Für Marile und Max Jungkunz endet in nicht einmal drei Monaten ihre Zeit als Vorzeige-Gastwirte. Sie nehmen am 1. November nicht nur Abschied vom Postkeller, sondern ziehen sich komplett aus der Gastrobranche zurück. Ein Schlussstrich mit weinendem und lachendem Auge.
Als ihre Tochter kürzlich fragt, was denn heuer an Weihnachten gemeinsam gekocht werden soll, kommen Marile Jungkunz fast die Tränen. Was für andere nach einem völlig normalen Fest klingt, ist für die Familie Jungkunz eine Premiere. Zum ersten Mal seit 36 Jahren wird Marile mit ihrem Max, ihren beiden Töchtern und dem Schwiegersohn an Heiligabend als Familie zu Hause sitzen, kochen, eine Flasche Wein köpfen und einfach Weihnachten genießen. „Ich kann's noch gar nicht glauben“, sagt Marile und lacht. Keine Hektik in einer Großraumküche. Keine Schar an hungrigen Gästen, die versorgt werden will. Kein Stress mit der Personalplanung. Einfach nur in kleiner Runde das Fest genießen. Ein Novum für jene Familie, die jeweils sechs Jahre die Golfalm sowie den Alpenhof in Wallgau und nun seit fast zehn Jahren das Gasthaus Postkeller betreibt. Am 1. November ist Schluss – dann nimmt die Familie Jungkunz, die aus der Isartaler Gastroszene eigentlich gar nicht mehr wegzudenken ist, Abschied.
Die Gründe sind mannigfaltig. Marile und Max Jungkunz, 51 und 54 Jahre alt, haben jahrzehntelang ihr Bestes gegeben. Sie waren Vorzeige-Wirte. Gastlichkeit und authentische, bayerische Küche standen stets im Vordergrund. Nicht nur Urlauber liebten sie dafür. „Am meisten stolz hat mich gemacht, wenn das ganze Wirtshaus voll mit grünen Hüten war“, sagt Max. Denn wer bei den Einheimischen ankommt, ist auch bei Auswärtigen beliebt. Unzählige Großveranstaltungen haben sie in diesem Jahrzehnt über die Bühne gebracht. „Wir haben sogar ein Mittenwalder Couplet gegründet“, sagt Marile stolz. Zum Starkbieranstich, wo alle zwei Jahre Pater Barnabas, in Persona von Matthias Wurmer (Schmitzer), mit erhobenem Zeigefinger kräftig einschenkte und fleißig austeilte. Über 100 Hochzeiten bewirteten die Jungkunz in ihrer Postkeller-Zeit. Als eine der größten Wirtshäuser im Ort brachten sie teils bis zu 190 Traugäste unter. Eine der einfacheren Übungen: „Da konnten wir das Essen immer gut vorbereiten“, sagt Max. Und von den typischen drei Gerichten auf der hochzeitlichen Speisekarte bewies Marile fast schon hellseherische Fähigkeiten, wie Mann Max ihr bescheinigt. „Sie hat fast immer punktgenau erraten, wie viel Fleisch-, Fisch- oder vegetarische Portionen bestellt werden.“
Zahllose Faschingsbälle, sportliche Veranstaltungen und Vereinsversammlungen
Sämtliche Bälle, sei es jener der Fingerhakler, des Historischen Spielmannszugs und der Trachtler, zur Faschings-, Sommer- oder Herbstzeit, zogen hunderte Besucher an. „Es war so oft pumpsvoll da heroben, brutal“, beschreibt es Max. Sogar die Partenkirchner Schäffler hatten ein großes Gastspiel an der Innsbrucker Straße. Doch war die größte Herausforderung dennoch das alltägliche À-la-carte-Geschäft. Zu Beginn, als 2014 nach dem großen Umbau des Postkellers die Jungkunz übernahmen, unterschätzten sie die Beliebtheit der Gaststätte voll und ganz, wie beide gestehen. „Wir haben mit drei Leuten in der Küche und drei im Service angefangen“, sagt Marile. Sie kalkulierten vorsichtig, schließlich wussten sie ja noch nicht, wie das Geschäft anläuft. Dass diese Personalstärke viel zu wenig war, merkten sie schon am ersten Eröffnungswochenende im November 2014. „Wir sind so geschwommen, das war der Wahnsinn. An den drei Tage haben wir nur drei Stunden geschlafen“, erinnert sich Max.
