Luft nach oben: Der Flamingo-Flop – Selenkyj hat sein Volk enttäuscht

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Luft nach oben: Der Flamingo-Flop – Selenskyj hat sein Volk enttäuscht

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Ein eigener Marschflugkörper als Beweis der eigenen Stärke? Putin ist bis heute ruhig geblieben, die Ukraine hat enttäuscht: Russlands Energie fließt.

Kiew – Festgestellt worden seien „Schäden an einer technischen Anlage zur Wartung von Mittelstreckenraketen, einem Montagegebäude und einem Logistiklager“, so die Nachrichtenagentur Ukrinform. Die Ukraine verbucht einen Angriff mit Flamingo-Marschflugkörpern gegen Wladimir Putins Testgelände Kapustin Yar als Erfolg im Ukraine-Krieg. Die Basis gilt als Wurzel des Übels durch Russlands Oreschnik-Raketen. Trotz dessen mehren sich Zweifel an der Durchschlagskraft der vermeintlichen Wunderwaffe gegen die scheinbar ewig währende Invasion: Sie fliegt seltener, als das ukrainische Volk gehofft hatte.

„Es gibt beunruhigende Anzeichen dafür, dass das ukrainische Flamingo-Marschflugkörperprojekt größtenteils nur heiße Luft ist“, hatte Ende Januar David Axe veröffentlicht. In der Euromaidan Press stellte er die mögliche These auf, „die FP-5 ist ein in der Ukraine hergestelltes Luftschloss: eine im Inland entwickelte Waffe, die hauptsächlich in Marketingbroschüren existiert“. Im vergangenen Jahr waren die Medien noch voller erwartungsfroher Lobeshymnen ob der neuen Waffe. „Wie ein Marschflugkörper namens Flamingo den siegessicheren Putin in Bedrängnis bringen könnte“, hatte Sergei Gerasimow orakelt. In der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) wollte der Schriftsteller aus Charkiw vor allem Hoffnung verbreiten.

Hoffnung im Ukraine-Krieg: „Was die Cruise Missile nicht soll, ist, Städte zu terrorisieren“

„Was die Cruise Missile nicht soll, ist, Städte zu terrorisieren“, hat Gerasimow herausgestellt. Allerdings, so schrieb er einige Zeilen später, sei er verwundert gewesen über den Eindruck, den das erste Auftrumpfen der Waffe gemacht hat zu dem, was der ukrainische Präsident Wolodymyr Selensky versprochen hatte: „Es gab bereits einen Gruppenstart von Flamingos auf Ziele in Russland. Um ehrlich zu sein, war ich enttäuscht. Drei riesige Detonationen zerstörten ein paar Boote auf der Krim. Das war, als würde man mit Kanonen auf Spatzen schiessen“, so Gerasimow, der die „Verpuffung“ darauf zurückgeführt hat, dass die Schüsse wohl lediglich Tests gewesen sein sollten.

„Bis zu 60 Prozent der Kapazität sind weiterhin ungenutzt. Ohne langfristige Verträge, planbare Finanzierung, geschützte Produktionsstätten, Automatisierung, wo immer möglich, und eine inländische Testbasis kann die Serienproduktion nicht aufrechterhalten werden.“

Verbunden aber mit der Hoffnung auf mehr Starts, mehr Treffer, mehr Wirkung, mehr Rüstung, mehr Frieden. Weit gefehlt? „Die Flamingo war ein Triumph der Erwartungen“, schreibt Axe aktuell. Vor allem, weil Wolodymyr Selenskyj sein Versprechen gegenüber seinem Volk gebrochen hat. Für Axe ist mittlerweile glasklar, dass das produzierende Unternehmen keine Hunderte Flamingos pro Monat an die Front schicken kann. Ende 2025 sollen sieben Stück pro Monat vom Band gerollt sein. Aus der Traum, den Gerasimov noch Ende September 2025 öffentlich in der NZZ publiziert hatte: „Bis zum Beginn des Winters wird es viele Flamingos geben, und dann werden wir sehen, was sie wirklich können – wenn sie in Schwärmen fliegen, zusammen mit Lockvögeln und Angriffsdrohnen.“

Wolodymyr Selenskyj in Großaufnahme mit zerknirschter Miene.
Zähneknirschendes Eingeständnis? Die ukrainische Wirtschaft hat weit weniger liefern können als ihr Präsident Wolodymyr Selenskyj versprochen hatte – die Flamingo-Produktionszahlen bleiben niedrig; außer einigen Nadelstichen hat Russland von dieser Waffe kaum etwas zu befürchten. © picture alliance/dpa | Michael Kappeler

Eines allerdings stimmt tatsächlich: Die Cruise Missiles, die aus dem Frust über die vorenthaltenen deutschen Taurus-Marschflugkörper aus Bordmitteln entstanden sind, lassen Russlands Zivilsten außen vor und schneiden Russland von seiner militärischen Infrastruktur ab. „Die beste Vergeltung für die Tötung ukrainischer Zivilisten ist die Zerstörung der russischen Öl- und Militärinfrastruktur“, so Gerasimov. Allerdings bleiben die Angriffe rar gesät. Weil eben die Massenproduktion ausbleibt. Und somit bleibt nur die Hoffnung, „Ich glaube, da stimmt etwas nicht“, sagte gegenüber dem Tagesspiegel Fabian Hoffmann. Der Militär-Analyst der Universität Oslo beurteilt die Wirksamkeit der Waffe inzwischen genau so skeptisch wie sein Kollege Gustav C. Gressel.

