Deutschland im Aufwind: Warum 2026 besser wird als gedacht

Wir verwechseln gerade kollektive Erschöpfung mit ökonomischem Niedergang. Selbstkritik mit Analyse. Wachstum? Wird behandelt wie ein Mythos aus besseren Zeiten. Investitionen? Angeblich tot. Konsum? Angeblich am Boden. Klingt hart, klickt gut – ist aber nur die halbe Wahrheit. 

Denn während wir uns im Modus „Nieselregen im Kopf“ eingerichtet haben, laufen im Hintergrund Prozesse an, die man nicht hört, aber zählen kann. Reallöhne steigen weiter, Energiepreise fallen, Inflation beruhigt sich, Finanzierung wird wieder kalkulierbar. Es ist kein Boom. 2026 wird nicht das Jahr des Wirtschaftswunders. Aber es ist ein klarer Trend. Und wer den übersieht, ist wie der Fahrgast der Deutschen Bahn, der sich eine Zigarette im Raucherhäuschen am Bahnsteig dreht und dabei den Zug verpasst. 

Es stimmt, 2025 ist ohne Euphorie vorübergegangen. Und um im Bild zu bleiben: Wir schauen noch immer auf Wachstum wie auf einen verspäteten ICE bei Nieselregen – zum x-ten Mal angesagt, aber niemand traut sich, schon mal den Koffer anzuheben und nach vorne zu gehen. Man könnte nass werden. Und trotzdem gilt: Wer nur auf die Wolken starrt, übersieht den Wetterbericht. Der hält vier Lichtblicke bereit:

Erster Lichtblick: Kaufkraft – kein Strohfeuer, sondern Serie

2024 war der Wachmacher: Reallöhne plus 3,1 Prozent, stärkster Anstieg seit Beginn der Zeitreihe 2008. Viele haben das als statistische Laune abgetan. Fehler. Denn 2025 hat geliefert: Die Reallöhne lagen Quartal für Quartal über dem Vorjahr – mit Zuwächsen zwischen rund zwei und fast drei Prozent. Entscheidend ist nicht die exakte Dezimalstelle, sondern die Richtung: Löhne steigen weiter schneller als die Preise. Das ist kein Wohlstandsrausch, sondern eine Rückkehr der Normalität. Und Normalität ist in einer Konsumwirtschaft ein Mega-Ding. Die Menschen kaufen keinen Champagner, aber sie kaufen Alltag: Ersatz statt Verzicht, Planung statt Panik. Genau so beginnen Aufschwünge – leise, unsexy, aber hartnäckig.

Zweiter Lichtblick: Inflation gezähmt, Zinsen entdramatisiert

Der Inflationsspuk hat 2025 endgültig seinen Schrecken verloren. Deutschland bewegt sich Richtung Zielkorridor, nicht Richtung Ausnahmezustand. Die EZB hat den Einlagensatz Ende 2025 bei 2 Prozent belassen – nach der Hochzins-Show der Vorjahre wirkt das fast unspektakulär. Und genau das ist der Punkt. Denn Stabilität ist das neue Signal. Finanzierung wird wieder berechenbar, Investitionen wieder modellierbar. Gerade für den deutschen Mittelstand ist das keine Fußnote, sondern Existenzlogik. Wer nicht in Quartalsfantasien lebt, sondern in Kreditlinien, merkt sofort: Der Feueralarm ist aus. Jetzt wird wieder gearbeitet.

Dritter Lichtblick: Energie – vom Würgegriff zur Zumutung light

Energiepreise sind nicht billig. Aber sie sind auch nicht mehr toxisch. 2025 setzte sich die Entspannung fort: Produzentenpreise für Energie lagen spürbar unter dem Vorjahr, Strom und Gas sind deutlich günstiger als in der Hochphase. Auch bei den Großhandelspreisen für Strom hielt der Abwärtstrend an. Jetzt kommt auch noch der verbilligte Industriestrompreis. Das macht Deutschland nicht über Nacht zum Paradies für energieintensive Industrie, aber es nimmt den permanenten Ausnahmezustand aus den Kalkulationen. Planung ersetzt Schockstarre. Und das ist der Unterschied zwischen Überleben und Investieren.

Vierter Lichtblick: Staatlicher Rückenwind – spät, aber wirksam

Von diesem Jahr an kommt Bewegung von der fiskalischen Seite. Öffentliche Investitionen ziehen an, Exporte stabilisieren sich, die Binnenkonjunktur trägt wieder mehr Gewicht. Die Bundesbank bleibt vorsichtig und spricht von 0,6 Prozent Wachstum, die OECD sieht ein Prozent. Klingt nach wenig – ist aber ein Richtungswechsel. Denn entscheidend ist nicht der Applaus, sondern die Mechanik dahinter: Konsum stabil, Zinsen niedriger, Energie weniger belastend, Staat investiert. Das ist kein Zaubertrick, das ist der klassische Aufschwung-Baukasten. Oldschool. Genau deswegen funktioniert er.

Deutschland hat keinen Grund sich länger klein zu reden. Andere haben handfestere Probleme. Italien kämpft weiter mit deutlich höherer Staatsverschuldung und kaum höherem Wachstum. Frankreich schleppt ein strukturelles Defizit, das auch bei moderatem Wachstum nicht verschwindet. In Teilen Osteuropas bleibt die Inflation hartnäckig hoch, während Haushaltsdefizite und Zinsen gleichzeitig drücken. Das heißt: Deutschland hat Baustellen – Bürokratie, Abgaben, Demografie – dieses grausame Trio ist der Endgegner. Aber wir haben nicht gleichzeitig Schuldenkrise, Inflationsschock und Investitionsstillstand. Unsere Probleme sind zäh, nicht explosiv. Das ist ein Unterschied.

2026 wird deswegen kein Boom, aber es wird spürbar besser. Warum: Siehe oben. Und weil Deutschland sich an die Null gewöhnt hat und sich deshalb schon ein Prozent anfühlen wird wie Frühling. Vielleicht ist das unsere eigentliche Superkraft: Wir feiern nicht zu früh. Aber wenn es dreht, dann gründlich. Und dann steht der ICE plötzlich da. Nicht pünktlich. Nicht glamourös. Aber er immerhin: Er fährt wieder.

Dieser Artikel entstand in Kooperation mit "Business Punk".