Vom heimlichen Ballettschüler zum erfolgreichen Kunsthändler: Albrecht Widmann hat eine bewegte Vergangenheit

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Viele Kunstwerke hängen an der Wand der Stadtgalerie. Albrecht Widmann hat sie gesammelt. Unser Foto zeigt ihn im Gespräch mit unserer Autorin Clara Wildenrath. © Sabine Hermsdorf-hiss

Albrecht Widmann, Kunsthändler aus Geretsried, blickt auf ein dramatisches Leben zurück. Wir haben ihn für 30 Minuten zum Gespräch getroffen.

Geretsried - Er war neun, als er im unterfränkischen Bad Königshofen seine Mutter zum Bus brachte. Er bekam einen Schokoriegel, winkte zum Abschied – und wusste nicht, dass sie die Familie für immer verließ. Albrecht Widmann ist heute 81 Jahre alt; als Kunsthändler hat er sich nicht nur international einen Namen gemacht, sondern auch viel Geld verdient. Umgeben von idyllischen Seelandschaften und plattelnden Trachtlern in Acryl sitzt er in der Stadtgalerie an der Elbestraße.

Kunstsammler, Galerist und Balletttänzer

Albrecht Widmann (81) war Balletttänzer und stellvertretender Ballettdirektor an der Münchner Staatsoper und am Opernhaus Zürich. Er betrieb mehrere Kunstgalerien in München und London. Von 2001 bis 2014 kuratierte er im Kunstbunker in Geretsried über 50 hochkarätige Ausstellungen. 2013 erhielt er den Kulturpreis der Stadt Geretsried. 2021 erwarb er die Galerie an der Elbestraße, die er an die Stadt vermietete. Seit 2022 ist er Mitglied des kommunalen Kunstbeirats. Widmann ist in Memmingen geboren und lebt mit seinem Partner seit 2001 mit Unterbrechungen in Geretsried.

Er erzählt von seiner Kindheit: von dem Gefühl, nirgendwo erwünscht zu sein, von Züchtigungen im kirchlich geleiteten Internat und „der bösesten Person, die ich erlebt habe“, der neuen Frau seines Vaters. Seine Stimme stockt, er schluckt. Ohne seine geliebte Großmutter, die ihn immer wieder aufgefangen habe, erklärt er nach einer kleinen Pause, wäre er untergegangen.

Sie hat aus mir das gemacht, was ich heute bin: eine zielstrebige, ehrgeizige Person, mit der man rechnen muss.

„Die erste glückliche Zeit in meinem Leben hatte ich in Starnberg“, sagt er. Fern vom Einfluss von Vater und Mutter machte er als „ultraschlechter Schüler“ dort Abitur. Und er nahm erstmals heimlich Ballettunterricht. Eine der wichtigsten Frauen in seinem Leben war – neben seiner Großmutter – Ex-Primaballerina Helen Kraus-Natschewa an der Bayerischen Staatsoper, sagt er: „Sie hat aus mir das gemacht, was ich heute bin: eine zielstrebige, ehrgeizige Person, mit der man rechnen muss.“ Als sein Vater, ein renommierter Notar, von seiner Leidenschaft erfuhr, bereitete er ihm „zwei Jahre die Hölle auf Erden“, erinnert sich Widmann.

Nach dem Brexit zurück nach Geretsried

Mit 22 Jahren lernte er an der Staatsoper den acht Jahre älteren Solotänzer Kenneth Barlow kennen und lieben – noch etwas, was der Vater anfangs gar nicht akzeptieren konnte. Mit dem Engländer, den er im Gespräch nur liebevoll-distanziert „den Barlow“ nennt, lebt er bis heute zusammen. 1969 beendeten beide ihre Ballettkarriere, stiegen in den Kunsthandel ein und eröffneten ihre erste Galerie in Schwabing. Parallel studierte Widmann Pädagogik; in den 1970er-Jahren arbeitete er in der Nähe von Ebersberg als Grund- und Sonderschullehrer. Bis es ihn wieder zum Tanztheater zog – diesmal als stellvertretender Ballettdirektor.

Zwischendurch lebte das Paar mal in London, mal in Marbella, im sogenannten Kunstbunker in Geretsried, dann wieder im englischen Bournemouth. „Den Barlow hat's immer wieder in den Füßen gejuckt, und ich hab‘ gemacht, was er wollte“, sagt Widmann mit einem Lächeln und einer Spur Ironie in der Stimme. Nach dem Brexit ließen sie sich erneut in Geretsried nieder.

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Für den Tierschutz brach er schon mal das Gesetz

An der spanischen Costa del Sol wurde er, gelangweilt vom „sonnengebräunten dummen Schönheitskult“, zum militanten Tierschützer. In acht Jahren habe er rund 4500 misshandelte Jagdhunde und andere Kreaturen gerettet, so Widmann. „Einmal hat mich ein Hundebesitzer beim Einbruch erwischt und ist mit dem Messer auf mich losgegangen“, erzählt er. Er lacht dabei. „Leider Gottes habe ich ihn unglücklich mit der Vorhangstange am Kopf erwischt.“ Ernsthaft verletzt sei der Spanier nicht gewesen, aber man habe ihm daraufhin nahegelegt, das Land zu verlassen. Kurzerhand mieteten sie ein Privatflugzeug, aus dem sie die Sitze ausbauen ließen: So konnten ihre 25 Hunde und zehn Katzen bequem mit nach Deutschland reisen.

Das Sammeln kann man nie bleiben lassen. Wenn mich ein Stück interessiert, muss ich es kaufen.

Er schenkte der Stadt Kunstwerke im Wert von drei Millionen Euro

Die Galerien, die sie über viele Jahre in München und London in Bestlagen besaßen, brachten viel Geld ein. Geld, mit dem sie sich großzügige Anwesen an ihren jeweiligen Wohnorten leisteten und sich eine riesige private Kunstsammlung aufbauten. Einen Teil davon schenkte das Paar 2018 der Stadt München: 680 Werke aus dem 20. Jahrhundert, deren Wert auf insgesamt drei Millionen Euro geschätzt wurde. In der 135-Quadratmeter-Wohnung an der Isar stehen noch rund 200 Bilder hinterm Schrank, sagt Widmann, weil er keinen Platz mehr zum Aufhängen gefunden habe. Auch ein zusätzlicher Lagerraum sei vollgestopft mit diversen Kunstgegenständen. Dennoch meint er: „Das Sammeln kann man nie bleibenlassen. Wenn mich ein Stück interessiert, dann muss ich es kaufen.“

Vor zwei Jahren wurde bei ihm Darmkrebs diagnostiziert, durch eine hocheffiziente Immuntherapie sei er aber derzeit tumorfrei. „Ich habe ein unglaublich bewegtes Leben gehabt“, sagt er. Seine Familie, das sind jetzt sein Hund, sein Kater und „der Barlow“. Um sie dreht sich auch der wichtigste Wunsch, den Widmann für die Zukunft hat: „Dass ich die drei überlebe. Weil ich für alle eine unglaubliche Verantwortung spüre.“

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