Selenskyjs gebrochenes Versprechen: „30.000 Langstrecken- und Tiefschlagwaffen“

Der Experte an der Landesverteidigungsakademie des österreichischen Heeres bemisst die mangelnde Gefahr durch die Flamingo anhand des Schweigens des Kreml: Kein lautes Lamento ob der neuen Waffe beziehungsweise der Produktion des Treibstoffes in Dänemark und vor allem kein Propaganda-Geheul angesichts der bisherigen Angriffe. Gressel vermutet, dass die Russen die langsam fliegende und behäbig zu manövrierende Waffe sicher schon abgeschossen haben. „Wenn es aber viele sein würden, würde Russland die Trophäen vermutlich stärker propagandistisch ausschlachten“, so Gressel laut Tagesspiegel. Auch Analyst Hoffmann hatte sich offenbar von den flammenden Vollmundigkeiten Selenskyjs anzünden lassen. Und sieht sich heute hinters Licht geführt.

Die Langstrecken-Kapazitäten scheinen sich kaum signifikant geändert zu haben im Vergleich zu dem, was sich das angegriffene Volk davon versprochen hatte. „30.000 Langstrecken- und Tiefschlagwaffen“ sollten die Streitkräfte im vergangenen Jahr erhalten –was Selenskyj im Dezember 2024 angekündigt hatte, resümierte Hoffmann zu der Zeit für den Thinktank „Center for European Policy Analysis“ (CEPA). Auch der versierte Beobachter Hoffmann war in seiner Expertise voll darauf eingestiegen: „Was damals noch wie eine optimistische Prognose wirkte, scheint sich nun zu bewahrheiten. Zwar lassen sich die genauen Zahlen der Langstreckendrohnen und Marschflugkörper nur schwer überprüfen, doch die anhaltende Angriffskampagne der Ukraine deutet darauf hin, dass monatlich Zugriff auf Hunderte, wenn nicht Tausende von Drohnen und Raketen besteht.“

EU-Ambitionen: „die Ukraine in ein stählernes Stachelschwein zu verwandeln“

Diesem Hunderte oder Tausende umfassenden Raketenhagel blickt Russland offenbar immer noch entgegen. Denn trotz aller Nachrufe sprudelt Russlands Energie weiterhin. Und auch die Treffer auf Kapustin Yar scheinen Russlands Entschlossenheit zum Einsatz der Oreschnik-Raketen kaum zu erschüttern. David Axe führt als Beweis für den Flamingo-Flop das Fehlen auch jedweder ukrainischer Propaganda an: Er vermisst viral gehende Videos von erfolgreichen Einschlägen, wie das in der Vergangenheit Usus war bei jeder Panzerkolonne oder jeder Geschützstellung, die die Ukraine in die Luft gesprengt hatte. „Sollten ukrainische Streitkräfte in den letzten Monaten tatsächlich in nennenswerter Zahl Flamingo-Raketen abgefeuert haben, hinterlassen diese – seltsamerweise – keinerlei Trümmer“, so Axe.

Abgesehen von den unmittelbaren Enttäuschungen hat die vermeintliche Flamingo-Pleite auch mittelbare Effekte auf eine Ukraine, die sich nach einem Krieg gegen russisches Verlangen verteidigen muss: Auch da sei die Flamingo als Korsettstange eingeplant, schreibt aktuell Veronika Melkozerova. Ihr zufolge wolle und solle sich die Ukraine zum „stählernen Stachelschwein“ mausern, schreibt sie in Politico und geht damit zurück auf eine Äußerung von EU-Kommissionspräsidenten Ursula von der Leyen Anfang 2025: „Im Grunde geht es darum, die Ukraine in ein stählernes Stachelschwein zu verwandeln und damit für potenzielle Eindringlinge unverdaulich zu machen“, wie die Europäische Kommission veröffentlicht hatte.

Allerdings werden die Stacheln simpler ausgeformt als vielleicht gedacht, wie Melkozerova ausführt: „Die zukünftige Sicherheit der Ukraine hängt in erster Linie von der Produktionsstabilität ab“, zitiert sie in Politico Ihor Fedirko. Der Geschäftsführer des Ukrainischen Verbandes der Verteidigungsindustrie gebe ihr zufolge wenig auf die Gefahr durch ein einzelnes Waffensystem – zumindest, wenn das auch nur punktuell zuschlägt – er sieht eine Abhängigkeit der Ukraine auf ganzheitlicher Ebene und „nicht von einzelnen Waffensystemen und einmaligen technologischen Durchbrüchen, sondern von der Fähigkeit der Verteidigungsindustrie, langfristig und unter Druck mit planbarer Leistung zu arbeiten“, wie er gegenüber dem Magazin äußert.

Viele Analysten gehen inzwischen davon aus, dass sich der Flamingo-Produzent Fire Point schlichtweg verhoben habe. Gustav C. Gressel führt das zurück auf die parallele Produktion von zwei Drohnenmodellen, wie der Tagesspiegel nahe legt. Auch Korruption hat immer wieder zu Friktionen in der militärischen Produktion der Ukraine geführt. Auch Fedirko sieht noch Luft nach oben, um gegen Wladimir Putin hochzurüsten, wie ihn Politico zitiert: „Bis zu 60 Prozent der Kapazität sind weiterhin ungenutzt. Ohne langfristige Verträge, planbare Finanzierung, geschützte Produktionsstätten, Automatisierung, wo immer möglich, und eine inländische Testbasis kann die Serienproduktion nicht aufrechterhalten werden.“ (Quellen: Center for European Policy Analysis, Europäische Kommission, Ukrinform, Euromaidan Press, Neuen Zürcher Zeitung, Tagesspiegel, Politico) (hz)