Vor dem Gespräch mit FOCUS online legt Jouleen Gruhn Wert auf die Feststellung, dass ihre Aussagen nicht persönliches Nachtreten verstanden werden, sondern als Warnung: "Ich sehe wie sich das BSW blitzradikalisiert – noch schneller als die AfD in der Vergangenheit und das macht mir riesige Sorgen.“ Und sie fürchtet, wer vom BSW-Crash profitiert: die AfD.
Beim Thema Impfschäden geriet Neu-Politikerin mit BSW aneinander
Jouleen Gruhn ist Medizinerin. Sie hat jahrelang als Ärztin in Krankenhäusern gearbeitet, später dann im Gesundheitsamt und es vor ihrer politischen Karriere zur Referatsleiterin im brandenburgischen Gesundheitsministerium gebracht. Da hatte sie noch kein Parteibuch.
Als das BSW Menschen mit politischen Ideen und Fachkenntnis suchte, fühlte sie sich berufen, ihre Erfahrungen in aktive Politik umzumünzen – gerade in Zeiten notleidender Krankenhäuser. Was ihr dann im BSW widerfuhr, hat viel mit ihrer Grundhaltung zu tun.
Die Politikerin hat nie aufgehört, auch Medizinerin zu sein. Sie will, so sieht sie sich zumindest selbst, die Situation für Menschen verbessern, die sich vom Gesundheitssystem abgehängt fühlen. Und so war es kein Wunder, dass sie bereits wenige Monate nach ihrem Start als Abgeordnete im Potsdamer Landtag mit ihren neuen Parteikollegen bei einem brisanten Gesundheitsthema aneinandergeriet.
Das BSW setzt seit langem – ähnlich wie die AfD - auf das Thema der ignorierten Long-Covid-Fälle und Impfschäden. Die Behauptung: Betroffene würde komplett allein gelassen. Jouleen Gruhn traf das ins Mark, hatte sie doch in ihrem Job im Gesundheitsministerium selbst dafür gesorgt, dass es in Brandenburg frühzeitig Diagnostik und Therapieangebote für genau diese Fälle gab.
In ihrer Landtagsrede am 27. Februar 2025 wies sie auf die vielen Angebote hin und forderte alle Politiker – auch ihrer Partei – auf, Betroffene auf die Hilfen hinzuweisen, anstatt zu behaupten, es gebe diese gar nicht. Die Rede war ohne jede Polemik, sondern klang eher besorgt.
Der BSW-Bundeszentrale aber passte das nicht in den Kram, sagt Gruhn: "Die wollten mit den Impfschäden Wahlkampf machen, die Opfererzählung bedienen, anstatt Menschen konkret zu helfen.“ Nach ihrer Rede distanzierte sich die Fraktion von ihr, teils öffentlich auf X und sogar Sahra Wagenknecht beschwerte sich in sozialen Medien über Gruhn. "Da ist bei mir etwas ins Rutschen gekommen“, sagt Jouleen Gruhn heute.
Bei einem Fraktionsbesuch im Sommer 2025 sah sich Wagenknecht genötigt, Monate danach nochmals "diese politische Unsensibilität von mir anzusprechen, weil das Thema auf Bundesebene anders geframt wird: Für Impfschadenbetroffene gibt es keine Hilfen.“
"Ich war stolz ein Foto von Sahra Wagenknecht und mir zu haben.“
Jouleen Gruhn sagt, sie sei auch in das BSW eingetreten, weil sie Wagenknecht verehrt habe – auch wegen ihrer unnachgiebigen und klaren Art, in Talkshows zu sprechen. Wagenknecht reiste auch am 6. Dezember 2024 zu einer Versammlung an, bei der über die Koalitionsverhandlungen in Brandenburg beraten wurde. „Damals war ich sehr stolz, ein Foto mit ihr und mir zu bekommen.“
Heute sieht die Abgeordnete Gruhn das Agieren ihres anfänglichen Idols kritischer. Denn Wagenknecht grätschte gern dazwischen – nicht nur in Thüringen oder Hamburg, sondern auch in Brandenburg. Einmal in Sachen Nahost-Politik. Und wie immer mit dem Ziel, einen in ihren Augen falschen öffentlichen Eindruck für das BSW insgesamt zu vermeiden.
