Frau Ingeborg aus deren Schweizer Stiftung der Marktgemeinde Garmisch-Partenkirchen 57 Millionen Euro vermachte, um Gutes für ältere Menschen und Pflegebedürftige zu tun.

Das Ehepaar hatte sich in Witten an der Ruhr in Nordrhein-Westfalen – Leifheits Heimat – kennengelernt und kam in den 1960er-Jahren ins Werdenfelser Land. Hier blieb es hängen – für eine gewisse Zeit zumindest mit einem Zweitwohnsitz. „Genau können wir das gar nicht sagen“, verrät Elisabeth Koch. Die Leifheits waren in der Marktgemeinde nicht registriert. „Sie waren damals schon Schweizer Bürger und hätten sonst wohl ihre steuerlichen Vorteile verloren“, munkelt die Bürgermeisterin. Bekannt ist: Das Paar hatte ein Haus an der Ehrwalder Straße im Ortsteil Garmisch, das steht laut Historiker Holler fest. Als die Firma Leifheit in Nassau 1974 komplett an einen US-Konzern verkauft wurde, gaben sie den Wohnsitz unter der Alpspitze auf. „Sie waren dann Privatiers in der Nähe von Lugano“, betonte Holler am Freitag beim Pressegespräch.

So viel zu den positiven Seiten. Günter Leifheit, geboren am 13. Dezember 1920, trat im Alter von elf Jahren bereits im Juli 1932, noch vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten, dem Deutschen Jungvolk bei. In acht Jahren bei der Hitlerjugend brachte er es bis zum Jungbannführer in Wuppertal, hatte damit 2500 bis 3000 Jugendliche unter sich. 1938 trat er, als es ihm als 18-Jähriger möglich war, sofort der NSDAP bei. Zwei Jahre später bewarb er sich als Freiwilliger für die Waffen-SS, wo er im Juni 1940 persönlich auf Hitler vereidigt wurde. „Er hat sich freiwillig und in vollem Bewusstsein in den Dienst der Waffen-SS gestellt“, schlussfolgert Holler.

Leifheit stieg schnell auf, kam in die SS-Leibstandarte Hitlers, avancierte bis 1944 zum Kompanieführer und später -chef und wurde vielfach ausgezeichnet. Im Rahmen der Fronteinsätze wurde Leifheit mehrfach verletzt, kehrte nach der Genesung aber immer wieder zur Waffen-SS zurück. Hollers Fazit: „Er hat eine mustergültige SS-Karriere hingelegt.“ Im Mai 1945 wurde er im Lazarett in Berchtesgaden von US-Truppen gefangen genommen. „Danach verliert sich in den Unterlagen die Spur.“

In den Quellen der Zeit nach dem Weltkrieg existieren laut Holler keine Hinweise, dass Leifheit ein Verfahren zur Entnazifizierung durchlaufen habe. „Es gibt auch keine Zweifel, dass er das NS-Regime weltanschaulich und ideologisch mitgetragen hat“, betonte Holler. „Er hat danach nie Stellung bezogen, wir wissen also nicht, ob er bereut hat.“

Fest steht: Leifheit war in seiner zweiten Heimat Nassau bei Koblenz eine „Lichtgestalt“, sagt der Historiker, „er war präsent, hat viel Gutes getan“. Nach ihm ist dort ein Gymnasium benannt, es gibt ein Kunsthaus, das Unternehmen, die Leifheit AG, sitzt dort heute noch. Zudem ist er Ehrenbürger, liegt dort auch begraben. „Wenn man so will, nahm Günter Leifheit eine Entwicklung vom Saulus zum Paulus – was anzuerkennen ist“, fasst Holler zusammen und fordert gleichzeitig eine voll umfassende und transparente Aufarbeitung. „Die Menschen müssen wissen, auf wen das alles zurückzuführen ist.“

Vom Umgang mit der Materie im Markt ist Holler sehr angetan. „Ich denke, die Gemeinde macht es ganz richtig und vorbildlich, dass sie die Sache aktiv angeht.“ Sein Ziel sei gewesen, den betroffenen Kommunen eine „Chance zu geben, vor der Welle zu schwimmen, die da kommen wird“. Die Beteiligten in Nassau seien bisher noch nicht so weit, wollen erst Anfang September die Köpfe zusammenstecken. „Wir sind gespannt, ob wir es schaffen, gemeinsam mit Nassau einen Weg zu gehen, oder ob wir einen eigenen beschreiten“, sagte Wohlmannstetter, der in Rheinland-Pfalz zögerliche Tendenzen ausmachte.

