Vor 7000 Jahren war Grönlands Eisdom verschwunden – jetzt droht erneute Total-Schmelze

Durch rund 509 Meter Eis bohrte sich ein internationales Forscherteam um Caleb Walcott-George von der University of Kentucky, um Gesteinsproben vom Untergrund der Eiskuppel Prudhoe Dome zu gewinnen. Die über 2500 Quadratkilometer große Eiskuppel gilt als einer der sensibelsten Bereiche des grönländischen Eisschilds.

500 Meter dicke Eiskuppel war komplett verschwunden

Die Analyse der Proben brachte Überraschendes zutage: Mit der sogenannten "Lumineszenzdatierung" konnten die Wissenschaftler nachweisen, dass das Gestein zuletzt vor rund 7100 Jahren Sonnenlicht ausgesetzt war. Das bedeutet: Die heute mehr als 500 Meter dicke Eiskuppel war damals komplett verschwunden.

Auch Isotopenuntersuchungen der untersten Eisschichten bestätigen den Befund. Es gibt kein Eis mehr aus der letzten Eiszeit, die vor 11.700 Jahren endete. Der gesamte Prudhoe Dome hat sich erst in den vergangenen Jahrtausenden neu aufgebaut.

Die Forschungsergebnisse wurden in der Fachzeitschrift „Nature Geoscience“ veröffentlicht. Erst zweimal zuvor war es Wissenschaftlern gelungen, Material aus den tiefsten Schichten des grönländischen Eisschilds zu bergen – es gibt mehr Gesteinsproben vom Mond als vom Untergrund Grönlands.

Klimaforscher beunruhigt über Fund in Grönland

Entscheidend ist die Frage: Wie warm war es, als das Eis verschwand? Die Antwort beunruhigt Klimaforscher. Im frühen Holozän, also der erdgeschichtlichen Epoche nach der letzten Eiszeit, lagen die Temperaturen in der Arktis etwa drei bis fünf Grad über den Werten des 19. Jahrhunderts.

„Wenn bereits der natürliche, milde Klimawandel des frühen Holozäns den Prudhoe Dome zum Schmelzen gebracht hat, ist es vielleicht nur eine Frage der Zeit, bis er sich aufgrund des heutigen, vom Menschen verursachten Klimawandels wieder zurückzieht", sagt Co-Autor Jason Briner von der University at Buffalo.

Klimamodelle prognostizieren für die Region bis 2100 Temperaturen, die denen von damals ähneln. Allerdings erwärmt sich die Arktis heute deutlich schneller: Allein in den letzten 50 Jahren stiegen die Temperaturen dort um drei Grad – fast so viel wie der gesamte Temperaturunterschied zwischen dem 19. Jahrhundert und der Warmphase vor 7000 Jahren.

Landkarte Grönland mit eingezeichnetem Prudhoe Dome.
Der riesige Eisdom Prudhoe liegt im Nordwesten Grönlands. IMAGO / Drahtmaterial

Was Grönlands Eisschmelze für den Meeresspiegel bedeutet

Grönland ist bereits heute der größte Einzelverursacher des Meeresspiegelanstiegs. Würde das komplette grönländische Eis schmelzen, stiege der Meeresspiegel weltweit um über sieben Meter. Allein das Verschwinden der Eismassen, die auch vor 7000 Jahren abschmolzen, würde zu einem Anstieg von 19 bis 73 Zentimetern führen.

„Wir nehmen im Grunde Biopsien, die uns hoffentlich Aufschluss darüber geben, wie empfindlich der Patient auf anhaltende Erwärmung reagiert“, erklärt Projektleiter Joerg Schaefer von der Columbia University. Das Team hat bereits weitere Bohrungen an dünneren Randbereichen der Eiskuppel durchgeführt, um herauszufinden, welche Gebiete besonders anfällig sind.