Mitte 2025 wollte die BSW-Fraktion den Brandenburger Antisemitismusbeauftragten Andreas Büttner, der für Waffenlieferungen an Israel plädiert, in ein palästinensisches Restaurant einzuladen. Der war auch bereit dazu. Per SMS soll Wagenknecht das Treffen verhindert haben.
Jouleen Gruhn sagt, sie habe sich die entsprechende SMS von Landesgeschäftsführer Stefan Roth zeigen lassen – übrigens Wagenknechts früher Mitarbeiter im Bundestag. "Ich dachte, das gehört dazu. Meinungsfreiheit, wir hören uns von allen Seiten die Positionen an. Die Bedenken waren aber, dass man sich dann zu israelfreundlich zeigt.“
Langsam wurde Jouleen Gruhn nun aufmerksamer auf das System BSW. Wie in einer toxischen Ehe fielen ihr Dinge auf, die sie anfänglich nicht bemerkt hatte.
Partei-Aufpasser aus der Bundeszentrale für die Landesminister
Gruhn glaubt, die Bundespartei habe ganz bewusst den BSW-Ministern für Finanzen und Gesundheit in Brandenburg einen "Aufpasser“ an die Seite gestellt. Tatsächlich bekleideten die beiden BSW-Staatssekretäre in Brandenburg zuvor Ämter in der BSW-Bundestagsgruppe.
Im November 2025 wurde es Gruhn und drei anderen Abgeordneten einfach zu viel. Im Landtag stand ein neuer Medienstaatsvertrag zur Abstimmung. Es ging um Reformen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Gruhn war froh, dass in der Reform eine Stärkung des Kinder- und Jugendschutzes vorgesehen war und wollte zustimmen.
Doch es kam anders. In der Fraktionssitzung vom 4. November hätte das Thema besprochen werden sollen. "Es gab dann aber dann am 2. November eine aus meiner Wahrnehmung heraus eilig herbeigeführte Entscheidung des Bundesvorstandes. Darin wurde eben gesagt, dass die Medienstaatsverträge abzulehnen sind und man sich daran auch als Parteimitglied zu halten habe.“
Das konnten Abgeordnete als ständige Drohkulisse verstehen. Die Diskussion in der Fraktion sei dadurch verhindert worden: "Das ist ja ein Eingriff auch in das demokratische Mandat, wenn die Partei festlegt, wie wir als Abgeordnete abzustimmen haben.“
Gruhn tat, was sie tun konnte, und blieb der Abstimmung einfach fern. Dabei hätte sie es vorgezogen, Verbesserungen an den Verträgen vorzuschlagen. "Das war aber nicht gewollt, weil es ja nicht aus meiner Sicht nicht um die Medienstaatsverträge selbst ging, sondern um das Profil der Bundespartei zu schärfen.“
Am 11. November traten Gruhn und drei weitere Abgeordnete aus dem BSW aus, verblieben aber in der Fraktion, um die Regierungskoalition nicht zu gefährden. Doch trotz dieser in ihren Augen verantwortlichen Haltung, wurde Gruhn in ihren Augen nun vollends kaltgestellt.
"Für mich herrschte faktisch Redeverbot im Landtag“
Bei zwei ihrer eigenen Anträge, auf die sie lange hingearbeitet hatte, durfte sie plötzlich nicht im Plenum reden: Verbesserung der Palliativvorsorge und flächendeckende Versorgung mit Kinderschutzambulanzen. Bei letzterem redete stattdessen die energiepolitische Sprecherin des BSW, die nie etwas mit dem Thema zu tun hatte.
"Seit November herrschte für mich faktisch Redeverbot im Landtag“, behauptet Gruhn. Das wichtigste Recht des freigewählten Abgeordneten wurde ihr somit offenbar vorenthalten.