Wichtig war den Handelnden vor Ort, voll auf Transparenz zu setzen. „Wir nehmen die Öffentlichkeit mit“, verspricht Wohlmannstetter. Hollers Gutachten wird ab Montag im Internet zum Download zur Verfügung stehen – beim Markt und bei der Longleif gGmbH. In jedem Gemeinderat wird es künftig einen fixen Tagesordnungspunkt „Sachstand Leifheit“ geben – wenn möglich stets öffentlich.

Markt muss Gutachten bewerten lassen – Weitere Fragen stehen im Raum

Inhaltlich steht das Vorgehen in groben Zügen: „Wir müssen das vorliegende Gutachten natürlich bewerten lassen.“ Dies wird ein neutraler Wissenschaftler übernehmen. Darüber hinaus gibt es aus Gemeinde-Sicht weitergehende Fragen, die zu klären sind: Insbesondere geht es darum, woher die 57 Millionen Euro aus der Leifheit-Stiftung stammen? Es gilt in erster Linie die Rolle von Ingeborg Leifheit, der Ehefrau, zu betrachten. Nach dem bisherigen Kenntnisstand gehen die Beteiligten davon aus, dass sie einen Großteil des Geldes bereits mit in die Ehe brachte. Denn sie stammte aus dem renommierten Unternehmen W.F. Kaiser, das verkauft wurde, bevor die Leifheit AG gegründet wurde. „Günter Leifheits Eltern waren einfache Leute, da war kein Vermögen vorhanden“, versichert Holler. Und auch in der NS-Zeit habe er sich nicht bereichert.

Das erste Leifheit-Projekt: das Wohnzentrum gibt es seit zwei Jahren in Garmisch-Partenkirchen.
Das erste Leifheit-Projekt, das Wohnzentrum, gibt es seit zwei Jahren in Garmisch-Partenkirchen. © CF

Dass der Einsatz der Millionen anzuzweifeln ist, sieht der Historiker übrigens nicht als angebracht. Denn mit dem Leifheit-Vermächtnis wurde genau der Satzungszweck der Stiftung verfolgt, dieses Geld für ältere Menschen zu investieren. Das geschah in Garmisch-Partenkirchen. „Ich denke, das muss man auch schützen“, betont Holler. Was Koch in den Raum wirft, ist die Frage, ob der Komplex am Ende den Namen Leifheits behalten wird können? Eine Antwort gibt es zum jetzigen Zeitpunkt nicht.

Historiker volles Lobes für den Weg, den, Garmisch-Partenkirchen einschlägt

Sehr angetan waren die Bürgermeisterin und Wohlmannstetter am Donnerstag von der sachlichen Diskussion im Gemeinderat. „Das Thema wurde mit großem Ernst behandelt“, versichert Koch. „Und es war offenbar allen klar, dass dies eine parteiübergreifende Sache ist, dass es um den Ort geht.“ Nicht um die Suche nach einem Schuldigen. „Die Frage stellt sich nicht.“ Eine andere schwirrt ihr im Kopf umher, eine, die sicher vielen kommen wird: Hätte man die Leifheits 2016 durchleuchten müssen? „War das ein Versäumnis? Ich weiß es nicht. Damals wäre ich nicht darauf gekommen“, sagt sie ehrlich. Schließlich war Leifheit Ehrenbürger, erhielt 2006 gar den Verdienstorden des Landes Rheinland-Pfalz. Nun packt die Gemeinde das Thema mit Akribie an. Wohlmannstetter verspricht: „Nachdem wir den ersten Schritt 2016 vielleicht nicht getan haben, müssen wir ihn jetzt umso ernsthafter tun.“

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