Da war ich noch beim Mühlradl aufm Radl gehockt. Sie hat mich also als Frau kennengelernt.
Schnell fanden sie sich aber zurecht in den nagelneuen Räumlichkeiten, scharten innerhalb kürzester Zeit ein effektives Team um sich. Mittlerweile wissen sie, dass es 20 bis 25 Mitarbeiter braucht, um den Betrieb im Postkeller, der auch unter der Woche gut gefüllt ist, stemmen zu können. „Ich wünsche unserem Nachfolger das Beste, viel Glück und vor allem sehr viel starke Nerven“, sagt Max. Das ist wie berichtet Steffen Wolfram, der am 1. Dezember den Postkeller samt Personal parallel zum Gasthof Gries übernehmen wird.
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Am 1. November 2024 ist der letzte Tag für Gäste
Für die Jungkunz wird der 1. November der letzte Tag sein, an dem Gäste kommen können. „Da werden wir aber nur noch eine kleine Speisekarte anbieten.“ Am 2. November feiern sie mit dem Veteranen-Jahrtag das große Austrinken in geschlossener Gesellschaft, zusammen mit Familie, Freunden und Wegbegleitern. Dann ist Schluss. Beide gehen in ein Angestelltenverhältnis außerhalb der Branche, freuen sich auf normale Arbeitszeiten und freie Wochenenden.
Dass Marile Jungkunz in die Gastro will, war ihr schon im Alter von zwölf Jahren klar. Sie entstammt einer Landwirte-Familie aus Gaißach. Die Ferien verbrachte sie stets im Allgäu, wo sie schon als Jugendliche in Wirtshäusern aushalf. „Das war genau meins“, sagt sie lachend. Kein Wunder also, dass die Gaißacherin vor 36 Jahren nach der Schule sofort eine Lehre als Hotelfachfrau im Hotel Altwirt in Lenggries begann. Danach folgte eine zweite Ausbildung als Köchin im Arabella Brauneck Hotel ebenda. 1996 änderte sich ihr Leben, als sie nach der Arbeit um 20 Uhr noch von ihrer Schwester dazu überredet wurde, das Fasnachtstreiben am Unsinnigen Donnerstag in Mittenwald zu besuchen. Dort lernte sie den Maschkera Max kennen. „Da war ich noch beim Mühlradl aufm Radl gehockt. Sie hat mich also als Frau kennengelernt“, sagt Max, ein gelernter Spangler, heute lachend über seine weibliche Maschkerafigur.
Gutscheine müssen bis 25. Oktober eingelöst werden
Ein Jahr später schon zog Marile ins Isartal. Beide heirateten und brachten 1999 mit Marile und 2001 mit Bernadette zwei fesche Madl zur Welt. 2003 übernahm das Ehepaar schließlich die Golfalm in Wallgau und ihre Zeit als Selbstständige nahm ihren Lauf. Dort lehrte Marile ihrem Max quasi das professionelle Kochen. 2009 pachteten sie den Alpenhof, ebenfalls in Wallgau, bis 2014 bei einer Bierlieferung Mathias Neuner († 2015) mit den Plänen des neuen Postkellers auf sie zukam. „Dreimal haben wir zuerst abgesagt“, erinnert sich Marile. „Er war uns damals einfach zu groß.“ Doch bewies Neuner ein gutes Verhandlungsgeschick bei den Beiden. „Er meinte, wir wären genau die Richtigen, so Leute brauchen wir.“ Und als ihnen die Wichtigkeit des Postkellers bewusst wurde, sagten die beiden letztlich zu.
Nun ist das Kapitel ab November beendet. „Es ist eine Kopf- und keine Herzentscheidung“, sagt Marile ehrlich. Sie werden die Hitze der Küche, den Service der Gäste, das Feierabend-Getränk mit den Angestellten samt Gesang und Tanz vermissen. Aber viel mehr freuen sich die beiden jetzt auf gemeinsame Radltouren und Familienfeiern. Und auf Weihnachten, das erste gemeinsame nach 36 Jahren.