"Teile des BSW-Bundesvorstands betrachten uns als Stimmvieh“
Jouleen Gruhn fragte sich immer häufiger, ob das so normal sei, denn Erfahrungen mit anderen Parteien und politischer Arbeit hatte sie bis dato keine. Ihr Eindruck war zunehmend kritisch: "Ich spürte immer öfter, dass uns Teile des BSW-Bundesvorstands als Stimmvieh für die Bundespartei betrachteten und nicht als frei gewählte Landtagsabgeordnete.“
Andere Leute sagten ihr, das sei normal im BSW: "Das ist eine Kaderpartei und mir sagte ein langjähriger Kenner der Politik in Brandenburg, bei der SED sei es auch so gewesen.“ Anfänglich habe sie einfach nur mal hier und da ein "Störgefühl“ gehabt, sagt Gruhn heute. Im Nachhinein bedauert sie, nicht früher genau hingeschaut zu haben.
"Sahra Wagenknecht ist nicht das geniale Mastermind“
Und wie hat sie Sahra Wagenknecht erlebt? Jouleen Gruhn erinnert sich, sie 2024 einmal getroffen zu haben. Es ging um die Abstimmung über den fertigen Koalitionsvertrag. "Ich habe mich vorgestellt und sie sagte, dass bereits wisse, wer ich bin.“ Dann habe man sich mit Nettigkeiten verabschiedet.
"Sahra Wagenknecht war nicht das geniale Mastermind. Sie war das Aushängeschild, die Gallionsfigur, steuert aber auch nicht das Schiff, die hängt ja nur vorne dran.“
Das Sagen hätten zunehmend andere gehabt, darunter Leute um die Co-Vorsitzende Amira Mohammed Ali, "Leute aus dem Westen“. Wagenknechts Einfluss sei immer weniger geworden. Gleichzeitig wachse die Radikalisierung, seit die Partei aus dem Bundestag geflogen ist. Die Ansage, die AfD sei der Hauptgegner, den Wagenknecht anfänglich selbst gemacht habe, spiele immer weniger eine Rolle, sagt Gruhn.
Dass heute AfD und BSW für ihre Abwahl als Vizepräsidentin des Brandenburger Landtags gestimmt haben, bestätigt sie in ihrer Meinung: "Auch beim BSW gibt es ein merkwürdiges Verständnis der parlamentarischen Demokratie.“ Eine Landtagspräsidentin sei immer parteipolitisch neutral, der Abwahlantrag insofern nur aus ihrer Sicht "persönliches Nachtreten“.
Im Übrigen wüssten doch beide Parteien, dass es für die Abwahl einer Zwei-Drittel-Mehrheit bedarf, die unerreichbar ist. So kam es auch: Nur AfD und BSW stimmten erfolglos für ihre Abwahl. Das Vorgehen gegen Gruhn zeigt, dass das kleine Einmal-Eins der parlamentarischen Demokratie in diesem Kosmos aber nicht wirklich zählt. Es geht um die öffentliche Wirkung – egal bei welchem Thema.
FOCUS online hat sowohl Sahra Wagenknecht als auch die Brandenburger BSW-Fraktion nach zu den geschilderten Sachverhalten und Vorwürfen angefragt. Eine zunächst zugesagte Antwort blieb aus "Zeitgründen", wie es hieß, zunächst aus.
AfD und BSW kritisieren "Verrat am Wähler“
Jouleen Gruhn ist direkt aus der BSW in die SPD-Fraktion gewechselt, allerdings bleibt sie parteilos. Dass auch mit ihrer Stimme demnächst CDU-Minister ans Ruder kommen könnte, kritisieren AfD und BSW als "Verrat am Wähler“. Gruhn winkt bei dieser Frage ab.
Sie glaubt, dass sich viele Wähler längst vom BSW abwenden, seit sich die Partei derartig stark radikalisiert habe. Die Partei sei nicht mehr dieselbe. Das Abstimmungsergebnis von 2024 würde sie mithin nicht mehr erreichen, glaubt Gruhn.
Bei der bisher letzten Umfragen im Dezember lag das BSW bei 7 Prozent und damit weit hinter seinem Wahlergebnis von 13,5 Prozent. Und Neuwahlen? "Die würden das Land politisch nur lähmen“, fürchtet Gruhn.
In diesem Punkt ist Jouleen Gruhn bereits gut in ihrer neuen politischen Heimat angekommen. Denn der Satz klingt nach politischer Durchhalteparole. Und es wird sich zeigen, ob die SPD wirklich einfach so auf CDU switchen kann, ohne den Wählerwillen erneut in einer Wahl abzufragen.