Nach dem Tod des Zugbegleiters Serkan C. werden Stimmen laut, die sich für mehr Sicherheit bei der Bahn und im öffentlichen Verkehr aussprechen.
Der brutale Angriff auf Serkan C. in Rheinland-Pfalz und sein darauffolgender Tod haben bundesweit für Entsetzen und Teilnahme gesorgt. Über 1.000 Menschen waren beim Totengebet für den Zugbegleiter anwesend. Der Vorfall löste aber auch eine hitzige Diskussion über die Sicherheit bei der Bahn und allgemein im öffentlichen Fernverkehr aus. Bahnmitarbeiter und Manager, Politiker und Experten haben sich mit Lösungsvorschlägen und Forderungen nach Maßnahmen geäußert.
Übergriffe auf Bahnmitarbeiter sind leider kein neues Phänomen. Allein im vergangenen Jahr hat es laut Bahn über 3.000 körperliche Angriffe gegeben. Vor allem bei Fahrkartenkontrollen, der Durchsetzung des Hausrechts sowie während der Volksfeste, Großveranstaltungen und Fußballspielen komme es immer wieder zu verbalen und physischen Übergriffen auf die Mitarbeiter, so die Bahn-Sprecherin. Auch Sicherheitskräfte, Reinigungskräfte und Servicekräfte am Bahnhof seien betroffen. Bahnchefin Evelyn Palla hat am 5. Februar „alle Entscheidungsträger, die für die Sicherheit im Bahnverkehr verantwortlich“ sind, zu einem Sicherheitsgipfel eingeladen (via tagesschau). Es gibt allerdings noch weitere Vorschläge, die diskutiert werden.
Mehr Bodycams und Teams
Eine der Maßnahmen, die für mehr Sicherheit der Bahnmitarbeiter sorgen sollen, ist eine stärkere Aufrüstung mit Bodycams. Die kleinen, am Körper getragenen Kameras wurden bereits bundesweit an etwa 1.400 Zugbegleiter bei DB Regio verteilt, wie zum Beispiel in Gießen. Auch die Bediensteten der DB-Sicherheit tragen sie. Diese Kameras sind nicht dauerhaft aktiv, sondern werden erst eingeschaltet, wenn eine Eskalation droht.
Obwohl die Bahn laut eigenen Aussagen damit bereits gute Erfahrungen gemacht hat, kritisiert der Stellvertretende Vorsitzende der EVG, Kristian Loroch, allerdings die langsame Reaktion der Bahn-Führung. In einem Interview mit dem NDR spricht er von einem Gefühl der Hilflosigkeit, da die Gewerkschaft in solchen Situationen „immer wieder auf taube Ohren“ stößt und „es sich viel zu wenig und viel zu langsam bewegt“.
Loroch verweist außerdem darauf, dass die eigentlichen Zahlen der Übergriffe viel höher sein würden. Laut seiner Aussage befragt die Gewerkschaft die Mitarbeiter im Kundenkontakt selbst. Ganze 80 Prozent von ihnen haben bereits „verbale oder körperliche Gewalt in ihrem Berufsleben“ erfahren, so Loroch. Um die Sicherheit der Kollegen zu gewährleisten, muss die Bodycam nach Loroch in Zukunft „zum Alltag“ gehören. Außerdem soll kein Mitarbeiter sich solchen Eskalationen alleine stellen müssen. Stattdessen muss mindestens ein weiterer Kollege als Begleitung dabei sein. Gerade auf Nebenstrecken fehlen oft Zugbegleiter.
Mehr Entscheidungsfreiheit und sichere Rückzugsräume
Auch der Psychologieprofessor und Gewaltforscher Jonas Rees hat sich zu der Debatte um die Bahn-Sicherheit geäußert (via ZDFheute). Er geht ebenfalls von einer höheren Dunkelziffer aus und sagt, dass „wir einen Anstieg an Gewalt generell in der Gesellschaft sehen“. Das Problem ist laut ihm allerdings viel komplexer und wird sich mit Bodycams nicht so einfach lösen lassen. Die Forschung zeige, dass Videoüberwachung keine impulsiven und emotionalen Straftaten verhindert, so Rees.
Stattdessen schlägt er zum Beispiel abschließbare Rückzugsräume innerhalb der Züge vor, in die sich die Mitarbeiter vorübergehend in Sicherheit bringen können. Er befürwortet auch mehr Personal, was die Forderung der Gewerkschaft nach Teams zusätzlich stützt. Rees spricht sich außerdem für mehr Entscheidungsfreiheit für die Bahnmitarbeiter aus: „Das heißt, es ins Ermessen der Bahnmitarbeitenden zu stellen, ob sie vielleicht auch eine Fahrkartenkontrolle unterlassen und sich selbst schützen.“
Sicherheitschleusen und Bahnsteigsperren
Eine weitere Sicherheitsmaßnahme, die aufgebracht wurde, sind Bahnsteigsperren oder Sperranlagen vor den Gleisen, die das unrechtmäßige Betreten von Zügen verhindern sollen. Diese werden bereits in zahlreichen europäischen Ländern wie Belgien, Italien, Spanien, Frankreich oder England eingesetzt. Diesen Vorschlag brachte unter anderem der Sicherheitsexperte Stefan Bisanz, der im Personenschutz und Bedrohungsmanagement tätig ist. Laut ihm ist es eine Möglichkeit, die in Deutschland bisher so gut wie gar keine Rolle spielt: „Schleusen oder Drehkreuze an Bahnhöfen, die man nur mit gültigem Fahrschein passieren kann“, empfiehlt Bisanz. Das würde zumindest einige Randalierer schon frühzeitig abschrecken.
Sperranlagen kommen allerdings auch vermehrt in Kommentaren der Online-Nutzer auf Reddit oder in den YouTube-Kommentaren vor. „Ich bin für Ticketschalter [...]. Ohne Ticket kommt man nicht in die Bahnhöfe. So ist das in England und an vielen weiteren Orten“, schrieb @johncartman222 und erhielt für seinen Kommentar 189 Upvotes. Der Nutzer @sixty_bir schreibt ebenfalls: „Deutschland sollte endlich in moderne Zugangssysteme mit Schranken investieren [...]“.
Weitere Vorschläge, die während der Debatten fielen, drehten sich auch um stärkere Polizeieinsätze oder härtere Strafen für die Übergriffe gegenüber Bahnmitarbeitern. Auch zu mehr Zivilcourage wird aufgerufen. Das tat etwa der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz Alexander Schweizer (via Zeit). Wie man als Fahrgast in einer solchen gefährlichen Situation am besten helfen kann, erfahren Sie in unserem Artikel zur Deeskalation im ÖPVN.